Wie spielt man Französisch? – Thomas Luther und Jürgen Jordan

Aus der PSM Redaktion, geschrieben von Heinz-Willi Jansen am 01.03.2013
 Auf Amazon.de kaufenaus der Reihe: fritztrainer eröffnung; ChessBase GmbH, Hamburg; ISBN 978-3-86681-350-2, Preis 29,90 Euro

Es ist eine hoch interessante Idee, die uns auf dieser Trainings-DVD der Hamburger Firma ChessBase vorgestellt wird. Nicht nur ein (!) Experte, wie dieses Mal der deutsche Großmeister Thomas Luther – ausgewiesener Kenner der Französischen Eröffnung –, sondern auch noch ein weiterer Mitstreiter, Jürgen Jordan, seines Zeichens Chefredakteur der „Schach-Zeitung“ und ambitionierter Verbandsligaschachspieler, haben sich zusammengetan, um ein Schachtraining der ganz besonderen Art – quasi im offenen Dialog – zu gestalten, von dem sicherlich jeder Schachspieler profitieren kann.

Aus welchem Grund komme ich zu dieser These? Ich denke, bei vielen Experten (wahrscheinlich spätestens ab dem FM oder IM aufwärts) besteht die Gefahr, dass sie gedanklich gar nicht mehr in den „Niederungen“ des Schachspiels unterwegs sind, weil durch ihr eigenes spielerisches Niveau Dimensionen erreicht wurden, die sich dem schachlichen „Otto-Normalverbraucher“ absolut entziehen. Viele Zugfolgen wurden längst internalisiert, bzw. automatisiert, so dass der begeisterte Amateur lediglich noch staunen, aber oft nicht mehr nachvollziehen kann, was da soeben auf dem Brett passiert (ist).

Aus diesem Grund tut es diesem Lehrgang sehr gut, dass Jordan als „Normalsterblicher“ durch qualifizierte, aber auch alltägliche Fragestellungen dem GM aufzeigt, wo ein ergänzender, weil leichter zu verstehender Gedanke im Interesse des Betrachters einzuflechten ist. Die praktische Umsetzung hat mir gefallen, weil es den beiden anzumerken ist, dass sie nicht nebeneinander, sondern miteinander agieren wollen – da hat es bei manchen Dialogversuchen anderer Schach-Experten schon wesentlich schlechtere Resultate gegeben.

Die Französische Eröffnung / Verteidigung (entstanden durch die Zugfolgen 1. e2-e4, e7-e6 2. d2-d4, d7-d5) ist nach wie vor sowohl auf Großmeisterebene als auch im Vereinsspiel eine der beliebtesten Eröffnungen geblieben, die sich durchaus als sehr komplex darstellen kann. Aus der gängigen Theorie und nachfolgenden zahlreichen Analysen hat sich mittlerweile eine große Zahl an unterschiedlichen, spielbaren Varianten ergeben, die man sich nach und nach aneignen sollte, um nicht bei jeder Partie wieder aufs Neue gefordert zu sein, alle Positionen Zug um Zug mühsam erarbeiten zu müssen.

Die beiden Schachkenner bleiben bei Ihren Betrachtungen nicht nur bei den Hauptvarianten 3. e4-e5 oder Sb1-d2, Sb1-c3, bei denen Luther für Schwarz immer die Fortsetzung mit ... 3. Sg8-f6 empfiehlt, sondern auch seltener gespielte Nebenvarianten (wie z. B. im 2. weißen Zug f2-f4, b2-b3,Dd1-e2 oder im 3. weißen Zug Lf1-d3, e4xd5) werden mit berücksichtigt. Insgesamt liegen auf dem Datenträger Video-Clips mit einer Gesamtspieldauer von ca. 4,5 Stunden vor.

Bevor ich auf weitere schachtechnische Details eingehe, möchte ich noch einmal erwähnen wie positiv beeindruckt ich von dem Dialogverhalten der beiden Präsentatoren war. Das ist zum einen sehr kurzweilig und gut zu rezipieren, zum andern liefert das „Frage und Antwort“-Spielchen tolle Einblicke in die vorgestellten Absichten und Zielsetzungen. Wahrscheinlich sollte diese Form zukünftig noch mehr auf ihre glänzenden Einsatzmöglichkeiten geprüft werden – ich darf den Anbieter ChessBase jedenfalls unbedingt ermutigen, ein solches Dialog-Konzept häufiger auf seinen Lehr- und Trainings-DVDs vorzustellen.

Zurück zur Theorie: Das Reti-Gambit (nach 2. b2-b3) und auch das Flügel-Gambit (nach 2. Sg1-f3 d7-d5, 3. e4-e5 c7-c5, 4. b3-b4 ...) nehmen in der Betrachtung einen breiteren Raum ein. Auch wenn erwiesenermaßen diese Entwicklungen nicht zwingend erfolgversprechend sind, haben sie doch ihre Einsatzberechtigung, da man sich schnell abseits der gängigen, wohl analysierten Theorie bewegt – spielbar, sagen zumindest Luther / Jordan in Hinsicht auf einen echten Überraschungseffekt. Bei konzentrierter Analyse und Vermeidung taktischer Fehler bleibt jedoch in der Realität der Schwarze häufiger im Vorteil, was auch die beiden Schachkenner nicht verschweigen. Über das Chigorin-System (2. Dd1-e2) und den Königsindischen Angriff (2. d2-d3) kommen wir dann konsequent zur Abtausch- (3. e4xd5) und Vorstoßvariante (3. e4-e5), wobei die letztere aufgrund der häufigen Abspiele natürlich einen wesentlich breiteren Raum bei der Betrachtung einnimmt. Die Tarrasch-Variante (3. Sb1-d2) sowie das klassische System (3. Sb1-c3) runden mit detailliertem „Frage und Antwort“-Dialog die Präsentation der Französischen Verteidigung ab.

Wenn ich das vorgestellte Highlight noch weiter abrunden muss, darf ich keinesfalls die Protagonisten der analysierten Schachpartien außer Acht lassen, die hier versammelten Schachgrößen sprechen wieder einmal für sich (ich liste namentlich nur die WM und GM über 2700 ELO-Punkten auf): Botwinnik, Chigorin (Tschigorin), Anand, Morozevich, Ivanchuk, Carlsen, Shirov, Grischuk, Nakamura sowie 20 weitere mit ELO-Punkten über 2400.

Systemanforderungen:
Pentium-Prozessor mit 300 MHz o. besser, 64 MB RAM, Windows XP, Vista oder Windows 7, 8 (was bei dieser Hardwarevorgabe Probleme bereiten wird...), DVD-ROM-Laufwerk, Maus und Soundkarte.

Fazit:
Der vorgestellte Lehrgang hat mich beeindruckt, nicht nur wegen der Qualität der kommentierenden oder am Brett analysierten Experten, sondern im besonderen wegen der mehr als sehenswerten dialogischen Präsentation. Ich würde mir zukünftig noch mehr Produkte aus den DVD-Serien der Hamburger Firma wünschen, die diesem Maßstab entsprechen können – das ist eine beachtenswerte Form der Fortbildung und auch der Unterhaltung.

Daher vielen Dank an ChessBase für das kostenlose Rezensionsexemplar.

Heinz-Willi Jansen
(stellvertr. Schulleiter an der Kath. Hauptschule Stadtmitte in Mönchengladbach)