Monografie Weltmeister Fischer von Robert Hübner

Aus der PSM Redaktion, geschrieben von Marcus Wegener am 26.7.2006
Chessbase Monografie „Weltmeister Fischer“ von Robert Hübner, CD, etwa 30,- €

Eine Kritik über eine Publikation des Kritikers der Kritiker, Robert Hübner, zu schreiben, ist ein gewagtes Unterfangen. Deshalb werde ich mich hier auch nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, sondern vor allem die Inhalte der CD präsentieren. Monographien sind sicherlich eher etwas für absolute Spezialisten. Aber auch die mehr als 30 Jahre, in denen er sich nach seinem Weltmeisterschaftstriumph gegen Spasski vom offiziellen Schach ferngehalten hat, dürften der Sogwirkung des Namens „Fischer“ bei einem halbwegs schachinteressierten Ü40er keinen Abbruch getan haben – und für schachversessene U40er ist er ebenfalls ein Muss. Mit Fischer begann eine neue Ära des Schachspiels, unzählige Menschen werden wegen seiner Erfolge einem Schachverein beigetreten sein, um seine Züge und Wettkämpfe ranken sich Legenden ebenso wie über seine Zurückgezogenheit, seine Exzentrizität, seinen Antisemitismus und sein angebliches Wiedererscheinen auf Schachservern.

Für Mythen und Legenden ist auf dieser CD allerdings – zum Glück – nur wenig Platz. Eine Vielzahl von Schachverlagen und -autoren haben sich billiges Geld damit verdient, eine minderwertige Publikation nach der anderen über das „Schachgenie“ Robert James Fischer („Freunde und Patzer nennen mich Bobby“) auf den Markt zu werfen. So was fand immer seine Abnehmer, denn einen Kuchen zu backen war schwieriger, als etwas über Fischer zu schreiben. Man nehme die Schlüsselereignisse, -varianten und -partien (Partie des Jahrhunderts des 13-jährigen Bobbys gegen Byrne, Gewinn der US-Meisterschaft mit 100%, 6-0 gegen Taimanow, 6-0 gegen Larsen, die zwei toten Fliegen in Fischers Stuhl bei der WM in Reykjavik), mische dies alles mit den bereits irgendwo veröffentlichten Partiekommentaren (am besten vom Meister selbst, aber selbstredend ohne eine Quellenangabe) und garniere zum Schluss mit den üblichen Lobpreisungen des Genies (Opfermann verglich Fischers 19.Tf6 aus dessen Partie gegen Benkö 1963 mit der Genialität von Einsteins Relativitätstheorie) – fertig ist das Buch oder die CD zum Spieler.

Die vorliegende CD tut dies alles nicht und alleine deshalb ist sie zu loben. Ihr Inhalt besteht aus zwei Teilen. Teil 1 ist eine Sammlung von 1000 Partien Fischers, darunter Raritäten wie Partien Fischers als Zwölfjähriger oder aus seinen Simultanspielen. Dabei ist ein sehr hoher Anteil der Partien kommentiert (mit Quellenangabe!). In begleitenden Texten werden die Stationen und Ereignisse von Fischers Karriere erläutert. Wohltuenderweise wird dabei in hohem Maße Wert auf Authentizität und Objektivität gelegt. So kann man das Originalschreiben bestaunen, mit dem Fischers Mutter eingeladen wird, den kleinen Bobby zum Brooklyn Chess Club zu bringen. Auch viele andere Ereignisse und Streitfälle – von denen es bei Fischer nicht wenige gab – werden mit Briefwechseln, Zitaten usw. haarklein dokumentiert. So erscheinen die Ereignisse des Interzonenturniers von Sousse 1967, in denen Fischer nach der bisher üblichen Darstellung zurücktrat, weil die Turnierleitung sein Sabbatgebot einfach missachtete (ja, da war Bobby noch kein Antisemit!) in einem etwas anderen Licht. Dabei schreibt Peter Schneider als Co-Autor erkennbar zurückhaltend, erteilt den Dokumenten das Wort, macht deutlich, wenn eine beliebte Anekdote vielleicht nicht ganz wasserdicht ist und lässt gelegentlich auch Kritik an Fischers Verhalten durchscheinen, was bei den sonst üblichen „Fischerchören“ gerne unterbleibt. Etwas dünn fällt für meinen Geschmack allerdings die Dokumentation des Kandidatenturniers von Curacao 1962 aus. Hier hätte ich eigentlich den Abdruck von Fischers legendärem Life-Artikel „How the Russians have fixed world chess“ erwartet, auch ist Schneiders Zurückhaltung hier einmal unangebracht, denn inzwischen gilt es als sicher, dass die damals von Fischer vermutete Partienabsprache der sowjetischen Spieler untereinander tatsächlich existierte. Leider kann man sich nicht einfach von Text zu Text durchlesen, sondern muss stets über das Partienmenü zu den Texten gelangen. Auch sind einige Links zu den Partien falsch gesetzt. Aber dies ist letztlich Kleinkram, der gegenüber dieser beeindruckenden Partiensammlung und Biographie zurückstehen muss. Ich habe jedenfalls noch keine derart faktenreiche Darstellung über Fischers Schachkarriere zu Gesicht bekommen, wie diese hier. Einige Videos von Fischer (für mich nicht ganz nachvollziehbar dem 2. Teil zugeordnet) runden den Überblick über sein schachliches Schaffen ab.

Wirklich speziell wird es im 2. Teil. Hier nimmt sich Robert Hübner, seines Zeichens stärkster deutscher Schachspieler seit Weltmeister Emanuel Lasker (und außerdem Altphilologe, Rezensent und Schachanalytiker) eine Perle der Schachliteratur vor: „My sixty memorable games“ von – natürlich – Bobby Fischer. Diese Partiensammlung, die dankenswerterweise in neuer deutscher Übersetzung wiederaufgelegt wurde, erhält von Schachspielern seit Jahren immer wieder einen Spitzenplatz bei den „Best of...“ oder „Einsame Insel“ Listen. Aber rechtfertigen Fischers Analysen diesen Ruhm oder vertraut die fischerhörige Kund- und Rezensentenschaft einfach blind den Varianten des Amerikaners? Hübner zeigt anhand von etwa 130 Partiefragmenten, an welchen Stellen Fischers Analysen und sein schachliches Urteil Schwächen aufweisen. Dies nachzuvollziehen funktioniert auch ohne Kenntnis des Originals, wer aber Fischers Werk besitzt, dürfte deutlich mehr Freude an diesem Teil der CD haben. Erfreulich bei Hübners Analysen ist, dass sie entgegen seiner sonstigen Gewohnheit überschau- und nachvollziehbar gehalten sind. Also kein Variantenlabyrinth à la B3a1233,, wie es Hübner sonst bei seiner akribischen Suche nach Wahrheit gerne produziert. Hübners Fazit, in dem er u.a. Schwächen Fischers bei Beurteilung von Verteidigungsmöglichkeiten aufdeckt, aber auch dessen herausragenden taktischen Analysefähigkeiten lobt, fällt für seine sonst immer scharfe kritische Feder recht moderat aus und lässt Fischers schachliche Fähigkeiten in einem menschlicheren Licht erscheinen. Ob sich diese Erkenntnisse allerdings im Bild Fischers, dass sich die nach Genie-Storys lechzende Schachwelt von ihm macht, werden durchsetzen können, ist für den Skeptiker Hübner sehr unwahrscheinlich, wie zwei abschließende launige Beiträge von ihm zum Thema „Genie“ deutlich machen.

Mein Fazit deshalb: Wer kein Blendwerk, sondern eine ausführliche und sachliche Darstellung über Bobby Fischer sucht, wird hier fündig.

Marcus Wegener, Realschullehrer und B-Trainer des Deutschen Schachbundes