Houdini 5 Pro – 64bit Multiprozessor Version –

Aus der PSM Redaktion, geschrieben von Heinz-Willi Jansen am 06.03.2017
 Auf Amazon.de kaufenerschienen bei ChessBase GmbH, Hamburg; ISBN 978-3-86681-580-3; Preis 99,90 €

Wie schon oft in den letzten Jahren wurde mir auch kürzlich wieder von Freunden und schachbegeisterten Bekannten die sogenannte „Gretchenfrage“ gestellt: Was ist eigentlich die derzeit beste Schach-Engine, bzw. das beste Schachprogramm? Houdini, Komodo, Stockfish, Fritz, Rybka, Shredder, Deep Junior, Crafty, Fruit, Glaurung, Critter oder gar etwas anderes? Wobei noch unterschieden werden muss, ob die Software in einer 32bit- oder 64bit-Version vorliegt, was allerdings bei nahezu allen neueren Programmen gegeben ist.

Ebenso ist allen genannten Schach-Engines gemeinsam, dass sie zur Ausführung eine Umgebung benötigen (GUI = grafische Benutzeroberfläche), die es in unterschiedlichen Ausführungen (kommerziell oder auch als Freeware) gibt. Die von der Firma ChessBase angebotenen Produkte beinhalten eine solche Oberfläche auf jeden Fall.

Deshalb lässt sich die Ausgangsfrage gar nicht so ohne weiteres beantworten, weil die verfügbaren Optionen, die genutzt werden sollen, in nicht unerheblichem Maße auch von den Qualitäten und Anforderungen der Nutzer und Nutzerinnen abhängig sind. Falls es lediglich ums Schachspielen in Ermangelung eines menschlichen Gegenübers geht, ist wirklich nahezu jedes Schachprogramm den Fähigkeiten eines Durchschnittsspielers so deutlich überlegen, dass viele sich schon veranlasst sehen, die Engine bewusst „abzuspecken“ oder in niedrigeren Spielstufen zu betreiben, um nicht permanent zweiter Sieger zu sein. Dazu bedarf es also meines Erachtens nicht dieser exquisiten Qualitäten der Schachprogramme.

Anders sieht es hingegen aus, wenn ein höheres Schachniveau beim potentiellen Käufer vorliegt oder das Erreichen eines solchen gewünscht wird. Ein(e) ambitionierte(r) Vereinsspieler/-in wird beispielsweise sein/ihr Training mit Hilfe einer Schach-Engine optimieren und damit zu einer Verbesserung seines/ihres Levels nutzen können. Auch eigenes Nachspielen und Partieanalysen können deutlich qualifizierter durchgeführt werden. Taktische, strategische, sowie positionelle Vorgehensweisen oder Opferstrategien lassen sich leichter auf ihre Tauglichkeit hin überprüfen – jeder erhält umgehend seine gewünschte Rückmeldung. Für den Schachprofi ist ein solches Programm „state of the art“, Partie- und Turniervorbereitungen ohne solche Software gehen heutzutage nicht mehr.

Diese einleitenden Gedanken sind meines Erachtens notwendig gewesen, um den in dieser Rezension geschilderten Merkmalen des neuen „Houdini 5 Pro x64“ einigermaßen folgen, bzw. sie richtig einschätzen zu können.

Der Lieferumfang des Softwarepakets umfasst folgende Komponenten:

* Houdini 5 Pro Engine (Multiprozessor-Engine mit bis zu 128 Kernen und 128 GB Arbeitsspeicher)
* Programmoberfläche des neuen Fritz 15
* Sechsmonatige Premium-Mitgliedschaft für den Schachserver playchess.com und die ChessBase Accounts
* Sechsmonatiger Zugriff (Internet) auf die Analysedatenbank „Let’s Check“ mit mehr als 200 Mio. Engine-Analysen

ChessBase schreibt auf der eigenen Internetseite: „Robert Houdart ist es mit seiner neuen Version Houdini 5 gelungen, sich im Kreis der absoluten Spitzenprogramme zurückzumelden“.

Dieser Aussage kann man sich ohne weiteres anschließen, zumal (in meinen Augen sehr angenehm) darauf verzichtet wurde, diese Software als spielstärkstes, weltbestes oder wie auch immer genanntes Schachprogramm zu bezeichnen. Die Abstände an der aktuellen Spitze und Unterschiede der Schach-Engines sind gering und nur in Marginalien feststellbar.

Wie schon in der Vergangenheit habe ich zur Verdeutlichung und besseren Anschauung der Fähigkeiten der Kontrahenten auf meinem häuslichen PC-System (Intel i7-Prozessor, 32 GB RAM, Windows 10 Pro 64-bit, SSD-Festplatten, NVidia GeForce GTX 1070-Grafik) unterschiedliche Tests (Engine-Duelle und auch Engine-Turniere) durchgeführt.

Als Testumgebung wählte ich bei den Engine-Zweikämpfen für die getesteten Produkte (Houdini 5 Pro, Komodo 10.3, Stockfish 8, Stockfish 6 – die beiden letztgenannten sind Freeware – alle in der 64bit-Version) die gleichen Bedingungen, d.h.: ohne Eröffnungsbuch, 4 Prozessorkerne, Hashgröße 8192 MB, Zeitvorgabe 5 Minuten (ohne zeitlichen Zugbonus), Benutzung von Endspieldatenbanken (Nalimov / Syzygy), Wettkampf über 100 Partien.

Ich habe mich auf die derzeit am höchsten eingeschätzten Engines aus den Fachforen und der Schachpresse beschränkt. Ältere und weitere Produkte habe ich wegen bereits vorliegender Ergebnisse außer Acht gelassen.

Meine Messergebnisse möchte ich hier als reine Auflistung in Prozentsätzen darstellen:

1. Vergleich:
Houdini 5 Pro – Komodo 10.3: 12% Siege – 80% Remis – 8% Niederlagen (aus Sicht Houdinis)

2. Vergleich:
Houdini 5 Pro – Stockfish 8: 24% Siege – 64% Remis – 12% Niederlagen (aus Sicht Houdinis)

3. Vergleich:
Houdini 5 Pro – Stockfish 6: 42% Siege – 50% Remis – 8% Niederlagen (aus Sicht Houdinis)

Bei den Resultaten fällt auf, dass bei der 6er-Version der Stockfish-Engine weniger Niederlagen zu verzeichnen waren, als bei der neueren 8er-Version. Das mag vielleicht daran liegen, dass im Sinne einer fundierten, empirisch belegbaren Untersuchung die Anzahl der Partien (100) nicht absolut aussagekräftig ist. Jedoch kommen Analysen im Internet zu ähnlichen Ergebnissen.

Um meine Erkenntnisse zu festigen, habe ich ergänzend ein Engine-Rundenturnier auf meinem Rechner ablaufen lassen (gleiche Bedingungen wie bei den Zweikämpfen mit Hin- und Rückrunde) mit folgenden Teilnehmern:

Houdini 5 Pro, Houdini 4 Pro, Komodo 10.3, Komodo 9.1, Stockfish 8, Stockfish 6

Das Turnierergebnis lautete wie folgt: (Punkte aus Partien)

1. Houdini 5 Pro (32,5 aus 50)
2. Komodo 10.3 (32,5 aus 50)
3. Stockfish 8 (27,5 aus 50) – Freeware
4. Houdini 4 Pro (25 aus 50)
5. Komodo 9.1 (17,5 aus 50)
6. Stockfish 6 (15 aus 50) – Freeware

Dass Houdini 5 Pro punktgleich mit Komodo 10.3 trotzdem auf Platz 1 ist, liegt daran, dass Houdini gegen den im Ergebnisrang höheren Stockfish 8 einen Sieg mehr erzielte als Komodo.

Systemvoraussetzungen:
Minimum: Pentium-PC III 1 GHz, 2 GB RAM, Windows 7, 8 oder10, DirectX9, Grafikkarte mit 256 MB RAM, DVD-ROM-Laufwerk, Windows Media Player 9 und Internetzugang zur Aktivierung und für Aktualisierungen.

Empfohlen: PC mit Intel i5 (Quadcore-Prozessor), 4 GB RAM, Windows 8.1 oder 10, DirectX10, Grafikkarte mit 512 MB RAM oder mehr, 100% DirectX10, Windows Media Player 11, DVD-ROM-Laufwerk und Internetzugang zur Aktivierung und für Aktualisierungen.

Fazit:
Nach fast drei Jahren gibt es wieder einen neuen „Houdini“. Die aktuelle Programmoberfläche und -bedienung (Fritz 15) sind für mich wieder Qualitätsmaßstab. Houdini 5 verwendet zudem den „lazy SMP“-Algorithmus und bringt laut Hersteller auf Multiprozessorsystemen bessere Ergebnisse als jemals zuvor. Die neue Engine kann nun eine Rechenleistung von bis zu 128 Kernen gleichzeitig und einen RAM-Speicher von bis zu 128 GB verwenden.

Der 6-monatige Premium-Zugang zu Schach.de und die Möglichkeit, an der ChessBase Cloud teilzuhaben, sind gut und hilfreich für den recherchefreudigen Schachfreund. Die Qualität der Engine geht meines Erachtens absolut in Ordnung. Leider zeigen sich jedoch immer wieder im Internet Erkenntnisse, die darauf verweisen, dass manch eine Engine ein Plagiat einer anderen ist. Manche Autoren und auch die Ranglistenergebnisse einzelner Programme gelten als verpönt und oft wird eine Veröffentlichung vermieden. Ich sehe mich außerstande, diesen Sachstand zu überprüfen und möchte mich nicht an einer „Hexenjagd“ beteiligen.

Es bleibt festzuhalten: wer eine leistungsstarke Engine sucht, mit der man lernen und analysieren kann und die auch aktuell ist, mag hier zugreifen. Wer sich für eine kostengünstige Alternative entscheiden möchte, sollte nur bedenken, dass dann keine sehr gute Oberfläche (Fritz 15), kein Premium-Zugang zu „playchess.com“ sowie zu den ChessBase-Accounts vorhanden ist und auch kein Onlinezugriff auf die weltweit größte Analysedatenbank „Let’s Check“ – aber das entscheidet jede(r) mit seinem Geldbeutel.

Vielen Dank an die Hamburger Firma ChessBase für das kostenlose Rezensionsexemplar.

Heinz-Willi Jansen
(ehemaliger stellvertr. Schulleiter und nunmehr Pensionär)