Henrik Schlößner „Testen Sie Ihr Schach“

Aus der PSM Redaktion, geschrieben von Marcus Wegener am 02.08.2006
Henrik Schlößner „Testen Sie Ihr Schach“ Chessbase CD, 24,99 € unverb. Preisempf.

Hier steht zwar „Testen“ drauf, es steckt aber kein „Testen“ drin! Die Idee, die hinter der neuesten Produktion von ChessBase Autor Henrik Schlößner steckt, hat ihre gedruckten Vorläufer in Hort /Jansa „Der beste Zug“ und der bekannten „Testbuch“-Reihe (Autoren: Feustel, Konikowski, Schulenburg, Treppner) aus dem Beyer-Verlag: Statt der herkömmlichen „Sie sind am Zug...“-Aufforderung bekommt der Übende Aufgaben gestellt, bei denen er sich zwischen mehreren Multiple-Choice-Lösungen entscheiden muss (und die damit neben der richtigen Antwort auch völlig falsche enthalten).
Im ersten Moment wird dies vielleicht Stirnrunzeln hervorrufen: „Eine Schachpartie ist doch keine Medizinerprüfung!“ Wer sich jedoch selbst einmal solchen Testaufgaben unterzieht, wird merken, dass diese auch ihren Vorteil gegenüber der üblicheren Zugabfrage haben. So lässt sich z.B. mit der Multiple-Choice-Methode auch die Stellungseinschätzung des Trainierenden ermitteln, die im Gesamtverlauf einer Schachpartie sicher häufiger relevant ist als die konkrete Variantenberechnung. Außerdem entspricht die Unsicherheit des Lösers mehr den realen Verhältnissen, denn häufig ist man sich während der Partie ja wirklich nicht sicher, wer denn gerade eigentlich auf Gewinn steht – bei den „Sie sind am Zug...“-Aufgaben ist dem Trainierenden aber eigentlich immer klar, dass er nur nach einem bestimmten Gewinnweg suchen muss. Im Übrigen obliegt es auch bei dem Multiple-Choice-Verfahren dem Löser, seine Entscheidung mit einer oder mehreren konkreten Variante zu belegen, so dass man kaum durch Rateglück alleine zur Lösung gelangen wird.
Vortreffliche Gründe also dafür, in ChessBase die Funktion von Multiple-Choice-Fragen in den Aufgabenmodus zu integrieren und ein entsprechendes Produkt dazu auf den Markt zu bringen. Mit den 555 Aufgaben und ihrer Mischung ist der Anwender auch gut bedient. Schlößner hat interessante Aufgaben zu den Bereichen Matt, Fehler, Angriff, Stress, Verteidigung, Materialgewinn und Stellungsbeurteilung zusammengestellt, die der Anwender als einzelne Themen oder in zufälliger Reihenfolge lösen kann. Besonders gut gefallen mir die Ideen der „Fehler“- und der „Stress“-Aufgaben: Bei ersteren geht es darum, einen naheliegenden Fehler zu vermeiden – ein seltener, aber realitätsnaher Aufgabentyp. Bei den „Stress“-Aufgaben hat der User gerade einmal 30 Sekunden Zeit, um eine Entscheidung zu treffen, ansonsten gibt es keine Punkte! Insgesamt wird man mit der CD also durchaus seinen Trainingsspaß haben, man sollte sich aber vor dem Kauf über einiges im Klaren sein:



Vom Preis her sind die über 500 Aufgaben ziemlich wenig, wenn man sie mit den tausenden von Aufgaben der Renko-CDs vergleicht, Mehraufwand/-ertrag durch die Multiple-Choice-Geschichte hin oder her. Auch die Gegenüberstellung mit den o.a. Testbüchern, die zwar weniger Aufgaben pro Euro, dafür aber in der Regel ausführlichere erklärende Lösungen enthalten, fällt bestenfalls knapp zugunsten von „Testen Sie Ihr Schach“ aus. Am allerwenigsten kann ich mich aber mit dem Titel anfreunden, der den Käufer für meinen Geschmack in die Irre führt. Denn nach wie vor bleibt es dabei, dass der Anwender von ChessBase-Software keinerlei Rückmeldung über seine Testergebnisse erhält, wenn man von einer kümmerlichen Prozentangabe absieht (einzige rühmliche Ausnahme bildete bisher die Bartashnikov-CD „Schachstrategie 1“). Für eine CD, die mir im Titel verspricht, dass ich mit ihr mein Schach testen kann, ist dies einfach zu wenig. Dies ist umso ärgerlicher, als doch gerade die von Schlößner so arbeitsreich erfolgte Zusammenstellung der unterschiedlichen Aufgabentypen beste Voraussetzungen böte, dem Trainierenden sogar eine differenzierte Rückmeldung über sein Ergebnis zu geben. Er könnte nicht nur die Rückmeldung erhalten, wie seine erzielte Punktzahl eingeschätzt wird, sondern beispielsweise auch erfahren, dass er zwar Angriffe gut führt, aber in der Verteidigung schwächelt. Darüber hinaus könnte der User eventuell noch Tipps erhalten, mit welchen Übungsmethoden sich an seinen Schwächen arbeiten ließe. Einfach schade, dass ChessBase nach wie vor an diesen Möglichkeiten kurzerhand vorbeigeht...

Fazit: Eine nette CD, die leider ein wenig als Mogelpackung daherkommt!

Marcus Wegener, Realschullehrer und B-Trainer des Deutschen Schachbundes