Garri Kasparow „Meine großen Vorkämpfer“

Aus der PSM Redaktion, geschrieben von Marcus Wegener am 28.08.2006
Die herausragenden Partien der Schachweltmeister.
Band 5: Tigran Petrosjan, Boris Spasski, Praxis Schach, Edition Olms, ca. 300 Seiten + CD, € 29,95 (http://www.edition-olms.com)

Professor Doktor Gustav von Bunge aus Basel (1844-1920) war ein erklärter Feind des Alkohols und gilt als Mitbegründer der Abstinenzbewegung (siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Gustav_von_Bung sowie http://www.edimuster.ch/alkoholgeschichte/bunge.htm und dortige Links). Von Bunges im 19. Jahrhundert viel beachtete Vorträge, in denen er u.a. darauf hinwies, „dass unter den alkoholischen Getränken das Bier das allerschädlichste ist, weil kein anderes in dem Maße dazu sich eignet, zur Betäubung der langen Weile missbraucht zu werden“, ließen seine Landsleute, darunter den Schweizer Literaturnobelpreisträger Carl Spitteler, durchaus nicht unbeeindruckt: „Ich selber musste [...] ein Glas guten, sehr guten Weines trinken, um mich zu überzeugen, wie stark und unangenehm die sündhaften Bande noch sind, die mich an den von Herrn Bunge so unglimpflich behandelten alten Bacchus gefesselt hatten.“ Auch wenn von Bunges Verdienste um die abstinente Schweiz, wie wir sie heute kennen, etwas in Vergessenheit geraten sind, sollten zumindest Fans der Zeichentrickfigur Popeye des Professors Namens in Ehre gedenken: Ohne Herrn von Bunges Forschungstätigkeit im 19. Jahrhundert wäre Popeye, der ankertätowierte Seemann mit dem verkniffenen Gesicht und den wunderlichen Unterarmen wohl nie der Retter von großfüßigen Frauen geworden, als den wir ihn heute kennen.
Denn es waren Professor von Bunges Untersuchungen an getrocknetem „Spinacia oleracea“, woraus – wohl ohne sein Verschulden – die Legende vom unglaublich hohen Eisengehalt des Spinats ihren Anfang nahm. Sei es aufgrund eines simplen Kommafehlers bei der Abschrift der Ergebnisse oder, wie ebenfalls kolportiert wird, wegen der später fehlenden Hinzurechnung des Wassergehalts bei frischem Spinat: Der Eisengehalt des Grünfutters geisterte seitdem zehnfach überhöht durch die Weltgeschichte (http://de.wikipedia.org/wiki/Spinat und http://de.wikipedia.org/wiki/Verbreiteter_Irrtum ). Und weil Popeye gemäß dem Willen seines Schöpfers E. Segar seine übermenschlichen Kräfte nur nach dem Verzehr von Spinat entwickelt, darf unser honoriger Vitaminforscher von Bunge in der Vita des Trickfilmmännchens eigentlich nicht fehlen. Popeye im Übrigen hat, so will es die Erzählung, die amerikanische Jugend im frühen 20. Jahrhundert derart zum Verzehr des so gepriesenen Gemüses motiviert, dass man noch heute in Crystal City, Texas, ein 1937 von dankbaren Spinatbauern aufgestelltes Popeye-Denkmal realiter bestaunen kann (http://de.wikipedia.org/wiki/Popeye ; http://en.wikipedia.org/wiki/Crystal_City,_Texas ; http://www.texasescapes.com/They-Shoe-Horses-Dont-They/Popeye-Sailors-in-Limestone.htm ). Dochdoch, Sie sind hier richtig bei der Besprechung des o.a. Schachbuches. Verzeihen Sie den weiten Bogen, der hier geschlagen wird – ich verspreche, dass sich diese Rezension auch noch dem Thema „Schach“ und Garris Buch zuwenden wird. Wenn Sie einfach nur wissen wollen, wie ich das Buch von Kasparow finde, springen Sie bitte runter zu dem Absatz, der anfängt mit „Ach ja, Kasparow.“
Nun schwirren in den Köpfen der Menschheit eine Menge „populärer Irrtümer“ herum, von gefährlichen wie „Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg“ über verzeihliche wie „Gerhard Schröder ist Sozialdemokrat“ bis hin zu amüsanten wie „Schachspieler sind intelligente Leute“. Nur in seltenen Fällen gelingt es jedoch, der Irrungen wieder Herr zu werden und Fakten an die Stelle der mündlichen Überlieferung, der (modernen) Sagen, der Legenden und Mythen treten zu lassen. Den Spinat betreffend ist inzwischen allerdings den meisten geläufig, dass in Sachen Eisengehalt selbst verpönte Grundnahrungsmittel wie Schokolade den einstmals von Muttern so auffordernd auf den Teller geblubbten grünen Brei ausstechen. Die Mär vom metalloiden Grünzeug fällt heutzutage wohl eher unter die Kategorie der „populären widerlegten Irrtümer“ – ein seltenes Beispiel für eine gelungene Volksaufklärung. Freilich mag der Erfolg damit zu tun haben, dass in diesem Fall die Flamme der Wahrheit nur den Spinatbauern den Bart verbrannte, während insbesondere die jüngere Bevölkerung begierig die Fakten aus der Brust der wissenschaftlichen Erkenntnis sog, um die erlangte ernährungswissenschaftliche Beschlagenheit beim nächsten Mittagessen zielgerichtet anwenden zu können: „Bäääh, Spinat! Und der macht überhaupt nicht stark!“
Fragt sich nur, wie man mit Popeye verfahren sollte? Aber es wird doch wohl niemand eine Zeichentrickserie einstampfen lassen, weil die gezeigten Inhalte nicht mehr dem wissenschaftlichen Standard entsprechen?!

Die Geschichte des Schachs quillt über vor Schachgeschichten, Legenden und „populären Irrtümern“. Eine ernsthafte Aufarbeitung bereits veröffentlichter Partieanalysen oder des historischen Hintergrundes, vor dem eine Partie gespielt wurde, war in Schachpublikationen bis in die 1980er Jahre hinein völlig unüblich und heutzutage sieht es nur ansatzweise besser aus. Dies mag verwundern, wenn man an die streng rationale Aura denkt, die das Schachspiel umgibt. In Wirklichkeit handeln und schreiben Schachspieler jedoch nicht weniger emotional oder bequem als wir Normalsterblichen. Verschiedene Gründe tragen demnach dazu bei, dass viele Schachbücher einem seriösen Standard nicht einmal ansatzweise genügen:
  • Es gibt kein Copyright auf Varianten. Wenn Schachmeister XY in seinem Buch über den letzten WM-Kampf eine Stellungseinschätzung mit einer bestimmten Zugfolge belegt, können Krethi und Plethi die Variante komplett übernehmen – sie müssen nicht einmal eine Quelle angeben! Denn wer will ihnen beweisen, dass sie nicht selbst auf das Abspiel gekommen sind? Viele, viele Partiensammlungen sind lediglich ein Konglomerat aus verschiedenen, bereits woanders veröffentlichten Texten und Varianten – selbstverständlich ohne dass dies für den Leser irgendwo erkennbar wäre! Und viele dieser immer wieder abgeschriebenen Varianten sind einfach falsch.
  • Auch Schachspieler sind eitel. Wer widerlegt sich schon gerne selbst? Wer gibt schon gerne zu, dass die brillante Neuerung keine Eingebung am Brett, sondern reine häusliche Vorarbeit war? Also werden Partien so kommentiert, dass das eigene überlegene Schachverständnis in schönstem Licht erstrahlt, neben dem der Gegner nur blass aussieht. Auch psychologische Kriegsführung kann bei manchem Kommentar eine Rolle spielen: Nicht selten werden wichtige Varianten nicht preisgegeben oder enthalten sogar absichtlich Löcher, um noch in weiteren Partien die Punkte damit einfahren zu können.
  • Schachbücher rentieren sich nicht. Rechnet man die Arbeitszeit in Stunden gegen den Verdienst, zahlt man als Schachspieler bei der Anfertigung einer hochwertigen Partienanalyse eher drauf. Die Erfassung der „schachlichen Wahrheit“ in einer Partie kann, je nach Eifer und Besessenheit, durchaus Monate oder Jahre dauern. Je mehr Arbeit man also in ein Schachbuch steckt, umso weniger lohnt es sich...
  • Schach ist schwer. Ein schachbegeisterter Amateur könnte soviel Energie und Redlichkeit in eine Analyse legen, wie er wollte, er könnte brav alle Quellen erforschen und inzwischen auch seinen FRITZ als Analysehelfer hinzunehmen – er verfügt einfach nicht über das nötige Spezialwissen, um eine zwischen Großmeistern der Extraklasse gespielte Partie gebührend zu werten. Dementsprechend kann unsereins einem großmeisterlichen Autor sowieso kaum einen Fehler nachweisen. Und welcher GM macht sich schon die Mühe, Analysen eines Großmeisterkollegen nachzugehen?
  • Schach ist schwer verständlich. Das Interesse an Schach ist durchaus groß, aber die hinter einer Partie stehenden Gedanken und Varianten sind außerordentlich schwer zu vermitteln, wenn sie den Akteuren oder anderen Meistern überhaupt selbst klar sind. Um das Publikumsinteresse dennoch zu befriedigen, werden eben jene Geschichtchen, Plattitüden und Legenden in die Partiebesprechung eingeflochten, die den Ruf einer Partie oder eines Spielers oft über Jahre und Jahrzehnte bestimmen – unabhängig von ihrem schachlichen Wahrheitsgehalt.
  • Jahrzehntelang stellte die Sowjetunion praktisch die gesamte Weltelite des Schachs. Die Diktatur des Proletariats machte dabei folgerichtig vor dem Denksport nicht halt: Missliebige Großmeister wurden in der UdSSR und ihren Anhängerstaaten totgeschwiegen, Turnierverläufe von oben dirigiert und manipuliert – da war und ist es teilweise schwer zu beurteilen, wieviel Wahrheitsgehalt in so mancher kolportierter Anekdote und wieviel Ideologie in einer Reihe von Werturteilen steckt/e. Wer, außer den Sowjets, war zum Beispiel in der Lage, das Spiel von Bobby Fischer zu charakterisieren? (Dessen Äußerungen natürlich wiederum selbst deutlich von seinen Abneigungen geprägt waren.) Hinzu kommt die Vorliebe der „russischen Seele“ zum Erzählen von Geschichten, deren Wahrheitsgehalt besser nicht überprüft werden sollte: „Und dann sagte mir Wassili Wassiljewitsch: ‚KGB hin oder her, morgen setze ich ihn matt!’ “


  • Gottseidank wird aber nicht nur schlecht gearbeitet! Ken Whyld, der Herausgeber des „Oxford Companion to Chess“ war der Pionier, sein Schachlexikon war das erste, das diesen Namen zu Recht trug (http://www.kwabc.org ). Edward Winter mit seinen „Chess Notes“ geht seit 1982 regelmäßig zusammen mit engagierten Lesern wirklich allem nach, was irgendwie mit Schach zu tun hat. Wann genau lebte der und der Schachspieler, wurde eine Partie tatsächlich gespielt oder ist sie erfunden worden, wer ist die zweite Person von rechts auf dem Turnierfoto von 1896 usw. usf. Und ALLES, was veröffentlicht wird, wird belegt! (http://www.chesshistory.com ) In Deutschland folgte ihm 1992 mit ähnlicher Arbeitsweise Harald E. Balló (http://www.ballo.de/index.html) .
    Weiter ist Stefan Bücker (Hrsg. des „Kaissiber“) zu erwähnen, der ebenso stets Wert auf Quellenangaben legt und Schachgeschichte nicht als Sammlung von Anekdoten versteht (http://www.kaissiber.de ). Und schließlich der Meister selbst, Robert Hübner. Als promovierter Altphilologe ans wissenschaftliche Arbeiten gewöhnt, geht Hübner mit akribischem Quellenstudium seit geraumer Zeit der Frage nach, wieviel Substanz im Kanon der schachlichen (Vor-)Urteile über Partien, Wettkämpfe und Spieler steckt. Dabei macht sich der ehemalige Weltmeisterschaftskandidat als einziger Spieler dieser Spielstärke auch die Mühe, Partien und Quellen des 19. oder frühen 20. Jahrhunderts zu erforschen (eine Anstrengung, die aufgrund ihrer Nutzlosigkeit für den täglichen Broterwerb andere GMs nicht einmal erwägen würden). Hübners Feststellung: Nur sehr wenige Neuveröffentlichungen tragen Wesentliches zur Bewertung einer Partie bei, meist wird Altbekanntes (und Falsches) wiederholt, ob es sich um Varianten handelt oder die Charakterisierung von Spielern. Im weiten Feld der Schachpublikationen ist Robert Hübner einer der ganz wenigen, der gegen den Mainstream schwimmt, indem er gerade die gängigen Behauptungen zu hinterfragen und widerlegen sucht. Hübner kämpft energisch gegen jeden Kommafehler, um die Schachgemeinde auf den wahren Eisengehalt im „Schachspinat“ hinzuweisen – auch wenn er immer wieder feststellen muss, dass diese Gemeinde lieber weitere Popeye-Folgen konsumiert, als sich von trockenen Fakten ernüchtern zu lassen. Besonders allergisch reagiert der deutsche Großmeister auf die gängige Darstellung, Lasker habe ins Schach die „psychologische Spielweise“ eingeführt (Wahl eines Zuges nach dem Kriterium, der Spielweise des Gegner möglichst unangenehm zu sein). Auch wenn Hübners Kritiken manchmal etwas beckmesserisch und auch für mich nicht immer ganz nachvollziehbar sind, bleiben sie aber allemal interessant und anregend.

    Ach ja, Kasparow. Der hat nun eine Buchreihe auf den Markt geworfen, die wirklich ihresgleichen sucht: Zunächst auf Russisch, dann auf Englisch bei Everyman Publishers („My great predecessors“) erschienen, verlegt jetzt die Edition Olms „Meine großen Vorkämpfer“: Eine Geschichte der Schachweltmeister und des Schachs in 8 (acht!) Bänden. Vorneweg: Kasparow und dem Olms Verlag gebühren für diese Anstrengung Respekt und Anerkennung. Denn die Arbeit an einer solch enormen Publikation ist, wie zuvor geschildert, eine undankbare Angelegenheit, der sich nur wenige Großmeister und Verlage heutzutage widmen wollen. Garri Kasparow hatte im Übrigen bereits in den 80er Jahren mit seinen Büchern über seine Weltmeisterschaftskämpfe mit Karpow und dem legendären „Von der Zeit geprüft“ Maßstäbe in der Partieanalyse gesetzt. Diese Werke Kasparows sind echte Meilensteine der Schachliteratur, da noch nie zuvor ein Weltmeister derartig selbstkritisch und tiefschürfend gearbeitet sowie Einblick in seine Gefühlswelt und Arbeitsweise gegeben hatte – vor allem nicht Kasparows Vorgänger Anatoli Karpow, dessen Partieanalysen dem Leser immer nur zeigen sollen, welch guter Spieler Anatoli Karpow ist...
    Hohe Erwartungen verknüpfen sich also mit dieser Reihe über die Weltmeister des Schachs – und Robert Hübner, dessen 25-seitige Rezension des 1. Bandes in der Zeitschrift „Schach“ (11 +12/2003) erschien, war enttäuscht: „Wer eine oberflächliche Einführung in das Gebiet sucht, wird sich nicht schlecht bedient finden.“ („Schach“ 12/2003, S. 48) Hübner führt eine ganze Reihe von Mängeln auf: Die offensichtliche Verwendung von Quellen (darunter auch Veröffentlichungen von Hübner selbst!) ohne deren Angabe, die Vermischung von Fakten und Legenden sowie die kritiklose Übernahme altbekannter Vorurteile. Edward Winter legt seinen Finger in dieselbe Wunde (http://www.chesshistory.com/winter/extra/kasparov.html ). Ich habe den 1.Band (noch) nicht erworben, aber es war interessant, den gerade erschienenen 5. Band im Hinblick auf die geäußerte Kritik unter die Lupe zu nehmen.
    Der vorliegende Titel hat die beiden Weltmeister Tigran Petrosjan (WM 1963-1969) und Boris Spasski (WM 1969-1972) zum Inhalt. Allerdings konnte sich Kasparow lobenswerterweise nicht entsagen, in sein Projekt auch herausragende Spieler aufzunehmen, denen der Titel versagt blieb, in diesem Band sind dies die Großmeister Svetozar Gligoric, Lew Polugajewski, Lajos Portisch und Leonid Stein.



    Zur Aufmachung: Wie beim Olms Verlag gewohnt ein gut eingebundenes und sauber gedrucktes Buch im Hardcover. Ich kann mich nach wie vor mit der Allerweltsschriftart „Arial“ nicht so recht bei Büchern von Olms anfreunden, die doch erkennbar mit dem Willen publiziert werden, gegen den Trend zu elektronischen Datenträgern etwas im herkömmlichen Sinne „Bleibendes“ zu schaffen. Die beiliegende CD enthält zwar leider nicht die Kommentare Kasparows, aber alle Partien der beiden besprochenen Weltmeister – über ihre Notwendigkeit lässt sich gewiss debattieren. Der Preis schiene mir auch ohne dieses Extra noch gerechtfertigt, denn der Band enthält knapp 100 ausführlich kommentierte Partien. Bedauerlicherweise kommt „Meine großen Vorkämpfer“ als völlige Bilderwüste daher: Gerade ein(!) Foto je Weltmeister hat den Weg zwischen die Buchdeckel gefunden. Damit geht es den Weltmeistern aber immerhin etwas besser als Leonid Stein und den anderen mitbesprochenen Großmeistern, die überhaupt nicht abgebildet werden.
    Dem Projekt wirklich nicht angemessen sind auch Inhaltsverzeichnis und Register: Da man im Inhaltsverzeichnis lediglich die Kapitelüberschriften erneut abgedruckt hat, wird man an dieser Stelle z.B. die Beiträge über Polugajewski und Stein vergeblich suchen, es sei denn, man hätte sich gemerkt, dass deren Kapitel die Überschriften „Der Löwe zeigt seine Krallen“ und „Ein verglühender Stern“ tragen. Dabei bräuchte Olms nur die Namen in Klammern dahinter zu setzen und der Leser wäre zufrieden. Das Register macht einen ebenso kümmerlichen Eindruck: Auf einer Seite zusammenquetscht befinden sich hinter den Namen der Spieler die Nummern ihrer Partie (also keine Seitenangabe, viel Spaß beim Blättern!) und ein unübersichtliches Eröffnungsverzeichnis. Zum Vergleich: Bei der von mir ebenfalls besprochenen Partiensammlung von Boris Gelfand (aus demselben Verlag) ist der Anhang neun Seiten lang und unterteilt in ein Personen-, ein Partie- und ein Eröffnungsregister, das darüber hinaus deutlich macht, welche Farbe die Person in der Partie hatte und ob es sich um eine vollständig kommentierte Partie oder nur ein eingeschobenes Partienfragment handelt. Für eine sicherlich folgende 2. Auflage würde ich in diesen Punkten jedenfalls dringend um Nachbesserungen bitten.
    Das Herzstück aber bilden selbstverständlich die Schilderungen der einzelnen Spieler und die Partienkommentare. Der bekannte Schachjournalist Dirk Poldauf als Bearbeiter und Übersetzer aus dem Russischen hat den blumigen Stil Kasparows nicht ohne die eine oder andere Ungereimtheit ins Deutsche übertragen, insgesamt lässt sich der Text aber trotzdem recht gut lesen. Außerdem hatte Poldauf gewiss einige Schwierigkeiten, sich durch die Vorlage zu kämpfen, denn wie aus einer editorischen Anmerkung hervorgeht, war man bemüht, die von Kasparow herangezogenen Quellen stets vom Original ins Deutsche zu übertragen. Ad fontem! Ein lobenswertes Unterfangen, das aber offenbar zum Teil daran scheitern musste, dass Kasparow diese Quellen nicht kenntlich gemacht hatte! Es ist dies auf jeden Fall ein ganz gravierender Mangel der Reihe: Verwendete Bezugsorte werden nur teilweise angegeben und ein Quellenverzeichnis fehlt völlig. Die Autorenschaft Kasparows liegt übrigens ebenfalls im Nebel: Ausdrücklich als Co-Autor jeden Bandes erwähnt wird Dmitri Plisetzki, überdies dankt Kasparow im Vorwort von Band 5 noch GM Wladimir Below, Mark Dworetzki und seinem alten Trainer Alexander Nikitin für „ihre Hilfe bei der Vorbereitung des vorliegenden Bandes zur Publikation“, was immer das nun heißen mag. Im Endeffekt ist „Meine großen Vorkämpfer“ in der 1. Person Singular geschrieben, dementsprechend muss sich Kasparow auch alleine Lob und Kritik stellen. Beim Lesen stellt man sich aber trotzdem immer wieder die Frage, wer da eigentlich spricht und wieviel Kasparow tatsächlich in diesem Opus steckt. Kommen wir jetzt aber endgültig zum Kern des Werks:
    Vielleicht wird man ihm am gerechtesten, wenn es man es von seinem Untertitel her begreift: „Die herausragenden Partien der Schachweltmeister“ (Hervorhebung von mir, M.W.). Als Partiensammlung ist „Meine großen Vorkämpfer“ ein empfehlenswertes Buch, an dem niemand mit Interesse für die Materie vorbeikommt. Die Auswahl ist meines Erachtens gelungen (die Partien des legendären „Jahrhundertkampfes“ zwischen Boris Spasski und Bobby Fischer werden allerdings erst in Band 6 über Fischer präsentiert). Natürlich finden sich Begegnungen oder Schlüsselpositionen wieder, die in jeder Petrosjan- oder Spasski-Biografie vorkommen – aber sollte man ernsthaft auf Petrosjans Qualitätsopfer als Schwarzer gegen Reshevsky (Zürich 1953) verzichten (siehe Diagramm, Petrosjan spielte hier das phantastische 25...Te6!!)



    oder auf Spasskis Kurzsieg gegen Larsen (Belgrad 1970)? (siehe Diagramm, Spasski gewann mit 14...Th1!!)



    Die Kommentierung selbst ist ausgewogen: Ausführliche, aber nicht zu viele Varianten mit längeren Erläuterungen, die auch die Atmosphäre der Partie mit einzufangen suchen. Dabei ist Kasparow selbstredend auf der Höhe der Zeit, er verweist auf den aktuellen Stand der Eröffnungstheorie (ohne dabei den Respekt vor den Vorgängern zu verlieren) und verwendet sogar mehrere Analysemodule, um die Varianten abzusichern. Der ständige Verweis hierauf („der Computer findet sofort“, „den Gewinn zu sehen bedarf es höherer Computergeometrie“, „ein Mensch zieht nicht in Betracht“ usw.) hinterlässt jedoch ein zwiespältiges Gefühl: Einerseits ist es redlich, wenn angezeigt wird, dass man diese Entdeckung nicht selbst gemacht hat, andererseits entsteht der Eindruck einer gewissen „Computerhörigkeit“, die man sich bei Analysen vom stärksten Spieler aller Zeiten nicht unbedingt wünscht. Wie schon Hübner in seiner Rezension feststellte, ist die Partienanalyse „naturgemäß der beste“ Teil des Werks und liefert „viele neue, bemerkenswerte Funde“ („Schach“ 12/2003 S. 48). Auf diesem Terrain kann Kasparow seine schachliche Stärke ausspielen und in diesem Bereich ist er willens und in der Lage, alte Zöpfe abzuschneiden und Neubewertungen vorzunehmen (Zitat von Kasparow über eine falsche Stellungseinschätzung: „Dieser Mythos muss verschwinden“ MgV, S. 219).
    Kasparows Vorwort und seine Anmerkungen lassen indes darauf schließen, dass er mehr als eine Partiensammlung schaffen wollte, ihm geht es auch um eine Darstellung der Schachgeschichte. In diesem Punkt allerdings, auch hier muss ich Hübner beipflichten, scheitert Kasparow und zwar in dreierlei Hinsicht:

  • Zum ersten darf der Leser nicht erwarten, dass er eine zufriedenstellende Biografie Petrosjans oder Spasskis erhält. Deren Leben ist für Kasparow nur insoweit interessant, wie es mit Schach zu tun hat, Einblicke ins Privatleben erhält man nur zufällig über irgendeine Anekdote.
  • Wie es der laxe Umgang mit den Quellen bereits vermuten lässt, ist zweitens Kasparows Umgang mit Geschichte im allgemeinen und mit Schachgeschichte im speziellen bei weitem nicht differenziert und sorgfältig genug, um Substantielles zur Widerlegung oder auch nur Bestätigung des Althergebrachten beizutragen (Kasparow verschont immerhin die Leserschaft mit der Theorie vom erfundenen Mittelalter http://de.wikipedia.org/wiki/Phantomzeit , deren Anhänger er ist). Ich hatte gehofft, dass die von Hübner für Band 1 beanstandete kritiklose und oberflächliche Haltung Kasparows vor allem auf den großen zeitlichen Abstand des Autors zu seinen dort besprochenen „Vorkämpfern“ zurückzuführen sei. Es wäre ja möglich gewesen, dass uns Kasparow neue, wertvolle Einblicke in die Schachgeschichte zu verschaffen wüsste, wenn er sein Hintergrundwissen über das russisch-sowjetische Schach vermitteln kann – Petrosjan und Spasski hat Kasparow beide noch zu seiner aktiven Laufbahn kennen gelernt. Doch Fehlanzeige auch hier: Sieht man davon ab, dass sich Kasparow müht, dem friedfertigen Ruf Petrosjans ein etwas anderes Bild gegenüberzustellen, finden wir im Wesentlichen alle bekannten Vorurteile über die dargestellten Schachspieler wieder. Damit könnte man leben, wenn diese Vorurteile nun endlich einmal kritisch auf ihren „Eisengehalt“ überprüft würden. Aber nichts wird hinterfragt, selbst wenn die Widersprüchlichkeiten offen zu Tage treten. (Beispiel: Kasparow zitiert Spasskis Trainer Bondarewski, der für Boris „eine ruhige Kampftaktik“ entworfen hat. Dass Spasski dann seinen Gegner in einer wilden Eröffnung mit einem Gambit angeht, stört nach Kasparow diese Taktik nicht allzu sehr, „da er [Spasski] die Nuancen dieser kämpferischen Variante fein aufspürte“ MgV S. 183.) Zwar erhält man in der Tat einen kleinen Blick hinter die Kulissen des eisernen Schachvorhangs, wenn Kasparow Anekdoten und Geschichten aus dem Nähkästchen plaudert, aber als „Beleg“ können diese selbstredend nicht herangezogen werden. Kasparow schert sich eindeutig nicht um irgendwelche Kommafehler und den Eisengehalt der Schachgeschichtsschreibung, er hat sich für Popeye entschieden und spinnt fröhlich die mündliche Überlieferung weiter, die man traurigerweise aus der Feder so vieler Autoren gewohnt ist. So heißt es nach einer bitteren Niederlage Spasskis (MgV S. 180): „Spasski wischte sich dagegen heimlich ein paar Tränen ab und verdrückte sich niedergeschlagen hinter die Kulissen.“ Und zum Ende des Kapitels über den 1973 verstorbenen Leonid Stein erinnert sich Kasparow, wie ihm 1980 ein offenbar von Geheimdienstängsten geplagter Eduard Gufeld von seinem Buch über Stein erzählte (MgV S. 243): „Am Ende blickte er sich vorsichtig nach allen Seiten um und flüsterte mir leise ins Ohr: ‚Weißt du, 1973 spielte Stein stärker als Karpow!’ und eilte auf der Stelle davon.“
    Offenbar hindern Kasparows intime Kenntnisse des Sowjetschachs ihn eher daran, zu einer objektiveren Darstellungsweise zu finden. Kurioserweise bleibt er damit dem anekdotisch-denunzierenden Stil seines ungeliebten Vorgängers Karpow verhaftet, der sich ebenfalls gerne solcher Mittel bedient(e), um Politik in seinem Sinne zu betreiben. Für die weiteren Bände, insbesondere die über Karpow, lassen solch tendenziöse Passagen leider nichts Gutes ahnen.
  • Drittens schließlich gelingt es Kasparow nur in Ansätzen, die Entwicklung des Schachwissens darzustellen. Gelegentlich zeigt er zwar auf, DASS man heute anders über bestimmte Konstellationen denkt, aber der Leser wird keinen roten Faden dafür finden, WAS sich denn in der Auffassung vom Schach geändert hat. Wer sich für eine entsprechende Darstellung interessiert, sei an dieser Stelle auf John Watsons bahnbrechendes Buch „Geheimnisse der modernen Schachstrategie“ verwiesen.


  • Quintessenz: Gegenüber den erstklassigen Partieanalysen Kasparows fällt seine Darstellung des geschichtlichen Hintergrunds deutlich ab.

    Vor der Schlussbetrachtung möchte ich noch anführen, dass ich die Einbeziehung der Kapitel über Gligoric, Polugajewski, Portisch und Stein grundsätzlich für richtig halte. Sie verändert aber auch die Wichtung der beiden eigentlichen Hauptpersonen dieses Bandes, Petrosjan und Spasski. Von den insgesamt 155 Seiten über Petrosjan entfallen nämlich 15 Seiten auf das Kapitel über Gligoric, 25 auf das Kapitel über Polugajewski und 37 auf das über Portisch. Von den insgesamt 135 Seiten über Spasski entfallen 43 Seiten auf das Kapitel über Stein. „Netto“ erhält der Leser also von insgesamt 300 Seiten „nur“ 78 Seiten über Petrosjan und 92 Seiten über Spasski.

    Fazit: Aufgrund der Güte der Partieanalysen wird derjenige, der seine Schachbibliothek pflegt, nicht um Kasparows Opus magnum herumkommen. Für den Weihnachtswunschzettel also acht Familienmitglieder anheuern! Hinsichtlich der inhaltlichen Bewertung entsteht insgesamt jedoch der Eindruck, dass sich Kasparow bei diesem Werk doch etwas verhoben/verzettelt hat. Bei einer reinen Partiensammlung ohne schachgeschichtliche Ambitionen wäre ihm das Lob der Kritiker sicher gewesen. Nun muss er sich allerdings gefallen lassen, dass man ihn an seinen eigenen Ansprüchen misst und diesbezüglich den Kurzsprung feststellt. Analysen top – Rest flop.
    Zu harsch und platt geurteilt? Nun ja, ich sehe selber Popeye ganz gerne. Aber eben zur Unterhaltung. Und so gesehen hat das Lesen von Kasparows Anekdoten gewiss auch seinen Reiz. Die tiefgründigen Analysen machen 80% des Buches aus, die restlichen 20% sind nette Unterhaltung, aber kein Fortschritt. Wie GM Florian Handke auf dem Buchdeckel von „Meine großen Vorkämpfer“ kann ich deshalb meine Empfehlung ruhigen Gewissens auch für diejenigen Leser aussprechen, „die auf interessante Geschichten und Anekdoten aus der Welt des Schachs aus sind.“ Die kritische Instanz muss der Leser letztendlich selbst sein – eigentlich ein schöner Schlusssatz...

    P.S.: Faszinierend ist aber doch, dass Popeye existiert, obwohl er eigentlich nicht existieren dürfte. Das heißt, dass die Unwahrheit über den Spinat eine Wahrheit in die Welt gesetzt hat (den Zeichentrickseemann), welche auch dann noch weiterbestehen kann, wenn ihre Grundlage gar nicht mehr gegeben ist.
    In diesem Sinne kann ich es zwar nachvollziehen, wenn Hübner mir beweist, dass viele Thesen über das Schach und seine Geschichte falsch sind. Aber zu der Überlegung, warum diese falschen Annahmen nicht aufgrund ihrer Popularität doch zur Wirklichkeit in den Köpfen geworden sein können und damit letzten Endes vielleicht trotzdem einen Standard in der Entwicklung des Schachwissens geprägt haben, habe ich bisher leider noch nichts von Hübner gelesen. Und von Kasparow natürlich auch nicht.

    Ich danke dem Olms Verlag, der das Rezensionsexemplar kostenlos zur Verfügung gestellt hat.

    Marcus Wegener, Realschullehrer und B-Trainer des Deutschen Schachbundes