Anatoli Karpow „Meine besten Partien“

Aus der PSM Redaktion, geschrieben von Heinz-Willi Jansen am 02.09.2006
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aus der Reihe: Praxis Schach, Band 68
Edition Olms AG, Schweiz, 2006
ISBN -10: 3-283-00511-7
ISBN -13: 978-283-00511-5; Preis ca. 20,-- Euro

Die Edition Olms AG aus der Schweiz führt mit dem vorliegenden Buch eine lange Tradition von Werken fort, die sich mit den „Highlights“ berühmter Schachgrößen befasst. In diesem Band 68 wird versucht, weitgehend unpolitisch, ränkespielfrei und ohne Festlegungen auf bestimmte Kategorien die schachliche Größe eines der besten Schachspieler der Neuzeit anhand seiner 100 besten Partien aufzuzeigen.
Der Aufbau des Buches lässt sich wie folgt beschreiben: Einem Vorwort von Igor Saizew (einer der langjährigen Betreuer, Begleiter und Trainer Karpows) schließt sich eine Einführung des ehemaligen Weltmeisters an, in der er auf die vier Jahrzehnte seines erfolgreichen Spielens zurückblickt, die nach seinen Wünschen noch lange nicht zu Ende sein sollen. Im Anschluss folgen die genannten 100 Partien gegen eine Vielzahl anerkannter Welt- und Großmeister. Danach folgend porträtiert Raymund Stolze auf überaus interessante Art und Weise Karpows Weg in den Schacholymp. Im Anhang der rund 295 Seiten umfassenden Ausgabe der Edition Olms folgen Statistiken (u. a. Turniererfolge, Kandidatenwettkämpfe, FIDE-Weltmeisterschaften, Olympiastatistik), ein Personen- und Partienverzeichnis, sowie ein Eröffnungsverzeichnis, das sicherlich manchen Nachspielwilligen zur rechten Partie weisen kann.
Der inzwischen 55 Jahre alte Ex-Weltmeister Anatoli Karpow kann in dem Werk nicht nur seine vermutlich attraktivsten Partien vorstellen, sondern er kommentiert auf fesselnde Weise seine Gedankengänge und Kombinationen, die ihn zu zahlreichen Siegen geführt haben. In jedem Spiel darf der Leser erleben, dass Karpow nicht nur Meister der Verwertung minimaler Vorteile war, sondern man erahnt fast spürbar die kombinatorische Gabe und den Weitblick, die einem Menschen quasi angeboren sein müssen, um zu solchen Höchstleistungen in der Lage zu sein. Als Schachenthusiast kann man davon profitieren und lernen. Seinen Anspruch formulierte Anatoli Karpow mit den Worten: „Ich will immer Erster sein.“ Deswegen schien es ihn nicht völlig glücklich zu machen, dass er im Jahre 1975 kampflos zum Schachweltmeister erklärt wurde, da sein Vorgänger auf dem WM-Thron, der exzentrische Amerikaner Bobby Fischer nicht antrat. Allerdings bewies er in den folgenden drei Jahrzehnten seine Klasse nachdrücklich: So war er insgesamt 17 Jahre FIDE-Champion (1975-1985 und 1993-2000) und gewann mehr als 150 bedeutende Schachturniere - ein Rekord für die Ewigkeit!



Hochachtung vor dieser Leistung ist den Worten von Garri Kasparow und Wladimir Kramnik (13. und 14. Schachweltmeister) zu entnehmen, die über ihren damaligen Kontrahenten sagten:
„Anatoli Karpows unbedingter Überlebenswille und sein einzigartiges Schachtalent vereinten sich zu einer untrennbaren Verbindung aus Laskers psychologischem Geschick und Capablancas perfekter maschineller Technik.“ (Kasparow)
„Wenn Karpow Vorteil hatte, begann er, auf der Stelle zu treten, und sein Vorteil vergrößerte sich. Niemandem vor oder nach ihm ist Ähnliches gelungen.“ (Kramnik)
Der Käufer und Leser dieses Buches, wenn er denn begeisterter Schachspieler und Analyst ist, wird nach meiner Einschätzung dieses Buch schätzen. Die Partien, die ich nachgespielt habe, haben mich zum größten Teil fasziniert – nicht unbedingt wegen eines brillanten Feuerwerks, das Karpow gezündet hätte oder diffiziler Opferbilder anderer Großmeister, nein viel mehr wegen der sachlich kühl-rationalen Analyse, wegen des Ausnutzens jeden winzigen strategischen oder positionellen Vorteils, den der ehemalige Weltmeister wirklich meisterhaft auszunutzen verstand. Oftmals wird gesagt: „Stillstand ist Rückschritt.“ Bei Karpow wird diese Behauptung häufig ad absurdum geführt. „In der Ruhe liegt die Kraft“ haben sich die Leser wohl vielfach sagen, beziehungsweise beweisen lassen müssen. Im Kern der Gedanken des damaligen Sowjetrussen stand die folgende These, die er konsequent in seinem schachlichen Werdegang umgesetzt hat:
„Der Spieler, der nicht rationell spielt, der immer schöne Kombinationen und den Kopf zerbrechende Kombinationen sucht, verliert letzten Endes den Punkt – so mindestens einen aus zehn. Ich aber ziehe es vor, alle zehn Partien auf technische Weise zu gewinnen.“ Dies war – so glauben viele – ein deutlicher Hinweis auf die später von ihm als ungenügend eingestufte Art eines Michail Tal, den er noch in jungen Jahren ob seiner geistreichen Opfer bewundert hatte. Glanzlichter unter den 100 Partien sind sicherlich Karpows Partien gegen Spassky, Kortschnoi, Hübner, Timman, Topalow, Kramnik, Anand und nicht zuletzt gegen Kasparow. Der Fairness halber muss natürlich gesagt werden, dass nicht die großen Partien, die Karpow verloren hat, im Buch vorzufinden sind. Aber das wäre sicherlich auch nicht im Sinne des kommentierenden 12. Weltmeisters gewesen.
Alles in allem darf ich zum Schluss meiner Rezension zu der Beurteilung kommen, dass dem schachinteressierten Enthusiasten in diesem Werk vieles an „Schmankerln“ geboten wird – ein Buch, das man nicht einfach nur im Regal stehen haben sollte, sondern eine Fundgrube klar kommentierter, strukturierter Partieanalysen, die immer wieder aufs Neue zum Stöbern und Nachspielen reizen.
Ich danke der Edition Olms AG für das unentgeltliche Bereitstellen der lesenswerten Lektüre.

Heinz-Willi Jansen
(stellvertr. Schulleiter an der Kath. Hauptschule Stadtmitte in Mönchengladbach)