Jewgeni Sweschnikow „Französisch Vorstoßvariante Band 1 und Band 2“

Aus der PSM Redaktion, geschrieben von Marcus Wegener am 05.10.2006
Jewgeni Sweschnikow „Französisch Vorstoßvariante Band 1 und Band 2“ Praxis Schach, Edition Olms, insgesamt ca. 300 Seiten, 16,80 € je Band (http://www.edition-olms.com )

Meine kürzeste Rezension! Frage: „Wie sollte eine gute Eröffnungsmonographie aussehen?“ Antwort: „Wie Sweschnikows Buch über Französisch!“

Aber etwas mehr will ich schon noch tun für mein Geld...

Könnte man im Schach ein Patent auf eine Eröffnung anmelden, wäre Jewgeni Sweschnikow ein gemachter Mann. Sein Name ist seit den Siebzigern jedem Schachinteressierten ein Begriff: Der aus Tscheljabinsk (im Südostural gelegen) stammende Sweschnikow schuf in diesen Jahren nahezu im Alleingang ein Abspiel der sizilianischen Verteidigung, das wegen seiner waghalsig anmutenden Konzeption schnell zu einer der meistdiskutierten Varianten wurde. Heerscharen von Weißspielern zerbrachen sich die Köpfe, wie den scheinbar bizarren Ideen Sweschnikows beizukommen sei, doch diesem gelang es immer wieder, seine Eröffnung am Leben zu erhalten. Inzwischen ist der „Sweschnikow“ (früher Lasker-Variante, dann Pelikan-Variante und inzwischen auch Tscheljabinsker-Variante; ECO-Code B33; 1.e4 c5 2.Sf3 Sc6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 e5) zu einer völlig akzeptierten Eröffnung avanciert, die z.B. von den Weltklassespielern Kramnik und vor allem Leko mehrfach erfolgreich eingesetzt wurde – keine schlechte Karriere für ein System, das von vielen Spielern für völlig antipositionell gehalten wurde.



Als Schachspieler war Jewgeni Sweschnikow weniger erfolgreich als sein „Baby“, der Sprung in die Topelite blieb ihm stets verwehrt. Vielleicht lag dies auch an seiner unbedingten Treue zu den von ihm geschätzten Eröffnungssystemen: Neben dem erwähnten sizilianischen Abspiel als Schwarzer erwidert Sweschnikow als Weißer beharrlich den Sizilianer 1.e4 c5 mit 2.c3 und Französisch 1.e4 e6 2.d4 d5 mit 3.e5. Beide Varianten gelten als solide, aber nicht erfolgversprechend genug für einen punktehungrigen Weißspieler (Sweschnikows eigene Erfolgsquote straft dies allerdings Lügen). Gerade im Computerzeitalter ist es jedoch wichtig geworden, für den Gegner nicht leicht ausrechenbar zu sein. Alle Topspieler verfügen heutzutage über ein sehr breites Eröffnungsrepertoire, prinzipielle Variantenfehden sind auf dieser Ebene kaum noch anzutreffen. Aber es kann auch gut sein, dass Sweschnikow das Beste aus seinen Fähigkeiten gemacht hat: Immerhin kann er trotz einer aktuellen Platzierung in der Weltrangliste weit jenseits der TOP 500 auf interessierte Verleger, Redakteure und Leser hoffen, denn als Eröffnungstheoretiker genießt er eine hohe Reputation.

In den vorliegenden beiden Bänden aus dem Olms-Verlag geht es um die oben bereits erwähnte Vorstoßvariante aus dem Franzosen: 1.e4 e6 2.d4 d5 3.e5



Bevor ich auf den Text näher eingehe, ein paar allgemeine Worte zu dieser Variante gemäß meinen in der Rezension zum Budapester Gambit gemachten Überlegungen: Die französische Vorstoßvariante bekommt jeder 1.e4 Spieler aufs Brett – vorausgesetzt, der Gegner spielt Französisch, was relativ häufig der Fall sein dürfte. Verglichen mit den beiden anderen Alternativen im dritten Zug, 3.Sd2 und vor allem 3.Sc3, ist die Theorie der Vorstoßvariante wesentlich überschaubarer und sie besitzt auch grundsätzlich nicht einen so forcierten Charakter, da die entstehenden Stellungen meist durch verschachtelte Bauernketten geprägt sind. Die Vorstoßvariante ist also eine gute Wahl für Spieler, denen eher eine strategisch-positionelle Spielweise liegt, was wiederum bei 1.e4-Spielern seltener der Fall sein dürfte. Im Spitzenschach ist 3.e5 normalerweise nicht anzutreffen und Sweschnikow räumt in seiner Einleitung auch freimütig ein, dass er 3.Sc3 für die stärkere Erwiderung hält. Aber die unglaublichen Mengen an Theorie in der Hauptvariante können natürlich schon abschrecken – und wie ich bereits einmal schrieb, ist die Theorie der großen Tiere sowieso nicht für uns Patzer gemacht. Wir dürfen also ruhig 3.e5 ziehen. Gleichwohl hat Weiß gemäß Sweschnikow nach diesem Zug immer noch einen größeren Vorteil als in der Ausgangsstellung...
Einen gewissen Ruhm hat die Vorstoßvariante dadurch erhalten, dass der Begründer der schachlichen Moderne, Aaron Nimzowitsch, diese Spielweise in seinem fundamentalen Werk „Mein System“ propagierte, was bei der schachspielenden Zunft wie gesagt aber nur geringen Anklang fand (im Gegensatz zu Nimzowitschs revolutionärem Läuferzug 1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sc3 Lb4!). Die zur Debatte stehende Eröffnung ist jedenfalls durchaus alltagstauglich.

Von einer Eröffnungsmonographie wünscht man sich in Zeiten der Datenbanken sicherlich nicht eine Unmenge von Partien, die hat man selbst schnell aus der Datenbank oder dem Netz gefischt. Stattdessen sinnvoll wären Kapitel wie
  • • eine Einleitung, die die wichtigsten Ideen und Pläne der Eröffnung vorstellt, damit man sich von Anfang an orientieren kann; eventuell kombiniert mit
  • • einem Rückblick in die Geschichte der Variante, denn man muss die fehlerhaften Züge aus der Vergangenheit kennen, um sie nicht zu wiederholen und um zu wissen, warum sie heute nicht mehr gespielt werden
  • • eine Sammlung von Musterpartien, die die typischen Gewinnmethoden und Risiken der Varianten im Gesamtzusammenhang zeigen (z.B. auch typische Endspiele)
  • • einige Übungsaufgaben mit typischen Kombinationen
  • • ein enzyklopädischer Überblick über die Eröffnung
  • • einige Tipps, wie man sich in der Praxis der Variante fit halten kann.




Sweschnikows Werk enthält dies alles (und sogar noch mehr)! In gewohnter Olms-Qualität (Papier, Druck, Einband, Bindung und ein hervorragendes 17-seitiges Register lassen keine Wünsche offen) erhält man mit diesen zwei Bänden eine umfassende Darlegung über die Vorstoßvariante. Wegen der Geschichte des Abspiels (Nimzowitsch!) und ihrer typischen positionellen Strategeme hat Sweschnikow neben den oben angeführten Kapiteln auch noch eines über die Blockade im Allgemeinen (und natürlich in der Vorstoßvariante im Speziellen) eingefügt. Hinzu kommen noch eine Menge von Partien, die Sweschnikow (ein Verfechter von Tantiemen und Copyright auf Schachpartien!) vor dem Zugriff der Datenbanken gesichert hat und die demnach mit diesem Werk zum ersten Mal das Licht der Öffentlichkeit erblicken. Die Kommentierung ist gelungen und ausgewogen, häufig werden zentrale Ideen sogar in mehreren Kommentaren wiederholt. Alles in allem eine vorbildliche Arbeit Sweschnikows, die vom Olms-Verlag noch dadurch verbessert wurde, dass sämtliche Partien, auf die der Autor im russischen Original nur en passant hingewiesen hatte, in der deutschen Auflage zusätzlich aufgenommen wurden.



Die beiden Bände wollen allerdings erarbeitet werden und zwar von nicht gänzlich unerfahrenen Schachspielern; um die 1600 DWZ-Zähler müssten es meiner Ansicht nach schon sein. Dass Sweschnikow denjenigen, die sein Werk erfolgreich bewältigt haben, eine Verbesserung um 200 Elo-Punkte verspricht, sollte man nicht allzu ernst nehmen, die Leser werden aber sicherlich bestens präpariert in den nächsten „Franzosen“ gehen. Etwas gewöhnungsbedürftig ist eventuell auch Sweschnikows überraschender Dogmatismus: Der Schöpfer einer so kreativen Eröffnung wie der Tscheljabinsker-Variante lässt inzwischen in echter Tarrasch-Manier nur wenige Züge in der Eröffnung als korrekt gelten, da er angeblich mit von ihm ausgearbeiteten Eröffnungsprinzipien die Güte aller Züge korrekt einschätzen kann. Kurioserweise kritisiert er dann aber z.B. 3.Sd2 recht harsch, obwohl er zugibt, dass 3.e5 nach seinen Prinzipien ebenfalls nicht den besten Zug darstellt. Wer sich aber ein wenig in Eröffnungsliteratur auskennt, wird daran gewohnt sein, solch subjektive Passagen automatisch zurechtzurücken – nur sehr wenigen Autoren gelingt es, ihre Eröffnung nicht doch ein wenig durch die rosarote Brille zu sehen, schon gar nicht, wenn diese ihnen seit Jahren Lohn und Brot verschafft. Kein wirkliches Manko also. Etwas rätselhaft ist für mich jedoch die Herausgabe in zwei Bänden: Selbstverständlich wird kein Interessent ernsthaft in Erwägung ziehen, nur einen Band zu erwerben, zumal diese ganz offensichtlich nicht so konzipiert wurden, dass sie ohne den anderen Band auskommen könnten. Warum also nicht ein einziger Band? Die Gesamtzahl von knapp 300 Seiten kann auch nicht der Grund für diese Verlagspraxis sein, andere Bücher von Olms haben – auch im Softcover – ebenfalls diese Seitenzahl. Ob man hiermit vielleicht ein paar Euro mehr herausschlagen oder einen deftigen Einzelbandpreis von über 30 Euro kaschieren wollte? Hin wie her liegt der Preis für Sweschnikows Werk über dem bei Olms üblichen und sogar höher als für einen Band aus Kasparows „Vorkämpfer“-Reihe, was diesen kaum interessieren, jenem aber Genugtuung verschaffen dürfte. Da die auf dem Markt erhältlichen Alternativen aber keinesfalls ein besseres Preis-Leistungs-Verhältnis bieten, spreche ich trotzdem eine Kaufempfehlung aus.

Ich danke dem Olms Verlag, der die Rezensionsexemplare kostenlos zur Verfügung gestellt hat.

Marcus Wegener, Realschullehrer und B-Trainer des Deutschen Schachbundes