| Sekundaerliteratur |
| 20. Jahrh. | Deutschland | Weimarer Republik | [P|S|M] |
Torsten Knobloch, Krisen und Zusammenbrüche der Unterweser-Werften in der Weimarer Republik
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Einleitung
Damals wie heute sind die
Auswirkungen der Werftenzusammenbrüche auf die jeweiligen Städte und Regionen
eklatant. Beide zogen eine hohe Arbeitslosigkeit und einen starken Finanzverlust
(z.B. durch Steuereinnahmen) für die Betroffenen nach sich. Doch vor allem in
den Ursachen unterscheiden sie sich: Nach dem 1. Weltkrieg war die deutsche
Kriegsflotte stark dezimiert und das Kapital wurde schließlich in andere
Bereiche (u.a. dem Wiederaufbau) gesteckt. In den letzten Jahren waren dagegen
wirtschaftliche Gründe ausschlaggebend: Die Konkurrenz aus dem asiatischen Raum
konnte meist in kürzerer Zeit Schiffe mit teilweise besserem
Preis-Leistungs-Verhältnis herstellen; die hohen Lohnnebenkosten liessen die
Aufträge im Ausland. Heute hat vor allem auch Bremerhaven mit den Problemen und
Veränderungen zu kämpfen: Die Zulieferbetriebe haben ihre wichtigsten Abnehmer
verloren, nämlich die Werften, und die Arbeitslosigkeit hat beinahe
astronomische Höhen erreicht. Vielleicht gibt es aber doch noch rosigere
Zeiten, schließlich haben sich die angeschlagenen Werften nach dem 1. Weltkrieg
ebenfalls wieder erholt. Vorab möchte ich noch erwähnen, daß ich die wenigen
ergatterten Zeitungsausschnitte des Stadtarchivs zu diesem Thema leider nicht
verwerten konnte, und somit die folgenden Quellen zum tragen kamen:
"Seeschiffbau an der Unterweser in der Weimarer Zeit" von Marc Fisser;
"150 Jahre Seeschiffbau in Bremerhaven" von Friedrich Jerchow und
"Die Häfen in Bremen – Kurs Zukunft" der Bremer
Lagerhaus-Gesellschaft.
Abschnitt I:
Der Wiederaufbau Anfang der Zwanziger Jahre der Weimarer Zeit
Nachdem im Ersten Weltkrieg große
Teile der Kriegs- und Handelsflotte versenkt und beschlagnahmt wurden, änderten
sich die Probleme in der unmittelbaren Nachkriegszeit: Die Verluste
unbeteiligter Staaten musste ausgeglichen werden und dazu kam noch das
See-Embargo der übermächtigen englischen Flotte, die den gesamten
Nordseehandel unmöglich machte, so daß nur noch der Ostseehandel von
Deutschland kontrolliert wurde. Auch unmittelbar nach dem Friedensschluß trat
keine Verbesserung der Lage ein: Die Rechnung, daß nach dem Vertrag die
Nachfrage nach neuen Schiffen enorm steigen würde bestätigte sich nicht
sofort, denn erstens wurden Beschlüsse verabschiedet, die Verkäufe von
Schiffen im Ausland verboten (das hätte neues Kapital eingebracht) und zweitens
konnten die Reederein und die bestehenden Werften die berechnete und erhoffte
Nachfrage nicht stillen bzw. einsetzen. Ebenso konnten auch die von den
Reedereien geforderten Beihilfemaßnahmen,
die schließlich genehmigt wurden, nicht sofort die Lage verbessern. Dies
geschah erst in den Jahren 1920-24. Durch den Friedensvertrag zwar eingeschränkt,
konnte das entwickelte Wiederaufbau-Programm jedoch gestartet werden. Es
entwickelte sich wieder ein geregelter und produktiver Schiffbau, der im
Gegensatz zur restlichen Welt stark zunahm. In den USA brach zum Beispiel in
diesen Jahren Der Schiffbau praktisch zusammen, die meisten gegründeten Werften
und Reederein schlossen wieder und die gebaute
Tonnage wurde auf ein Minimum reduziert. Der Wiederaufbau der Handelsflotte
schien rosige Zeiten bereitzuhalten, doch mussten zuerst gravierende Probleme
gelöst werden: Nahrungsmittelknappheit und Rohstoffknappheit der Werften und
ihrer Arbeiter (z.B. Stahl) führte zu einer gewissen Stagnation, und diese
Situation änderte sich erst, als die Schwerindustrie nicht mehr ihren Stahl ins
Ausland, sondern nun endlich wieder an die deutschen Werften lieferten. Die Löhne
der Arbeiter blieben jedoch immer noch hinter den hohen Lebenserhaltungskosten
zurück. Die steigenden Kosten , u.a. für Reparationen und den Wiederaufbau
standen der sinkenden Kaufkraft gegenüber: Die Inflation nahm ständig zu. Außerdem
hatte das Reich nicht mit einer Entschädigung in den aktuellen Ausmaßen
gerechnet, so daß schließlich 1921 ein Kompromiss beschlossen wurde, der den
Reederein 12 Milliarden Mark einbrachte, sie aber gleichzeitig dazu
verpflichtete ein Drittel der Schiffsverluste bis 1930 auszugleichen. Dieser
Abschluß brachte die Reedereien aber im folgenden unter Druck, da noch fällige
Kosten und Bezahlungen des Jahres 1921 für Schiffe usw. austanden; somit musste
das Programm schließlich eingeschränkt werden, um dem Konkurs zu entgehen.
Deshalb wurde ein Großteil der Bauvorhaben gestoppt und annulliert. Hatte sich
die Inflation zuerst wieder abgeschwächt, so stieg sie nun wieder rapide an,
sodaß das veranschlagte Geld nicht mehr reichte und ein gerufenes
Schiedsgericht auf erneute Zahlungen des Reiches an die Schiffbautreuhandbank
GmbH (STB) in Höhe von 18 Mrd Mark entschied. Zwar reichte diese Unterstützung
um eine große Anzahl von neuen Schiffen fertigzustellen (423 Schiffe), jedoch
deckten die Zahlungen tatsächlich nicht einmal die Ausgaben der Reedereien: Die
Inflation war die Ursache. Die geforderte Norm von einem Drittel wurde schließlich
durch zweierlei Gründe erreicht: So half das Ausland,
in dem das Überangebot an Laderraum auf der Welt zu Schiffsversteigerungen führte,
so daß hierdurch einige Schiffe erworben werden konnten. Dann führte der
Einmarsch der Franzosen im Ruhrgebiet und der damit verbundene passive
Wiederstand zur vermehrten Einfuhr von Lebensmitteln und Rohstoffen aus dem
Ausland und zwar über See.
Abschnitt II: Krisen ab 1924 und
der Aufstieg
Die Probleme fingen nun mit der
Fertigstellung des Programms an: Das Übermaß der Weltschiffstonnage wurde künstlich
mit Subventionen erhalten, die eigene Wirtschaft wurde jeweils durch
protektionistische Maßnahmen gestärkt und der Einwanderungsschub in die USA
ging aufgrund der dortigen hohen Arbeitslosigkeit drastisch zurück. Dies hatte
zur Folge, daß bis 1926 die Arbeiterbelegschaft auf ein Drittel beschränkt
wurde, da gegenüber der hohen Kapazität die
niedrige Auftragszahl stand. Vor allem die Ostsee-Werften litten in der
Folgezeit große Not, da der Handel sich nun wieder auf der Nordsee abspielte.
Aufgrund der immensen regionalen Bedeutung wurden sie mit öffentlichen Mitteln
aufrechterhalten. Außerdem leitete die Regierung erneut eine finanzielle
Unterstützung ein, die jedoch aufgrund der hohen Zinsen nur den Großbetrieben
nutzte. Dies und der Dawes-Plan drängten die Werke nun dazu auch im Ausland
Kredite aufzunehmen, wodurch 1925 praktisch die Hälfte der Flotte durch
Verschuldung belastet war. Trotz eines allgemeinen weltweiten Aufschwungs
blieben große Probleme, da immer noch zuviel Schiffstonnage übrig war, die
nicht gebraucht wurde und die Aufträge nur ein Sechstel der möglichen
Auslastung deutscher Werften in Anspruch nahmen. Zwar schlossen sich nun die
(leider nur) schwächeren Werften bis 1926 zusammen, doch war die Tonnage immer
noch weit über dem Auftragsvolumen; auch die umstrittene Demontage der
finanziell gesicherten Tecklenborg-Werft und einiger anderer Werften brachte
keine deutliche Besserung. Mitte 1926 begann nun ein Aufstieg, aufgrund des
Kohlebergwerkstreiks in England, welcher einen Anstieg aller Frachtratenpreise
zur Folge hatte. Zwar stieg die Arbeitslosigkeit weiter an, doch die Industrie
und der Handel verzeichneten Aufstiege um bis zu 20%, und die (zwar nicht
finanzielle) Unterstützung der Republik erlebten auch die Reedereien
Gewinnanstiege. Dies stärkte auch die Position der Arbeiter, die, nachdem ihre
Forderungen nach kürzeren Arbeitszeiten nicht erfüllt wurden, zum Großteil
von Oktober 1928 bis Januar 1929 streikten und schließlich, wenn auch
umstritten ihre Forderungen bekamen. Die Wirtschaftsblüte, die ihren Ausgang in
den Staaten hatte, erreichte enorme Höhen, und als die USA dann ihre Kredite im
Ausland kürzte, ging der Export zurück während die Produktion immer noch
anstieg. Die übermäßigen Börsenspekulationen hatten dann auch verheerende
Folgen: Der Börsen-Crash 1929 dehnte sich zur Weltwirtschaftskrise aus. Dies
wirkte sich nun stark auf die Werftenwirtschaft aus: der Handel ging zurück,
Abschottung des Inlandes begann, Kredite wurden zurückgefordert, die Inflation
stieg erneut, Firmenzusammenbrüche und eine
steigende Arbeitslosigkeit waren an der Tagesordnung. Besonders Deutschland war
betroffen , und so war die Handelsflotte 1932, als die Krise ihren Höhepunkt
hatte, nur zu einem Drittel beschäftigt. Die Bauaufträge wurden zurückgestellt
und die Lage spitzte sich bis 1934 zu. Erst danach begann wieder eine Besserung
durch Die Reeder. Nachdem vor allem auch die Banken zusammengebrochen waren,
mussten sich wichtige Werftenzusammenschlüsse,
wie die Deschimag auflösen; sie wurden erst wieder mit Hilfe des Reiches
aufgebaut. Die Lage der Arbeiterschaft verschlechterte sich, und obwohl erneut
auf niedrigere Arbeitszeiten plädiert wurde, schränkten die Regierungen unter
Brüning 1931 und von Papen 1932 die Löhne um 10-15% ein. Um die Situation zu
verbessern, wurden weltweit ca. 7,5% der Tonnage vernichtet, man erhoffte sich
dadurch eine Verbesserung der Lage. Anfang bis Mitte der Dreißiger Jahre begann
die Zeit der neuen Werft- und Reedereifusionen, die wieder durch die Regierung
durch neue Finanzmittel unterstützt wurden. Als sich die Lage schließlich 1935
besserte und neue Auslandsaufträge für Passagier- und Frachtaufkommen gaben
die Reeder endlich wieder Neubauten in Auftrag. Das war auch bitter nötig: Die
deutsche Flotte war mittlerweile stark veraltet. Der steigende Welthandel und
die neuen Konzepte, um die Kriegsflotte zu forcieren taten das übrige zur
Verbesserung der Situation bei.
Abschnitt III: Die Entwicklung
der Bremerhavener Tecklenborg-Werft
Im Laufe des 1. Weltkrieges gingen
bei der 1842 gegründeten Werft viele Kriegsschiffaufträge ein, die jedoch
schon bald eingeschränkt wurden, sodaß sich die Aufträge meist auf
Handelsschiffe beschränkte. Der Grund dafür war die zu flache Geeste, wodurch
Schiffe ab einer bestimmten Größe nicht gebaut werden konnten. Der
versprochene Ausgleich auf 4,5 Meter Tiefe erfolgte jedoch bis 1923 nicht,
wodurch eine Wettbewerbseinschränkung unumgänglich war. Direkt nach dem
Friedensabkommen wurden die Aufträge verschoben und einzig und allein
Reparaturen vorgenommen. Danach beteiligte sich die Werft am Wiederaufbau der
Kriegsflotte mit mehreren Schiffen. Anfang der Zwanziger wurde deshalb die
Anlage stark ausgebaut und erweitert, ebenso modernisiert. Nach 1924 mußte das
Unternehmen aufgrund der verschlechterten Lage hohe Einbußen hinnehmen. Die
Belegschaft wurde um die Hälfte auf 1600 Arbeiter verringert. 1926 erholte sich
die Werft jedoch und konnte lukrative Aufträge verbuchen, so daß am Jahresende
ein Plus in der Bilanz auftauchte. Dies war wohl auch der Grund dafür, daß
sich der Konkurrent AG "Weser" aus Bremen, der in einer finanziell
misslichen Lage steckte, um eine Fusion bemühte. Doch die
Tecklenborg-Direktoren wehrten sich gegen diese vom einflußreichen Bankbesitzer
Schröder angestrebte Verschmelzung, und so bemühten sie sich um Verhandlungen
in Südamerika für neue Aufträge. Als der Druck von Schröder aber zunahm, war
nur noch Tecklenborg selber von einer Fusion völlig abgeneigt, denn die Aufträge
blieben jetzt bei der Konkurrenz; Schröder hatte die Oberen eingeschüchtert.
Als dann Tecklenborg ergebnislos aus Kolumbien (Herbst 1926) eintraf, entschied
man sich zur Zusammenlegung mit der AG "Weser", welche dann am 28.
Dezember 1926 perfekt gemacht wurde. Zunächst entwickelte sich die
Auftragssituation positiv, einige Schiffe wurden gebaut, doch Aufträge und
Werbung durften nicht mehr eigenmächtig ausgeführt werden. Tatsächlich schien
sogar eine gewisse Abwertung gegenüber der "Weser" AG zu erfolgen,
denn nun wurden die großen und lukrativen Aufträge an diese Werft vergeben, während
die Tecklenborg-Werft praktisch nur noch Reparatur- oder Investitionsenorme
Aufträge bekam. Trotz aller Proteste schienen die kritischen Stimmen, die
anfangs vor einer Fusion gewarnt hatten, doch recht zu behalten, denn im Februar
1928 übernahm die Deschimag, der Dachverband, den Großteil der Aktien der
Seebeck-Werft, da Seebeck gestorben war. Das bedeutete direkte Konkurrenz für
die geschwächte Tecklenborg-Werft. Die Entlassungen vieler Arbeitnehmer deutete
schließlich eindeutig auf ein absehbares Ende des Betriebs hin. Bei
Verhandlungen im August zwischen den Behörden, der Deschimag und der
Arbeiterschaft vertrat der Konzern die Auffassung, daß Tecklenborg geschlossen
werden sollte, weil sie mittlerweile Verluste erreichte. Zunächst versuchten
der Regierungspräsident und die Behörden das zu verhindern, indem man
versuchte, die Firma Klöckner als Käufer zu interressieren, als aber
beschlossen wurde, daß die Reparaturaufträge in Zukunft der Seebeck-Werft übertragen
werden sollten, scheiterte der letzte Rettungsversuch: Am 24. September 1928
wurde die Abbruch-Genehmigung erteilt, und die Deschimag begnügte sich nicht
nur mit der Stilllegung, die Werftanlage wurde komplett demontiert und teilweise
zur Seebeck-Werft verfrachtet. Das Versprechen der Deschimag, die Seebeck-Werft
mindestens drei weitere Jahre zu erhalten und wenigstens 800-1000 Arbeiter der
Tecklenborg-Werft zu übernehmen, wurde nur teilweise erfüllt: 400 Arbeiter
wurden zunächst eingestellt, und Anfang der Dreißiger Jahre, während der
Weltwirtschaftskrise, wurden die meisten wieder entlassen.
| | Schülerergebnis: Referat im Schuljahr 1997/98 Schulzentrum Carl von Ossietzky, Bremerhaven
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