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Sekundaerliteratur
20. Jahrh. | Deutschland | Weimarer Republik
[P|S|M]
Thomas Ruscher, Bremisches Bremerhaven & Preußisches Geestemünde
Die Geschichte der bremischen und preußischen Unterweserorte, allen voran Bremerhaven und Wesermünde, während der Weimarer Republik hatte immer eine wichtige Frage im Mittelpunkt: Es muß eine Vereinigung der vielen Gemeinden und Städte an der Unterweser geben, doch wie kann eine solche Lösung aussehen ?

Preußen war an der Unterweser schon seit 1815 sehr stark präsent. 1866 wurde der Deutsche Bund aufgelöst und es wurde der norddeutsche Bund unter Preußens Führung gegründet. Kurz nach dem deutsch-französischem Krieg (1870\1871) vereinigten sich alle deutschen Staaten zum Deutschen Kaiserreich, selbstverständlich konnte sich auch Bremen nicht aus dieser Gemeinschaft ausschließen, blieb aber dennoch wirtschaftlich und vor allem zollpolitisch, wie auch Hamburg bis in die achtziger Jahre unabhängig.

 Der erste Schritt zu einer einzigen, großen Stadt an der Wesermündung, bestehend aus bremischen und preußischen Orten, war die Entstehung der Stadt Wesermünde. Hervorgegangen aus Lehe und Geestemünde wurde Wesermünde aber nicht nur als der Schritt zur ‘Weser-Lösung’, also der großen Vereinigung, betrachtet, sondern viele Kritiker befürchteten auch einen extremen Zuwachs der Spannungen zwischen den Orten, vor allem weil das bremische Bremerhaven eingekesselt war von den preußischen Konkurrenten.

Es waren etwa zwei Jahre seit dem Ende des Ersten Weltkrieges vergangen.

Bremerhaven, von dem bremischen Bürgermeister Smidt wurde das Gelände im Jahre 1827 für etwas mehr als 70.000 Taler gekauft, hatte schon lange keine Möglichkeit mehr zu expandieren, es sei denn durch eine Einigung mit einem der Nachbarn. Vor allem Lehe und Geestemünde waren für eine Vereinigung interessant.

Lehe war ein einfacher Wohnort ohne einen besonders ausgeprägten Industriezweig. Die meisten Bewohner Lehes arbeiteten in dem wirtschaftlich starkem Bremerhaven, das für viele Menschen, dank seines Fischereibetriebes und seiner Werftenindustrie, die Hafenanlagen mit seinem Fabrik- und Lagergelände waren sogar größer als die von Bremen selbst, Arbeitsplätze bereit hielt. Durch diese Fakten war der Arbeiterwohnort Bremerhavens sowieso abhängig und eine Anschließung oder Vereinigung der beiden Orte wäre relativ sinnlos gewesen.

Geestemünde dagegen war selbst ein eigenständiges Wirtschaftszentrum mit einer ähnlichen Industrie, wie sie Bremerhaven besaß und war wie diese ebenfalls darauf erpicht sein Territorium zu vergrößern. Schon vor dem Krieg versuchte der Bürgermeister Klußmann Wulsdorf für Geestemünde zu gewinnen, doch scheiterten die Verhandlungen aufgrund Wulsdorfs Unwillen.

Nach dem Krieg jedoch wurden die Bemühungen schnell wieder aufgenommen und der Oberbürgermeister ( OBM ) Dr. Delius konnte die Verhandlungen zu einem Erfolg verhelfen. So wurde am 1. April 1920 Die Eigenständigkeit von Wulsdorf aufgegeben und circa 5000 Einwohner und 1300 ha Land fielen Geestemünde zu und der Fischereihafen konnte vergrößert werden.

Ebenfalls im April desselben Jahres gelang es Lehe, endlich nach über 50 Jahren das Stadtrecht zu beanspruchen. Zu verdanken hat Lehe dies seinem Bürgermeister Dr. Schönewald, der sogar die Eingemeindungspläne für Imsum und Langen fallen ließ, um sich ganz auf das Stadtrecht konzentrieren zu können. Doch schon bald kündigten sich Schatten an, die die gerade gewonnene Macht bedrohten : Am 25.7.1921 machte OBM Dr. Delius erstmals den Vorschlag einer Vereinigung der beiden Städte Lehe und Geestemünde. Dr. Delius, der lange Zeit als Feind von allen politischen Vereinigungen galt, hatte aber eher eine Eingemeindung im Sinn. Aus seiner Denkschrift ‘Vereinigung der preußischen Unterweserstädte Geestemünde und Lehe’ ist auch das erste mal von einer einzigen großen Stadt an der Weser die Rede. Sollten sich Lehe und Geestemünde tatsächlich zusammenschließen, so Delius´ Plan, dann müßte Bremerhaven notgedrungen mitziehen, schon um nicht eine wirtschaftliche Niederlagen hinnehmen zu müssen.

Es gab noch mehr Stimmen die einen Zusammenschluß der Unterweserstädte begrüßt hätten. Zum Beispiel der Werftdirektor Fritz Tecklenborg, der die Interessengemeinschaft ‘Vereinigung zur Förderung des wirtschaftlichen Zusammenschlusses der Unterweserstädte’ gründete. Mitglieder waren Personen aus der Politik und der Wirtschaft, die es sich zum Ziel gemacht haben Lehe, Bremerhaven und Geestemünde wirtschaftlich zu vereinen. Der Staatssekretär Peters in Berlin entwickelte einen Plan, der vorsah die drei Städte zwar wirtschaftlich zu vereinen und diverse Verwaltungsarbeiten in eine Hand zu legen, aber politisch unabhängig mit drei getrennten Regierungen zu lassen. Der Grund für diesen Plan war die uneffektive Verwaltung an den Stadtgrenzen. Peters’ Plan wurde zwar mit Begeisterung aufgenommen, doch konnte er nicht verwirklicht werden: Zu sehr lagen die Interessen Preußens und Bremens im Widerspruch, als daß man sich hätte einigen können.

Als am 12. Mai 1922 Dr. H.Rose sein Amt als Stader Regierungspräsident antrat, nutzte Delius, der sich inzwischen zu einem Feind der Einheit mit Bremerhaven gemausert hatte, die Gunst der Stunde, um bei diesem Vorzusprechen und sein Vorhaben für die preußischen Unterweserorte darzulegen. Während Bremerhaven über das mangelnde Engagement seiner Mutterstadt klagte, bereitete Delius alles für eine Isolierung vor.

Nun kamen die Dinge langsam ins Rollen. In Lehe und Geestemünde bildeten sich Interessengemeinschaften für und gegen die ‘drohende’ Vereinigung. Doch die Karten für die Vereinigungsfeinde standen schlecht: Am 31.12.1923 stimmten in einer Vorabstimmung nur drei von neun Personen gegen die Pläne des Delius, darunter Dr. Schönewald.

Die Argumente von beiden Gruppierungen sahen relativ ähnlich aus. Dr. Delius berief sich auf vielfältige Vorteile für beide Ortschaften in den Bereichen Wirtschaft und Sozialleistungen.

Währenddessen heißt es in einem Aufruf an die Bürger Lehes :’Keinerlei wirtschaftliche oder politische Notwendigkeiten drängen zu dieser unnatürlichen Vereinigung’ . Weiterhin folgen einige Argumente die für eine Vereinigung der drei Unterweserstädte, also Bremerhaven, Lehe und Geestemünde, oder zumindest mit Bremerhaven sprechen.

Aber nicht nur in Lehe gab es Feinde des Vereinigungsplanes, auch in Geestemünde erhoben sich Stimmen, die vor allem befürchteten die schwache Finanzkraft und die sehr linksgerichtete Politik Lehes könnte auf die eigene Stadt überspringen. Die meisten, wie zum Beispiel Dr. Schönewald und die Gemeinschaft unter Tecklenborg, hielten eine Vereinigung für einfach verfrüht. In Bremerhaven sah man zwar die Folgen, nämlich die Isolierung, und Erich Koch-Weber erklärte am 7.2.1924, daß letztendlich einer großen Vereinigung entgegengewirkt wird, doch konnte man nichts aktives gegen den Plan von OBM Delius unternehmen.

Schließlich mischte sich noch der Bremer Senat ein. In mehreren Schreiben an sie preußische Staatsregierung hieß es, es wäre wünschenswert wenn man dort eine Vereinigung von Lehe und Bremerhaven in Betracht ziehen würde. Anscheinend hatte der Senat noch nicht gemerkt, daß dieser Wunsch schon lange nicht mehr zur Diskussion stand..

Am 10 März 1924 kam es zur Abstimmung über eine Verschmelzung der beiden Ortschaften, der mit großer Mehrheit zugestimmt worden ist. In der Leher Abstimmung waren unter den wenigen Gegenstimmen unter anderem die von Dr. Schönewald, der sich nach wie vor vehement weigerte der unnatürlichen Vereinigung zuzustimmen. Erwähnenswert wäre noch die Reaktion einiger Mitglieder der SPD: Kurz nachdem die SPD den Fraktionszwang für die Zusage erließ, verließ ein Teil ihrer Mitglieder noch vor der Abstimmung den Saal - wahrscheinlich aus Protest. In Geestemünde war der Sieg der SPD zu verdanken. Die bürgerlichen Vertreter legten ihre Ämter nieder und blieben so der Abstimmung fern, was zeigt, daß die Bürger zwar gegen eine Vereinigung waren, sich aber außerstande sahen etwas dagegen zu unternehmen.

Zwei Monate später kam es zu Neuwahlen in den Gemeinden und der preußische Staat forderte eine erneute Abstimmung, aber Dr. Delius konnte es durchbringen an den Beschlüssen vom 10 März festzuhalten.

Trotz der beendeten Abstimmung liefen die Diskussionen über den Sinn und Zweck der Vereinigung weiter und man versuchte mit teilweise lächerlichen und widersprüchlichen Argumenten seinen Standpunkt darzulegen. Auch Dr. Delius, der fortwährend für die Vereinigung kämpfte und versuchte hohe Persönlichkeiten von seiner Sache zu überzeugen, wurde immer wieder von Kritikern beschimpft und wurde schließlich sogar Opfer von Gewaltandrohungen. Die Vereinigung rückte zwar in greifbare Ferne, aber Einigung war noch nicht einmal in Sichtweite.

Die letzte Instanz, die abstimmen und auch die endgültige Entscheidung fällen mußte war der Provinzialausschuß. Wie in den vorhergegangenen Sitzungen anderer Institutionen herrschte auch hier einen allgemeine Uneinigkeit, doch dank der Kommunisten und der Deutschen Demokratischen Partei wurde der Entwurf am 18. Oktober angenommen. Das Stadtgebilde, bestehend aus Lehe und Geestemünde, wurde mit dem Namen Wesermünde getauft und am 1.12 wurde Delius zum OBM der Stadt gewählt. Bremerhaven schaute dem Treiben nur tatenlos zu und die Beziehungen zwischen den zwei Städten an der Weser sanken zusehends. Doch während sich für Bremerhaven weder wirtschaftlich noch finanziell etwas änderte, stürzte sich Wesermünde in einen Berg von Schulden und auch der erwartete Industriezuzug blieb aus und durch das Übergewicht von Verwaltung, das sich in Geestemünde konzentrierte mußten die Bürger Lehes so manchen Nachteil in Kauf nehmen; hinzu kam das Gefühl eher eine Kolonie zu sein, als ein gleichberechtigter Stadtteil.

Doch trotz all ihrer Differenzen fanden die Bürger der jungen Stadt langsam, aber sicher in den Alltag zurück und Delius konnte seinen Plan weiter verfolgen, nämlich die Eingemeindung Bremerhavens in das preußische Reich. Dadurch wurde erstmals Bremen aktiv und gewährte Bremerhaven so manche Staatszuschuß und Kredite, so daß seine Stellung an der Unterweser weiter gestärkt werden konnte, doch dadurch wurde die Stadt nur noch interessanter für Wesermünde. An dieser Stelle muß angemerkt werden, daß sich Bremen und Preußen an der Unterweser nahezu feindlich gegenüberstanden, doch in Bremen arbeiteten beide Reiche, vor allem im Bereich des Eisenbahnbetriebes eng zusammen und es existieren viele Verträge, die durch diese Kooperation zustande kamen.

Delius verfolgte von nun an konsequent eine Politik der Eingemeindung. Nach und nach fielen die vielen kleinen Ortschaften, wie Weddewarden oder Langen, an Wesermünde, bis Bremerhaven endgültig von der preußischen Stadt umzingelt war. Politisch gesehen ging es zwar permanent aufwärts für Wesermünde, doch wirtschaftlich gesehen sah es nicht halb so gut aus. Die Arbeitslosenzahl war sehr hoch gestiegen und der ehemals so wichtige Handelshafen war inzwischen völlig unbedeutend geworden und viele der Nebenbetriebe gingen Pleite. Dadurch entschloß man sich eine Rettung in der Zusammenarbeit mit Bremerhaven zu suchen, doch schien es nicht mehr nur nach den eigenen Vorstellungen möglich zu sein, denn es war bekannt, schon seit 1922 durch eine Rede von Senator Dr. Apelt, daß Bremerhaven, das Rückrad des Unterweserhandels, eine feste Einheit mit Bremen bildet. Dadurch erschien eine Eingemeindung, schon aufgrund der Widerstandes unmöglich. Gleichzeitig schien es jedoch das Bremen hinter dem Rücken der Tochterstadt mit falschen Karten spielte, denn Dr. Apelt sprach in der selben Rede die Verbreiterung der Weser an, damit Schiffe in der Lage wären bis nach Bremen hinaufzukommen. Das hätte jedoch zur Folge, daß der Bremerhavener Hafen entlastet werden würde, bzw. die Bremer Wirtschaft au Kosten Bremerhavens gestärkt wird. In dem Fall der Weservertiefung arbeitete die preußische ganz im Sinne der Unterweserorte, egal ob preußisch oder bremisch und Im Oktober des Jahres 1925 entschloß sich der Ausschuß Preußens, der sich mit diesem Problem beschäftigte, vorläufig gegen die Vertiefung. Anders die Reichsregierung, die die Wünsche der Unterweserorte ignorierte und die Vertiefung schließlich beschloß, da nicht nur die Unterweserorte betroffen waren, sonder auch, und das war viel wichtiger, auch die niederländischen Seehäfen, die eine starke Konkurrenz für die Reichshäfen waren. OBM Delius ließ verlauten, daß die schlechte wirtschaftliche Lage der Unterweserorte auf die Politik des Bremer Senats zurückzuführen sei. Und tatsächlich hatte die Vertiefung der Weser zur Folge, daß die Unterweserorte immer mehr Schiffsbauaufträge an Bremen verloren.

Um den Wirtschaftsstandort Unterweser wieder attraktiv zu machen wurden viele Projekte, wie zum Beispiel der Ausbau des Geestemünder Handelshafens, von dem engagierten Delius erdacht, doch wurde kein einziger davon in die Tat umgesetzt.

Weitere Spannungen zwischen Lehe und Bremerhaven ergaben sich durch einen Vertrag aus dem Jahre 1904. Da viele Bürger Lehes in Bremerhaven arbeiteten, aber die öffentlichen Einrichtungen Lehes nutzten, verpflichtete sich Bremen einen Ausgleich an die Stadt Lehe zu zahlen. Doch als Lehe in Wesermünde aufging, entschloß man sich die Zahlungen, wegen der veränderten politischen Situation, einzustellen. Preußen drohte mit einer Klage und Bremen ließ sich siegessicher auf eine Verhandlung ein. Das war ein Fehler. Bremen mußte von nun an jährlich 50.000 Reichsmark Lastenausgleich zahlen. Ganz ähnlich, aber im umgekehrten Fall verhielt es sich mit den Theaterzuschüssen, die Lehe an das Stadttheater zahlte. Zwar war Wesermünde bereit die Zahlungen aufrecht zu erhalten, doch nur unter der Bedingung Bremerhaven würde seinerseits seine Zahlungen erhöhen. Das waren natürlich unzumutbare Forderungen und man konnte sich lediglich auf einen Zuschuß über 24.000 RM an das Musiktheater einigen. Erst 1933 erreichte man eine Lösung für das Theater.

Das wohl größte Problem Wesermündes war die Tatsache, daß ein großer Teil der Bevölkerung in der ‘Industriemacht’ Bremerhaven arbeitete und so auch Unmengen an Steuern dort ließ. Seit der Vereinigung war Wesermünde zu einer der finanzschwächsten Städte der Provinz geworden. Das bedeutete für Delius, daß es unbedingt notwendig war Bremerhaven einzugemeinden, um endlich zu der groß-preußischen Lösung an der Unterweser zu kommen.

Langsam begannen sich die beiden Städte anzunähern. Man begann mit einer Arbeitsteilung im Krankenhauswesen und unterstellte die Feuerwehr beider Orte dem Bremerhavener Branddirektor, der Fischereimarkt Bremerhavens ging in Wesermünde auf. Alles in allem gab es viele kleine Schritte die Delius seinem Ziel näherbrachten, doch sein endgültiges Ziel, eine große preußische Stadt an der Unterweser konnte er nicht erreichen, zu viele Differenzen und Widerstände standen ihm im Weg. Im Jahre 1939 wurde Wesermünde von Bremerhaven eingemeindet ...



Schülerergebnis: Referat im Schuljahr 1997/98 Schulzentrum Carl von Ossietzky, Bremerhaven

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