| Primaerliteratur |
| 20. Jahrh. | Deutschland | Weimarer Republik | [P|S|M] |
Reichspräsident und Reichsregierung am 26. September 1923 (Aufruf zum Abbruch des passiven Widerstandes)
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"An das
deutsche Volk!
Am 11. Januar haben französische und belgische Truppen wider Recht und Vertrag
das deutsche Ruhrgebiet besetzt. Seit dieser Zeit hatten Ruhrgebiet und
Rheinland schwerste Bedrückung zu erleiden. Über 180.000 deutsche Männer,
Frauen, Greise und Kinder sind von Haus und Hof vertrieben worden. Für
Millionen Deutsche gibt es den Begriff der persönlichen Freiheit nicht mehr.
Gewalttaten ohne Zahl haben den Weg der Okkupation begleitet. Mehr als hundert
Volksgenossen haben ihr Leben dahingeben müssen, Hunderte schmachten noch in
Gefängnissen.
Gegen die Unrechtmäßigkeit des Einbruchs erhoben sich Rechtsgefühl und vaterländische
Gesinnung. Die Bevölkerung weigerte sich, unter fremden Bajonetten zu arbeiten.
Für diese, dem Deutschen Reiche in schwerster Zeit bewiesene Treue und
Standhaftigkeit dankt das ganze deutsche Volk.
Die Reichsregierung hatte es übernommen, nach ihren Kräften für die leidenden
Volksgenossen zu sorgen. In immer steigendem Maße sind die Mittel des Reiches
dadurch in Anspruch genommen worden. In der abgelaufenen Woche erreichten die
Unterstützungen für Rhein und Ruhr die Summe von 3500 Billionen Mark. In der
laufenden Woche ist mindestens die Verdoppelung dieser Summe zu erwarten. Die
einstige Produktion des Rheinlandes und des Ruhrgebietes hat aufgehört. Das
Wirtschaftsleben im besetzten und unbesetzten Deutschland ist zerrüttet. Mit
furchtbarem Ernst droht die Gefahr, dass bei Festhalten an dem bisherigen
Verfahren die Schaffung einer geordneten Währung, die Aufrechterhaltung des
Wirtschaftslebens und damit die Sicherung der nackten Existenz für unser Volk
unmöglich wird.
Diese Gefahr muss im Interesse der Zukunft Deutschlands ebenso wie im Interesse
von Rhein und Ruhr abgewendet werden. Um das Leben von Volk und Staat zu
erhalten, stehen wir heute vor der bitteren Notwendigkeit, den Kampf
abzubrechen. Wir wissen, dass wir damit von den Bewohnern der besetzten Gebiete
noch größere seelische Opfer als bisher verlangen. Heroisch war ihr Kampf,
beispiellos ihre Selbstbeherrschung. Wir werden niemals vergessen, was
diejenigen erlitten, die im besetzten Gebiet duldeten. Wir werden niemals
vergessen, was diejenigen aufgaben, die lieber ihre Heimat verließen, als dem
Vaterlande die Treue zu brechen.
Dafür zu sorgen, dass die Gefangenen freigegeben werden, dass die Verstoßenen
zurückkehren, bleibt die vornehmste Aufgabe der Reichsregierung. Vor allen
wirtschaftlichen und materiellen Sorgen steht der Kampf für diese elementaren
Menschenrechte. Deutschland hat sich bereit erklärt, die schwersten materiellen
Opfer für die Freiheit deutscher Volksgenossen und deutscher Erde auf sich zu
nehmen. Diese Freiheit ist uns aber kein Objekt für Verhandlungen oder für
Tauschgeschäfte.
Reichspräsident und Reichsregierung versichern hierdurch feierlich vor dem
deutschen Volke und vor der Welt, dass sie sich zu keiner Abmachung verstehen
werden, die auch nur das kleinste Stück deutscher Erde vom Deutschen Reiche
loslöst. In der Hand der Einbruchsmächte und ihrer Verbündeten liegt es, ob
sie durch Anerkennung dieser Auffassung Deutschland den Frieden wiedergeben oder
mit der Verweigerung dieses Friedens alle die Folgen herbeiführen wollen, die
daraus für die Beziehungen der Völker entstehen müssen.
Das deutsche Volk fordern wir auf, in den bevorstehenden Zeiten härtester
seelischer Prüfung und materieller Not treu zusammenzustehen. Nur so werden wir
alle Absichten auf Zertrümmerung des Reiches zunichte machen, nur so werden wir
der Nation Ehre und Leben erhalten, nur so ihr die Freiheit wiedergewinnen, die
unser unveräußerliches Recht ist!"
Berlin, den 26. September 1923
Der Reichspräsident: Ebert
Die Reichsregierung:
Dr. Stresemann, Schmidt, Dr. Geßler, Dr. Brauns, v. Raumer, Dr. Radbruch,
Oeser, Dr. Luther, Dr. Hilferding, Fuchs, Dr. Höfle
| | aus: Nordwestdeutsche Zeitung |
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