Heinrich Heines „Buch der Lieder“

ist eine Gesamtausgabe seiner bis dahin bereits veröffentlichten Gedichten.
Sie entsprang dem jugendlichen Ehrgeiz Heines, dass seine Gedichte "so populär werden wie die Bürgerschen, Goetheschen, Uhlandschen"(1826). Das literarische Vorbild war Goethes "West-östlicher Divan". Das >Buch der Lieder< ist in Gedichtzyklen organisiert, die weitgehend der Ordnung der bisherigen Veröffentlichungen entsprechen.

Der PUBLIKUMSERFOLG war zuerst gering:
2000 Exemplare in 10 Jahren. Das bürgerliche Publikum konnte mit der Mischung aus Romantik und Frivolität wenig anfangen. Das ironisch-leichte Spiel mit romantischen Sentiments und lyrischen Formen behagte ihm nicht, man vermisste die Ernsthaftigtkeit und echte Tiefe des Gefühls. Heines Verleger Campe schreibt ihm 1835:
"Wenn Sie Uhlands Gedichte betrachten und das Renomme, worin er sich befindet, Religiös und Mittelalterlich, so ist klar, warum er so viele Leser findet. SIE behandeln Liebe und Sich selbst, und wieder Sich selbst, das sehen die Leute als stinkigen Egoismus an (...) der Egoismus wird Ihnen ununterbrochen zur Last gelegt, dann, dass Sie der Üppigkeit das Wort reden. Bedarf es noch mehr Gründe, um zu beweisen, warum Uhlands Gedichte populärer sind. Uhlands Gedichte kauft jeder um ein Geschenk an eine Dame, zum Geburtstag und sonstigen Zwecken zu machen. IHR Buch geht nach den Universitäten an junge Männer und dergleichen - die kein Geld haben."
Aber: Mit dem Verbot von Heines Schriften wächst das öffentliche Interesse an Heines Werken, die Verlage finden Mittel und Wege, die Zensur zu umgehen, und das >Buch der Lieder< wird zum größten lyrischen Erfolg des 19. Jhdts (allein bis zu Heines Tod 30 000 Exemplare).


Die Zyklen

1. JUNGE LEIDEN (Gedichte aus den Jahren 1816-21)

2. LYRISCHES INTERMEZZO (1821-22)

Aufbau bzw. Entwicklungsgang des Zyklus!

"Humoristische Lieder im Volkston" - durchnummerierte Gedichte, die im Sinne einer >Poetik der Desillusionierung< aufeinander bezogen werden, aber auch aber auch einzeln im Sinne von (Goethescher) Erlebnis-Lyrik gelesen werden können. Vor allem frühere Interpreten haben nach dem realen Erlebnisgehalt von Heines Liebesenttäuschungen gefahndet.
Der Zyklus beginnt mit einem poetologischen 'Prolog', in dem als Pointe die Liebe als Poetentraum, als Ersatzwelt kenntlich gemacht wird und damit der Kontrast >schöner Schein und tristes Sein<.
Das Liebeserleben, die Beschwörung der Geliebten, ist traumhaft, unwirklich und bloß ersehnt. Über die triste, ganz andere Wirklichkeit wird entweder geschwiegen (IX), oder sie taucht zunehmend als Störelement, als Irritation auf (ab XIV). Von nun an bildet sich deutlicher die Situation heraus, das lyrische Ich als verschmähter Liebhaber: Das Liebchen hat kein Herz, heuchelt, ist einem anderen versprochen.
(XX) Seelenpein und Schmerz des Verschmähten treten immer stärker in den Vordergrund, eine gesellschaftliche Konstellation wird sichtbar (Ich und die andern) mit Gegenspielern, Rivalen und Intrigen (XXIII).
(XXVIII) Überdruss zeigt sich, Bitterkeit und ohnmächtiger Spott, ja sogar Todesphantasien
(XXXI), die Welt der Philister wird verspottet (Dichter vs. Philster, Leute, Gesellschaft) und doch gehört das Liebchen dort hinein.
(LVII) Herbststimmungen, Nachtszenarien, Dunkelheit und Finsternis, schwere Träume von Tod und Gedanken über Selbstmord
(LXV) Entsagung und Verzicht auf Liebe überhaupt, Erkaltung des Herzens als Schicksal und Ausweg.

3. HEIMKEHR (1823-24)
Es geht wieder um Leidenschaft und unglückliche Liebe, aber auch um den Stellenwert solcher 'Sentimente'. -
Das lyrische Ich kehrt nach unbestimmter Zeit in die Stadt am Meer zurück (Lübeck), in der einst sein Liebchen lebte (XVII), die nun ausgezogen oder sonstwie ungreifbar (z.B. verheiratet XXV) ist. Die Stadt ist für ihn nun leer, kalt, unwirklich und voll schmerzlicher Erinnerungen.
XXX ff Das lyrische Ich hat seine Geliebte wohl nur still und heimlich angebetet, ohne es ihr zu gestehen oder seine Liebe zu zeigen. LIEBE ist am schönsten als Sehnsucht, als Verlangen und Schmachten, dessen Erfüllung nicht unbedingt erwünscht ist. Erfüllung findet stattdessen im Traum statt (XXXIII), und so ist es auch am schönsten.
XLIV Das lyrische Ich reflektiert nun seine Gefühle stärker und versucht, eine distanzierte Perspektive zu gewinnen: Spott, Ironie, aber auch Resignation und Gefühlskälte.


'Götterdämmerung': Kontrastierung:
- Maienstimmung, allgemeiner Aufbruch und Begeisterung (die anderen)
- das hoffnungslose, von der Liebsten enttäuschte Ich ist ausgeschlossen und quält sich mit düsteren Visionen
- die schließlich in einem Untergangsszenario gipfeln.

'Ratcliff': visionärer Blick in die schaurige Zukunft:
- Wiedersehen mit der einst so holden, geliebten Maria
- nun ist sie mit einem 'Holzklotz' vemählt und erkaltet
- schließlich ein verwelktes Weib.

'Donna Clara': eine Ritterromanze aus Spanien, in der sich der ersehnte und begehrte Ritter erst zum Schluss als Sohn eines Rabbi und damit als verachteter Jude zu erkennen gibt.

4. Aus der HARZREISE (1824)
'Prolog'- das lyrische (Dichter) ICH flieht vor den "glatten" Herren und Damen aus der Stadt in die Berge mit ihren "frommen Hütten".
Dort in der 'Bergidylle' spinnt er mit seinem Liebchen Geschichten und Märchen, von den Berggeistern verzaubert und inspiriert...

5. NORDSEE (1825-26)
Die Natur des Meeres (Strand, Wellen, Abenddämmerung, Sonnenuntergang...) ruft beim lyrischen Dichter-Ich die Erinnerung an verschollene Sagen, uralte Märchen und Mythen hervor, vor allem wird die griechische Götterwelt herbeizitiert.
- Klassische Versmaße (freie Formen) werden verwendet oder angedeutet.
Ein wichtiges Thema ist das Verhältnis des Menschen zu Natur und den Naturkräften, verkörpert durch Götter und mythologische Gestalten. Ebenso der Vergleich der alten Götter mit den neuen des Christentums. (-> 'Die Götter Griechenlands', 'Fragen')
- Dabei wird antike Götterwelt mitunter verbürgerlicht, in eine völlig unheroische Umgebung
gerückt; und in ihrer 'Menschlichkeit' dargestellt. Sie sind Projektionen der menschlichen Wünsche und Sehnsüchte, usw.


Abschließende Charakterisierung

Heinrich Heine, ein Dichter zwischen den Parteien und Stilen
  • Religiös: Zwischen Judentum und Christentum Taufzettel als 'Eintrittsbillet zur europäischen Kultur')
  • Politisch: Zwischen Monarchie und Republik
  • Geographisch: Zwischen Deutschland und Frankreich (Emigration 1832)
  • Literarisch: ein "entlaufener Romantiker"!
Ein Dichter zwischen
ROMANTIK UND REALISMUS
Verwendung von Volksliedform (Reim/Metrum)
Volksliedton und volksnaher Sprache

Motive und Stoffe:
unerfüllte Liebe und Sehnsucht
Magische Naturkräfte
Traum und Wirklichkeit
Tod und Geister
Mittelalter und Ritter

kritische Reflexion und
ironisch-humoristischer Blick
Entlarvung klischeehafter Emotionen
Kritik von Spießertum und
Angepasstheit ("Philister")
Plädoyer für unbürgerliche
Sinnlichkeit (Sensualismus)
Respektlosigkeit gegenüber Religion<
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Der romantische ZAUBER wird durch eine realistische Wendung zerstört (Desillusionierung)
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Die Romantische Weltflucht wird in die Wirklichkeit zurückgeführt

Die Entzauberung des romantischen Gefühls - das ist die angestrebte Pointe!


Klaus Dautel, 2001

Ohne ein bisschen Werbung geht es nicht. Ich bitte um Nachsicht, falls diese nicht immer ganz Themen-gerecht sein sollte.
Dautels ZUM-Materialien: Google-Fuss