Die Ratten. Tragikomödie

Sind Ratten süße Tierchen?

Heinrich Heine

Die Wanderratten
Es gibt zwei Sorten Ratten: 
Die hungrigen und satten. 
Die satten bleiben vergnügt zu Haus, 
Die hungrigen aber wandern aus.

Sie wandern viel tausend Meilen, 
Ganz ohne Rasten und Weilen, 
Gradaus in ihrem grimmigen Lauf, 
Nicht Wind noch Wetter hält sie auf.

Sie klimmen wohl über die Höhen, 
Sie schwimmen wohl durch die Seen; 
Gar manche ersäuft oder bricht das Genick, 
Die lebenden lassen die toten zurück.

Es haben diese Käuze 
Gar fürchterliche Schnäuze; 
Sie tragen die Köpfe geschoren egal, 
Ganz radikal, ganz rattenkahl.

Die radikale Rotte 
Weiß nichts von einem Gotte. 
Sie lassen nicht taufen ihre Brut, 
Die Weiber sind Gemeindegut.

Der sinnliche Rattenhaufen, 
Er will nur fressen und saufen, 
Er denkt nicht, während er säuft und frißt, 
Daß unsre Seele unsterblich ist.

So eine wilde Ratze, 
Die fürchtet nicht Hölle, nicht Katze; 
Sie hat kein Gut, sie hat kein Geld 
Und wünscht aufs neue zu teilen die Welt.
Die Wanderratten, o wehe! 
Sie sind schon in der Nähe. 
Sie rücken heran, ich höre schon 
Ihr Pfeifen - die Zahl ist Legion.

O wehe! wir sind verloren, 
Sie sind schon vor den Toren! 
Der Bürgermeister und Senat, 
Sie schütteln die Köpfe, und keiner weiß Rat.

Die Bürgerschaft greift zu den Waffen, 
Die Glocken läuten die Pfaffen. 
Gefährdet ist das Palladium 
Des sittlichen Staats, das Eigentum.

Nicht Glockengeläute, nicht Pfaffengebete, 
Nicht hochwohlweise Senatsdekrete, 
Auch nicht Kanonen, viel Hundertpfünder, 
Sie helfen Euch heute, Ihr lieben Kinder!

Heut helfen Euch nicht die Wortgespinste 
Der abgelebten Redekünste. 
Man fängt nicht Ratten mit Syllogismen, 
Sie springen über die feinsten Sophismen.

Im hungrigen Magen Eingang finden 
Nur Suppenlogik mit Knödelgründen, 
Nur Argumente von Rinderbraten, 
Begleitet mit Göttinger Wurst-Zitaten.

Ein schweigender Stockfisch, in Butter gesotten, 
Behaget den radikalen Rotten 
Viel besser als ein Mirabeau 
Und alle Redner seit Cicero.
(aus Nachgelesene Gedichte 1845-1856, 1. Abteilung: Zeitgedichte)
    Arbeitsauftrag:
  1. Gliedern Sie Heines Gedicht und stellen Sie klar, wofür die "Wanderratten" letzten Endes stehen.
  2. Vergleichen Sie dies nun mit dem Ratten-Motiv in Trakls Gedicht. Was sind die Unterschiede?
  3. Beachten Sie schließlich die Jahreszahlen 1856 und 1913 (Veröffentlichungsdaten!) und ziehen Sie Schlüsse daraus.

Georg Trakl

Die Ratten

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