Die Wildkatze - Ihre Lebensstrategie bzw. Lebensweise

Die Wildkatze lebt im Wald und ernährt sich vorwiegend von Mäusen. Wir wollen diese beiden Eigenschaften zum Ausgangspunkt für unsere Überlegungen machen, welche Eigenschaften sie für die Verwirklichung dieser Lebensstrategie (nämlich sich im Wald von Mäusen zu ernähren) benötigt. Zunächst einmal muss sie größer als eine Maus sein, um sie fangen zu können. Welche Körpergröße optimal wäre, läßt sich natürlich schlecht voraussagen. Daher nehmen wir ihre Körpergröße einmal als angepasst an. Dann sind Mäuse relativ kleine Tiere für sie. Sie muss täglich mindestens 12 Mäuse fangen, um ihren Energie- und Stoffbedarf zu decken. Das bringt es mit sich, dass sie ein Revier braucht, in dem sie ungestört jagen kann. Sie wird sich also ein Revier zulegen und es verteidigen. Eine erlegte Beute wird sie mit niemandem teilen wollen, weil sie dafür zu klein ist (es sei denn sie ist für ihre Jungen gedacht). Daraus ergibt sich die Voraussage, dass sie als Einzelgänger leben wird. Eine solche Eigenschaft ist für viele Waldtiere kennzeichnend, weil es im Wald relativ wenig Nahrung gibt und man sie deshalb nicht teilen kann.
Um ihre Beute zu fangen, muss sie ein Tarnkleid besitzen, damit sie möglichst schwer erkannt wird. Dazu dient ihr grau gesprenkeltes Fell. Das schützt sie gleichzeitig auch vor ihren Feinden. Die Lebensweise der Maus (geschützt in Höhlen, die sie nur vorübergehend verlässt) bringt es mit sich, dass sie Mäuse nicht direkt jagen kann, indem sie sie verfolgt. Daher braucht sie eine Jagdstrategie des leise Anschleichens, um die Maus dann völlig überraschend anspringen zu können. Andererseits kann sie vor Mauselöchern auf das Erscheinen der Maus warten. Sie muss dazu mit Geduld ausgestattet sein und braucht auch einen guten Geruchssinn, um feststellen zu können, ob ein Mauseloch bewohnt ist oder nicht und gute Augen und Ohren, um sie so bald wie möglich zu entdecken und mit den Augen zu verfolgen oder ihr Rascheln zu hören. Da im Wald viele Blätter und Zweige herum liegen, die Geräusche verursachen, wenn man auf sie tritt, und die Wildkatze verraten würden, muss die Wildkatze Anpassungen besitzen, die ihr ein leises Anschleichen an die Beute ermöglichen. Daher besitzt sie einziehbare Krallen und Haarpolster zwischen den Pfotenballen. Die Krallen sind dazu da, dass sie die angesprungene Maus auch sicher festhalten kann. Daher sind diese sehr spitz, damit sie leicht in die Beute geschlagen werden können. Außerdem geht daraus hervor, dass sie starke hintere Sprungbeine gebraucht, um die Maus über eine möglichst große Entfernung hin anspringen zu können.
Hat die Wildkatze die Maus gefangen, so muss sie sie töten. Dazu braucht sie ebenfalls sehr spitze Zähne. Sie besitzt daher ein ausgeprägtes Raubtiergebiss, das einerseits dolchartige Eckzähne zum Töten der Beute aufweist und andererseits scherenartig ineinander greifende Backenzähne, die zum Zerkleinern und Fressen der Beute dienen. Die abgetrennten Beuteteile werden nicht gekaut sondern ganz heruntergeschluckt.
Durch den Besitz ihrer Krallen und des Raubtiergebisses, kann die Wildkatze sich besser verteidigen als gleich große Pflanzenesser. Sie hat daher nur relativ wenige Feinde und diese werden sie auch nur dann angreifen, wenn sie keine anderen Tiere erbeuten können und sie großen Hunger haben. In diesem Fall kann die Wildkatze auf Grund ihrer Wendigkeit auch fliehen und die Krallen können sogar dazu eingesetzt werden, auf Bäume zu klettern, obwohl das nicht ihr normaler Wohnraum ist.
Da sie als Einzelgänger lebt, ist die Beziehung zum Fortpflanzungspartner nicht einfach, da er ja gleichzeitig ein Konkurrent ist. Weibchen und Männchen kommen deshalb nur in der Paarungszeit (Ranzzeit) im Februar-März zusammen. Nach der Paarung bleiben das Männchen und Weibchen nicht zusammen. Nach ca. 68 Tagen Tragzeit wirft die Wildkatze im Mai 2-4 Junge. Diese Jungen zieht sie also allein ohne Hilfe des Männchens groß. Das Problem der Ernährung der Jungen ist ja bei den Säugetieren dadurch gelöst, dass sie sie mit Milch versorgen. Die Wildkatze muss aber gleichzeitig ihre Jungen beschützen, da sie ja allein lebt. Daher braucht sie ein Versteck für sie, um selber auf Jagd gehen zu können. Bis zum Herbst müssen die Jungen dann das Jagen selbst erlernt haben.

Auch bestimmte innere Eigenschaften lassen sich voraussagen. Da sie sich praktisch ausschließlich von Fleisch ernährt, das relativ leicht zu verdauen ist, besitzt sie z.B. nur einen kurzen Darm.

Welche Eigenschaften braucht nun ein Tier, das sich von Mäusen ernähren möchte ? Mäuse als Nahrungsquelle sind insofern sehr geeignet, weil es immer und überall viele Mäuse gibt und sie deshalb eine recht sichere Nahrungsgrundlage bieten. Da sie sehr vorsichtig und verborgen leben, sind sie nur durch einen Überraschungsangriff zu erbeuten. Das geht entweder leise aus der Luft wie es der Mäusebussard tut oder wie eben von der Wildkatze beschrieben.

Weiterführende Fragen: Wäre es denkbar, dass es Tiere gibt, die Mäuse in ähnlicher Weise jagen wie Löwen Gnus und Zebras ? (Sie müssten kleiner als Mäuse sein, sozial leben, die Mäuse gemeinsam, anfallen und töten und könnten sich die Beute teilen). Wenn ja, warum gibt es sie nicht, wenn nein warum nicht?
Warum ist die Wildkatze bei uns so selten geworden, obwohl es doch sicher immer noch genug Mäuse in unseren Wäldern gibt?
Spielen auch Vögel eine wichtige Rolle für den Speiseplan einer Wildkatze ? Welche anderen Tiere erbeutet sie sonst ? Nimmt sie auch andere Nahrung zu sich?

Kommentar
Mario Hupfeld ,78464 Konstanz, Mario.Hupfeld@uni-konstanz.de