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Auroras Anlass

Erzählung

Diogenes (1987), 143 Seiten, ISBN: 3-257-21731-5

Auroras Anlass - Cover
Im folgenden möchte ich die vergleichende Lektüre von zwei Büchern empfehlen: Erich Hackls Erzählung "Auroras Anlass" und Charlotte Kerners Roman „Blueprint. Blaupause“ (1999) erzählen eine ähnliche Geschichte und sind doch fundamental verschieden.
Im folgenden möchte ich die vergleichende Lektüre von zwei Büchern empfehlen: Erich Hackls Erzählung "Auroras Anlass" und Charlotte Kerners Roman „Blueprint. Blaupause“ (1999) erzählen eine ähnliche Geschichte und sind doch fundamental verschieden.

Es geht um Wunschkinder, die ihre Mission nicht erfüllen.

Erich Hackls Roman spielt in Spanien zu Beginn des 20 Jh.; Aurora Rodriguez, die Tochter eines angesehenen Advokaten, sucht per Zeitungsannonce einen Vater für ihr noch zu zeugendes Kind, das sie dann vaterlos erziehen und zu einer politische Aktivistin für die Frauenemanzipation formen will. Tatsächlich kommt dieses Kind zustande und wird nun von der Mutter einem systematischen Erziehungsprogramm unterworfen: Die Mutter widmet ihr Leben und ihr Geld diesem Projekt. Hildegart, so heißt die Tochter, entwickelt sich schon in frühen Jahren zu einer hochintelligenten und kämpferischen Journalistin. Mit 13 Jahren beginnt sie mit einer Sondergenehmigung das Studium der Jurisprudenz, mit 14 tritt sie in die sozialistische Gewerkschaftsjugend ein, sie arbeitet und referiert über Frauenfragen und publiziert in der sozialistischen Zeitung.
Doch als die Tochter beginnt sich ihrer Verpflichtungen und der mütterlichen Kontrolle zu entziehen, kommt es zum Streit, die Mutter wirft ihr Verrat vor, die Tochter spricht von Unterdrückung: Sie will ihren eigenen Ziele durchsetzen dürfen, z.B. auch selbst einen Mann suchen. - Aurora gelingt es in langen Unterredungen, den Willen ihrer Tochter zu brechen, Hildegart gesteht, zu schwach für die große Mission zu sein, die ihr die Mutter zu gedacht hat, und bittet um den Tod.

In Charlotte Kerners Roman „Blueprint. Blaupause“ erfährt Iris Sellin, eine begnadete Pianistin und Komponistin, mit 30 Jahren von ihrer Krankheit MS, die sich unausweichlich verschlimmern wird, und beschließt sich einen Embryo einpflanzen zu lassen, der ihren genetischen Code enthält – also sich selbst zu klonen. Hierzu sucht sie in Montreal, Canada, einen Spezialisten auf, welcher es dank eines neuen Verfahrens schafft, den Prozess ohne Fehlversuche durchzuführen. Iris Sellin reist als Schwangere nach Deutschland zurück. Das Mädchen, das sie zur Welt bringt, nennt sie Siri, die Umkehrung von Iris. Sie setzt nun ebenfalls ein systematisch geplantes Programm in die Tat um und erzieht ihre Tochter, die nicht-simultane Zwillingsschwester, zu einer willigen und vielversprechenden Pianistin, die nicht nur in die Fußstapfen ihrer Mutter treten, sondern auch deren Kompositionen verewigen soll.
Das anfangs innige Mutter-Tochter-Zwillingsschwester-Verhältnis gerät spätestens in die Krise, als die pubertierende Tochter die Zwecke, derenthalben sie existiert, nicht zu akzeptieren vermag. Das Streben nach eigener Identität muss zwangsläufig zum Konflikt mit der Mutter und deren Zielsetzungen führen: zum „ Zweikampf“ der ungleichzeitigen Zwillinge.

Soweit andeutungsweise die Fabel der beiden Romane; die Parallelen in der Problemstellung sind deutlich. Dennoch liegen Welten zwischen den Romanen und der literarischen Umsetzung des Themas.
Erich Hackl erzählt seine – übrigens authentische – Geschichte in dokumentarischer Kargheit, die Biografien von Aurora und ihrer Tochter Hildegart sind fest in die geschichtlichen und politischen Ereignisse Spaniens eingefügt, der Leser muss diese in gewissem Umfange zur Kenntnis nehmen, um die Extravaganz von Auroras Projekt einschätzen zu können: Sie plant mit ihrer Tochter eine Retter- und Heilsfigur für die beginnende Frauenemanzipation. Der Leser bleibt kritischer Beobachter dieses Projektes, über den Ausgang wird er gleich im ersten Kapitel in Kenntnis gesetzt.

Charlotte Kerner lässt die Tochter selbst erzählen. Dadurch wird die Schilderung der Lebensgeschichte von Mutter und Tochter in eine subjektiv-moralisierende Perspektive gerückt, die Tochter unterbricht immer wieder den Lebensbericht, um sich kommentierend und antizipierend dazwischenzuschalten. Der Leser bekommt so mit den geschilderten Ereignissen auf einer zweiten Ebene auch gleich deren Deutung mitgeliefert, das schafft eine klare Botschaft. Das mag manchem Leser etwas aufdringlich erscheinen - die Geschichte der nicht-simultanen Zwillings-Schwestern ist nichtsdestotrotz faszinierend und zeigt eindringlich die Problematik des für fremde Zwecke missbrauchten Lebens.

Hackls Erzählung hat 140 Seiten, C.Kerners Roman 170 Seiten. Zu beiden gibt es auch hilfreiches Unterrichtsmaterial von Verlagen und im Internet.

verfasst von Walter Boehme am 05.03.2003 | 3005-mal gelesen

Fachrichtungen: Ethik Spanisch Deutsch


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