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Verlag Ernst Probst / Maike Vogt-Lüerssen - "Neros Mutter"

Der in Mainz ansässige Verlag Ernst Probst scheut kein unternehmerisches Risiko und sorgt mit einem unkonventionellen Programm immer wieder für Überraschungen.

Erst unlängst lobte Volker Ulrich das 2003 bei Probst erschienene Schinderhannes-Ortslexikon und die Schinderhannes-Chronik von Peter Bayerlein in der Wochenzeitung Die Zeit.
Auf über 200 Seiten skizziert darin der Mainzer Historiker Leben und Werdegang des berühmten Räubers. Dabei gelingt es Bayerlein, den Widerspruch zwischen dem Gewaltverbrecher und Mörder und dem stilisierten „Hunsrück-Robin Hood“ zu dechiffrieren. Vor allem aber durch die enge Verzahnung mit dem Ortslexikon bietet der Autor seinen Lesern einen optimalen Einstieg in die Materie. Die Entscheidung, der geographischen Dimension gar einen eigenen Band zu spendieren, erweist sich als echter Glücksgriff. Der Band eignet sich sowohl zum spontanen Stöbern als auch zur gezielten Recherche – quasi ein Karteikasten mit hypertextualen Möglichkeiten. Der Schinderhannes genannte Johannes Bückler erinnert in vielen Dingen an den Piraten Klaus Störtebeker. Vielleicht kann Bayerleins Arbeit gar Vorbild sein für eine norddeutsche Spurensuche?

Im selben Jahr erschien im Hause Probst „Meine Worte sind wie Sterne – Die Rede des Häuptlings Seattle und andere indianische Weisheiten“. Das kleine Bändchen bietet neben den verschiedenen Fassungen der Rede hilfreiche Texte zur Biografie des Häuptlings sowie zur Entstehungs- und Wirkungsgeschichte. Die zweite Buchhälfte besteht allein aus Miniaturen – indianische Weisheiten, die von den Autoren sorgfältig bebildert wurden.
Sonja und Ernst Probst machen in diesem Buch nicht den Versuch, die ganze Thematik wissenschaftlich und quellenkritisch abzuarbeiten – im Gegenteil. Was die Lektüre empfehlenswert macht, ist die Zurückhaltung, die sich die Herausgeber wohl bewusst auferlegt haben. Reißerische Illustrationen von verschmutzen Bächen oder abgeschlachteten Büffeln sucht man vergeblich. Vielmehr wirkt das Büchlein aus dem Inneren – aus einer subtilen Spannung, die aus dem zurückhaltend kommentierten Nebeneinander von Text und Bild entsteht. Seattles Rede in einem liebevoll gestalteten Band zu einer Zeit zu veröffentlichen, in der man mit einer Internetsuchmaschine in Sekunden Dutzende Seattle-Texte zu Tage fördert, verdient Respekt und Anerkennung. Offenbar gibt es noch unternehmerische Ideale fernab von Kommerz und Profitgier

Superfrauen heißt im Verlag Ernst Probst nicht nur eine umfangreiche Taschenbuchreihe zur Frauengeschichte, sondern eine Superfrau ist sicherlich auch die mittlerweile im südaustralischen Adelaide lebende Autorin Maike Vogt-Lüerssen. Die gebürtige Wilhelmshavenerin hat in zahlreichen Schriften einen umfassenden Beitrag zur Frauen- und Alltagsgeschichte geliefert: „Margarete von Österreich“, „Anna von Sachen“, „Lucrezia Borgia“ oder „Der Alltag im Mittelalter“ – um hier nur einige der zahlreichen Titel zu nennen.
Um es vorwegzunehmen – sämtliche Werke der Autorin, die bei Ernst Probst erschienen sind, stehen über das Internet im Volltext kostenlos zur Verfügung. Dennoch sei ausdrücklich zur Printausgabe geraten. Der Preis ist moderat; das Buch kommt in einem handlichen A4-Format daher und ist (obwohl Paperback) absolut stabil gebunden. Insofern sollte das Internetangebot bestenfalls zur Leseprobe dienen – wer einmal versucht hat, ein Buch am Bildschirm zu lesen, wird dem Rezensenten ohnehin zustimmen.

Von der Chronologie her steht der Titel „Neros Mutter – Agrippina die Jüngere und ihre Zeit“ am Anfang der Vogtschen Frauenbiographien. Die Historikerin möchte in diesem Buch der wahren Agrippina auf die Spur kommen. Dazu heißt es im Klappentext: „Denn leider muss man den bisherigen Historikern den Vorwurf machen, bezüglich dieser Frau voreingenommen und unkritisch recherchiert zu haben. Nur zu bereitwillig folgten sie den Annalen des Tacitus, der politisch aktiven Frauen gegenüber stets feindlich gesinnt war.“

Das Buch gliedert sich in vier Hauptkapitel, die jeweils einen Lebensabschnitt Agrippinas zeigen. Auffällig ist, dass in jeder Phase eine dominierende männliche Persönlichkeit auf Agrippina wirkt und ihre Spuren hinterlässt. In der Kindheit war es die omnipräsente Vaterfigur des Germanicus, von dessen Beliebtheit Agrippina – seinem frühen Tod zum Trotze – Zeit ihres Lebens profitierte. In ihrer Jugend wurde ihr Bruder, der spätere Kaiser Caligula, der bekanntermaßen seine Schwestern vergötterte, bestimmend. Für die Frau waren es dann der Onkel und spätere Ehemann Claudius sowie nicht zuletzt ihr eigener Sohn und späterer Mörder Nero.
Maike Vogt-Lüerssen gelingt es, aus den vorhandenen Quellen ein lebendiges Bild der Blütezeit des römischen Kaiserreichs zu rekonstruieren. Dabei beschränkt sie sich nicht auf die vorhandene Sekundärliteratur oder auf die Schriften der üblichen antiken Gewährsleute, sondern sie interpretiert an vielen Stellen Münzen, Tafeln oder Büsten, was den Text erfrischend und abwechslungsreich macht. So gelingt es der Autorin beispielsweise die zunehmende Entfremdung zwischen Agrippina und Nero am Münzbild nachzuweisen. Jeder Autor, der sich mit der klassischen römischen Kaiserzeit beschäftigt, wird sich entscheiden müssen, wie er mit dem Dickicht der Halbwahrheiten und den zuweilen zweifelhaften Anekdoten über die grausam abnormale Sexualität der Kaiser umgeht. Häufig ziehen es die männlichen Autoren vor, diesen Bereich geflissentlich zu ignorieren. Möglicherweise geht Vogt-Lüerssen als weibliche Autorin unbefangener an die Sache – allerdings muss man sich zuweilen schon fragen, ob manche Schilderung (z.B. die von Tiberius’ Fischlein) nicht doch zu weit geht. Dass das Thema zwingend in eine Publikation gehört, die den Anspruch erhebt, die Lebenswirklichkeit einer der berühmtesten Frauen der römischen Antike zu erhellen, ist unstrittig. Vogt-Lüerssen entscheidet die Gratwanderung letztlich für sich.
Schon früher wurde der Autorin der Vorwurf gemacht, viele Quellen nur auf ihren Unterhaltungswert hin auszuwerten. Ein solches Urteil erscheint kleinkrämerisch, denn gerade die geschichtliche Anekdote ist von besonderem Wert. Jedem Geschichtslehrer sei geraten, sich hier einen ausreichenden Fundus zuzulegen. Und – soviel sei verraten – in dem Buch „Neros Mutter“ gibt es reichlich Futter.
Mit Ausnahme der Julia Domna gab es in der gesamten Antike keine zweite Frau, die über eine derartige Machtfülle wie Agrippina verfügte. Dass dies überhaupt möglich wurde – denn immerhin hatte Frauen in der Antike keine politischen Rechte -, lag an der unmittelbaren Nähe Agrippinas zu den einflussreichsten Personen der Kaiserzeit. Insofern haben wir es natürlich mit einer Ausnahmeerscheinung zu tun. Dennoch spiegeln sich in Agrippina auch die normalen Lebensverhältnisse einer römischen Frau wider: Bildung, Vormundschaft, Reproduktion, Aufzucht der Kinder, Geschäftsfähigkeit usw. Dass Maike Vogt-Lüerssen diese alltäglichen Dinge nicht aus dem Blick geraten, macht das Buch lesenswert und in der Tat zu einem frauengeschichtlichen Beitrag. Dass die Frage, ob und inwiefern Tacitus nun irrt, dabei etwas aus dem Blick gerät, trübt den ansonsten sehr positiven Eindruck nicht.

Dr. Georg Mondwurf


GM für psm-data



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