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Sekundärliteratur
20. Jahrh. | Deutschland | Drittes Reich
[P|S|M]
Thomas Breuer*(22.05.2003): Die Haltung der katholischen Kirche zur Judenverfolgung im Dritten Reich
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  Am 3. Dezember 1939 notierte der katholische Schriftsteller und Philosoph Theodor Haecker in sein Tagebuch: „Man darf annehmen, daß die Deutschen, bewußt und unbewußt, alles tun werden, um ungefähr alles, was heute gesprochen, geschrieben und getan wird, so rasch wie möglich zu vergessen“1. Lange Zeit schien es so, als sollte sich seine Ahnung erfüllen - nicht zuletzt im Hinblick auf seine Religionsgemeinschaft. So präsentierte sich die katholische Kirche den Zeitgenossen nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes als beispiellose moralische Autorität. Als einzige soziale Großgruppe hatte sie die 12 Jahre des tausendjährigen Reiches relativ unbeschadet überstanden. Anders als die evangelische Kirche stand sie nicht im Geruch, allzu sehr mit dem Nationalsozialismus sympathisiert zu haben. Die Zerschlagung des Dritten Reiches interpretierten die Kirchenmänner zuvörderst als Niederlage der nationalsozialistischen Weltanschauung, die katholische Kirche sahen sie als Siegerin im Kampf zwischen Licht und Finsternis. Mit ihrem übergroßen Selbstbewusstsein bot die Kirche den Menschen im allgemeinen Chaos der unmittelbaren Nachkriegszeit Orientierung und Verhaltenssicherheit. Gegenüber den alliierten Siegermächten nahm sie die Rolle einer Fürsprecherin des deutschen Volkes ein. Indem sie sich selbst wie die Mehrzahl der dem christlichen Glauben treu gebliebenen Deutschen von einer Mitverantwortung für die nationalsozialistischen Verbrechen freisprach, folgte sie nicht nur ihrem Institutioneninteresse, sondern sie nahm zugleich auch die Deutschen vor der Kollektivschuldthese der Alliierten in Schutz. So schob z.B. der Münchener Kardinal Faulhaber die Verantwortung für die „schrecklichen Zustände“ in den Konzentrationslagern „einzelnen Unmenschen“ zu und machte ganz im Stil späterer Geschichtsrevisionisten auch bereits eine Gegenrechnung auf, indem er darauf hinwies, es seien „nicht weniger erschreckende Bilder, wenn man die Leichen der Menschen, die bei einem Fliegerüberfall der Amerikaner lebendig begraben und in Stücke zerrissen wurden, in einem Film zusammenfassen könnte“2.  
  An einer kritischen Aufarbeitung der Vergangenheit bestand in jenen Jahren bei den deutschen Bischöfen keinerlei Interesse. Als Deutsche übernahmen sie die Selbstverteidigung gegenüber den Siegern des Krieges, als Kirchenführer suchten sie die sogenannte Stunde Null als Chance zur Rechristianisierung der deutschen Gesellschaft und damit zur Wiedergewinnung einer einflussreichen Position in unserem Lande zu nutzen. Hier und da vorgebrachte Anfragen an das Verhalten der Kirche in der NS-Zeit konnten dabei nur lästig sein. Der Freiburger Erzbischof Gröber wischte den Verdacht, die Kirche habe zur Judenverfolgung nicht deutlich genug Stellung genommen, mit der Bemerkung beiseite, »keiner von den Bischöfen“ habe je „beweiskräftig“ etwas über die Vorgänge im Osten erfahren3 . Demgegenüber wusste der Fuldaer Bischof Dietz zu berichten, das deutsche Volk habe, soweit es christlich war, „ die Ausrottung des Judentums auf das allerschärfste als ungeheuerlichen Massenmord verurteilt“, diese aber wegen des bestehenden Terrors nicht zu unterbinden vermocht4 . Die Argumente waren verschieden, das Ergebnis aber jeweils das gleiche: Verantwortung für die Verbrechen suchten die Bischöfe immer nur bei anderen, niemals aber bei sich selber.  
  Hatte man in der Nachkriegszeit mittels solcher selbst ausgestellten Persilscheine die eigene Soutane weißgewaschen, schickte sich im Jahr 1963 ein protestantischer Autor namens Rolf Hochhuth an, dieses Kleidungsstück mit einigen kräftigen Tintenklecksen zu verunreinigen. Sein Stellvertreter-Stück provozierte den vereinten Aufschrei der deutschen Katholiken und eine öffentliche Diskussion ungeahnten Ausmaßes. Freilich litt die Debatte merklich unter ihrer personalisierenden Betrachtungsweise, die das ganze Problem auf die eine Frage zuspitzte, warum denn nun Papst Pius XII. zur Judenverfolgung geschwiegen habe. Dies war zwar sehr medienwirksam und beschäftigte sogar den deutschen Bundestag, lenkte aber von dem zentralen Problem der überindividuell wirksamen Mentalitäten und Strukturen eher ab. Immerhin trug die Hochhuth-Kontroverse mit dazu bei, daß die Geschichtswissenschaft dem Thema „Katholische Kirche und Drittes Reich" verstärkte Aufmerksamkeit widmete. Inzwischen füllt die Literatur über diese Epoche der Kirchengeschichte bereits ganze Regale; eine monographische Studie über die Haltung der Kirche zur Judenverfolgung sucht man jedoch vergeblich5.  
  Solange eine genauere Bearbeitung dieses Themas aussteht, glaubt man offensichtlich vielerorts, aufwendige Untersuchungen durch selbstsicher vorgetragene Meinungen ersetzen zu können. Es sind keineswegs nur Presseorgane wie Augsteins SPIEGEL, die sich dieser Methode bedienen. Auch der amerikanische Historiker Goldhagen bleibt für seinen Vorwurf, „gerade an der Haltung der Kirchen“ lasse sich „sehr deutlich ablesen, wie tief verankert der eliminatorische Antisemitismus in Deutschland“ gewesen sei, die Belege schuldig7. Auf der anderen Seite besteht freilich ebenso wenig Anlass dazu, mit dem katholischen Historiker Rudolf Lill triumphalistisch auszurufen, „daß die Verantwortung für den Judenmord in erster Linie eine nationalsozialistische, in zweiter Linie eine deutsche ist, nicht aber eine christliche oder gar eine katholische!8“. Solche apologetischen Töne erfreuen sich zwar in Teilen des deutschen Katholizismus immer noch großer Beliebtheit, haben aber in den letzten Jahren mehr und mehr einer differenzierten Einsicht in die eigene Schuldgeschichte weichen müssen.  
  Einem solchen Interesse sollen auch die folgenden Ausführungen dienen. Ich werde zunächst einen sehr stark gerafften Überblick über die Haltung der katholischen Kirche zur nationalsozialistischen Judenverfolgung geben, um sodann etwas ausführlicher nach den Ursachen für dieses Verhalten zu fragen.  
     
  1. DIE FAKTEN - EINE KURZE ÜBERSICHT  
     
  Der Anteil der Juden an der deutschen Gesamtbevölkerung war viel niedriger, als die antisemitische Propaganda von völkischer und nationalsozialistischer Seite vermuten lassen würde. Im Juni 1933 wurden knapp 500.000 Juden in Deutschland gezählt; sie stellten damit ganze 0,77 Prozent der Gesamtbevölkerung. Wenn man bedenkt, dass zudem seit dem 19. Jhdt. im Zuge eines starken Urbanisierungsprozesses eine Verlagerung vom Land in einige wenige städtische Zentren stattgefunden hatte, wird einem klar, dass in weiten Teilen des Landes gar keine Juden lebten. Es ist jedoch in Rechnung zu stellen, dass es auch einen 'Antisemitismus ohne Juden' gab. Insbesondere der Gemeinplatz vom 'zersetzenden' Einfluss 'der Juden' in Kultur und Politik sowie ihrer 'beherrschenden' Stellung in Wirtschaft und Pressewesen brauchte keine unmittelbare Anschauung.  
  Diese Vorurteile versuchten sich die Nationalsozialisten zunutze zu machen, als sie für den 1. April 1933 einen Boykott jüdischer Geschäfte ankündigten. Daraufhin sprach der Direktor der Deutschen Bank von Berlin, Oskar Wassermann, bei dem Breslauer Kardinal Bertram, dem Vorsitzenden der Fuldaer Bischofskonferenz, vor, um diesen zu einer Intervention bei der Reichsregierung zu bewegen. Bertram wollte diese Entscheidung nicht alleine verantworten und fragte bei allen Erzbischöfen an, ob ein solcher Schritt opportun sei. Er selbst, so fügte er hinzu, sei aus mehreren Gründen dagegen. Erstens handle „es sich um einen wirtschaftlichen Kampf in einem uns in kirchlicher Hinsicht nicht nahestehenden Interessenskreise“, zweitens solle sich der Episkopat auf sein eigenes Arbeitsgebiet beschränken, drittens dürfte der Schritt keinen Erfolg haben, und viertens könne die sicherlich üble Interpretation, die eine solche Parteinahme in den weitesten Kreisen finden werde, den Bischöfen nicht gleichgültig sein. Es kann nicht überraschen, dass nach diesem Votum ein Protest der Bischöfe unterblieb. Allein der Freiburger Erzbischof Gröber hatte zu einer Intervention geraten - bezeichnenderweise „mit Rücksicht auf Schuldlose und Convertierte“ 9.  
  Nachdem der Breslauer Kardinal sich mit seinen Bedenken durchgesetzt hatte, erreichten den Münchener Erzbischof Faulhaber, der ebenfalls von einer Intervention abgeraten hatte, mehrere Protestschreiben. Der Berliner Studentenseelsorger Franziskus Stratmann, der führend im Friedensbund deutscher Katholiken tätig war und im Laufe des Jahres 1933 emigrierte, teilte Faulhaber bestürzt mit, dass „selbst Priester [...] ihre antisemitischen Instinkte durch dieses sündhafte Treiben [sc. die Judenhetze] befriedigt“ fühlten. Dagegen verlangte er entschiedenes Vorgehen: „Am Opportunismus“, so Stratmann, „geht das Christentum zugrunde. [...] Man sagt: die Bischöfe haben gegen die Fürstenenteignung protestiert; warum schweigen sie zu dieser weit schlimmeren Enteignung?“10 Auch der Priester und Publizist Alois Wurm beklagte sich bei dem Münchener Kardinal über das Schweigen der Katholiken zur Hassschürung gegen die Juden. Dies erscheine sehr vielen als katholisches Versagen11 . Faulhaber gestand in seiner Antwort zwar ohne weiteres zu, dass das Vorgehen gegen die Juden unchristlich sei, beschied den Bittsteller aber nichtsdestoweniger, dass es für die kirchlichen Oberbehörden weit wichtigere Gegenwartsfragen gebe, zu nennen seien hier der Fortbestand der katholischen Vereine und der Bekenntnisschulen. Im Übrigen könnten die Juden sich selber helfen, und die Kirche dürfe der Regierung keinen Grund geben, die „Judenhetze in eine Jesuitenhetze umzubiegen“. Voller Selbstmitleid teilte der Kardinal schließlich mit: „Ich bekomme von verschiedenen Seiten die Anfrage, warum die Kirche nichts gegen die Judenverfolgung tue. Ich bin darüber befremdet; denn bei einer Hetze gegen die Katholiken oder gegen den Bischof hat kein Mensch gefragt, was man gegen diese Hetze tun könne. Das ist und bleibt das Geheimnis der Passion“12 . Die Anfragen bei den Bischöfen häuften sich besonders deswegen, weil die NS-Regierung nur eine Woche nach der Boykott-Aktion das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ verabschiedete, das per „Arierparagraph“ die Entlassung von Juden aus dem Staatsdienst ermöglichte. Dass von dieser Maßnahme auch zum christlichen Glauben konvertierte Juden betroffen waren, fand nun auch Kardinal Faulhaber besonders ungerecht und schmerzlich. Von den zahlreichen Bittgesuchen zeigte er sich dennoch genervt. In einem Brief an den Augsburger Bischof Kumpfmüller machte er seinem Ärger Luft: „Einem geistig hochstehenden, jüdisch geborenen, jetzt ernsten Katholiken habe ich erklärt, daß bei der Taufe ausdrücklich gesagt werde, der Glaube nütze zum ewigen Leben und daß niemand von der Taufe irdische Vorteile erwarten dürfe. Trotzdem geht man jetzt förmlich mit Mitleid für die getauften Juden hausieren“13 . Immerhin nahm der deutsche Episkopat in seinen programmatischen Hirtenbrief vom 3. Juni 1933 einen indirekten Protest gegen dieses Gesetz auf. Die ausschließliche Betonung der Rasse, so mahnten die Bischöfe, führe zu Ungerechtigkeiten, „die das christliche Gewissen belasten, vor allem, wenn sie Mitmenschen treffen, die in Christus durch das hl. Sakrament der Taufe wiedergeboren sind". Deshalb solle der Staat die Einheit und Geschlossenheit des Volkes, die er dankenswerterweise erstrebe, nicht durch die „Blutsgleichheit“, sondern durch die „Gesinnungsgleichheit“ seiner Bürger verwirklichen14 . Mit anderen Worten: Die Bischöfe begrüßten die Zerschlagung der pluralistischen Demokratie von Weimar und votierten für einen autoritären Staat auf sogenannter christlicher Grundlage. In diesem Staat hätte die Regierung gegen all diejenigen vorzugehen, die offensiv eine antikirchliche Einstellung vertraten. Entsprechend zeigten sich die Bischöfe erfreut über die Ausschaltung von Kommunisten, Freidenkern und Zeugen Jehovas. Auch gegen die so bezeichneten „Auswüchse des Judentums“ hätte die Regierung einschreiten dürfen15 , nicht aber gegen die Juden als Rasse, insbesondere deshalb, weil davon auch Katholiken betroffen waren16 .  
  Die auf dem Verordnungs- und Gesetzeswege erfolgende schrittweise Entrechtung der Juden beobachteten Bischöfe und Geistliche bis auf wenige Ausnahmen teilnahmslos. Zu den Nürnberger Gesetzen vom September 1935, mit denen die Juden zu Bürgern minderen Rechts erklärt sowie Eheschließungen und außereheliche sexuelle Beziehungen zwischen Juden und Ariern verboten wurden, erfolgte keinerlei Verlautbarung der deutschen Bischöfe. Als jedoch im darauffolgenden Jahr bayerischen Geistlichen die Einreise nach Österreich verweigert wurde, protestierte der Münchener Generalvikar Buchwieser beim Reichsinnenministerium gegen diese „Herabsetzung unseres Klerus zu Bürgern 2. Klasse“. Die Geistlichen seien immer bereit gewesen, „im Dienste der Volksgemeinschaft ihr Alles einzusetzen“ und müssten „es darum als tiefste Kränkung auffassen, hier mit Juden und vaterlandslosen Elementen auf eine Stufe gestellt zu werden“17.  
  Schweigen herrschte dann wieder, als die Nationalsozialisten im November 1938 die sogenannte „Reichskristallnacht“ inszenierten. Dass der mutige Berliner Dompropst Bernhard Lichtenberg, der am Tag nach der Pogromnacht zu einem Gebetsgottesdienst „für die verfolgten nicht-arischen Christen und für die Juden“ einlud18, in diesem Zusammenhang immer wieder und zu Recht als leuchtendes Beispiel angeführt wird, liegt ja vor allem daran, dass man sonst kaum jemanden nennen kann. Dennoch weiß man, dass die 'Kristallnacht' bei einem Großteil der Bevölkerung keineswegs ein positives Echo fand. In den kleinen jüdischen Landgemeinden Frankens war es in der Regel so, dass die Zerstörungen von auswärtigen SA-Männern vorgenommen wurden und die christlichen Einwohner sich überwiegend abseits hielten. Freilich nahmen zumeist auch einige Ortsansässige an den Ausschreitungen teil. In Demmelsdorf (BA Bamberg, 172 E, 130 K, 42 J) etwa demolierten zunächst die aus Bamberg angereisten SA-Leute die Synagoge und verbrannten das Inventar. An den Gewalt- und Plünderungsaktionen beteiligten sich nach dem Abzug der SA-Männer auch Dorfbewohner, wobei ein alter Jude aus seiner Wohnung gezerrt und geschlagen wurde19 . Im benachbarten Zeckendorf (235 E, 209 K, 4 P, 22 J) waren schon zwei Jahre zuvor 25 Fenster der Synagoge durch Dorfkinder eingeworfen worden. Am 10. November 1938 zerstörten fünf ortsfremde Nationalsozialisten die Inneneinrichtung der Synagoge. Um das Gebäude herum versammelten sich ca. 100 Dorfbewohner, Kinder und Jugendliche warfen wiederum Steine durch die Fenster20 . Diese Beispiele bestätigen die Einschätzung des britischen Historikers Ian Kershaw: „Katholizismus bildete keinen Schutz vor Antisemitismus“21 doch war es zweifellos so, dass sich nur Minderheiten aktiv an den Zerstörungen und Plünderungen beteiligten22 . Auch die Gendarmerie-Berichte aus dem Bezirksamt Ebermannstadt mussten einräumen, dass die Mehrzahl der Bevölkerung die Aktion ablehnte. Ausschlaggebend für diese Haltung war allerdings nicht humanitäres Empfinden, sondern die Aufregung über die 'sinnlose' Vernichtung von Sachwerten. Der Bezirksamtsvorstand erläuterte die Mehrheitsmeinung der Bevölkerung am 2.12.1938 folgendermaßen:  
     
  Die Auferlegung der Geldbuße23 war vollauf am Platze und es wäre viel besser gewesen, diese Summe in Zusammenhang mit den nachträglich erlassenen ebenfalls begrüßenswerten Verordnungen über die Ausschaltung der Juden aus dem Erwerbsleben usw. noch zu erhöhen, als Sachwerte vernichten zu lassen. Daher werden die Zerstörungen und Plünderungen abfällig beurteilt, und zwar nicht bloß aus diesem Grunde, sondern auch deswegen, weil dadurch das Rechtsbewußtsein ins Schwanken geraten ist. Eine grundsätzlich derart eingestellte Stimmung gibt dann einen geeigneten Nährboden ab für Gerüchte, daß die Geistlichen und das Kirchenvermögen die nächsten sein werden, denen es ähnlich ergehen wird wie den Juden [...]“24.  
     
  Zweierlei gilt es demnach festzuhalten: Zum einen wurden von der in ihrer Mehrheit stark kirchlich gebundenen Bevölkerung die Maßnahmen gegen die Juden nicht grundsätzlich abgelehnt, sondern nur insoweit sie ungesetzlichen Charakter trugen. Die 'legale' Isolierung und Enteignung der Juden wurde demgegenüber gutgeheißen. Zum zweiten - und dies ist typisch für die katholische Perspektive - stellte man das Geschehen sofort in einen Zusammenhang mit dem Kirchenkampf. Das gleiche geschah in Bamberg, wo die Alumnen des Priesterseminars vom Seminarturm aus die brennende Synagoge beobachteten und sich fragten: „Heute brennt die Synagoge. - Wann brennt das Priesterseminar?“25 . Der Bonner Historiker Konrad Repgen hat darauf aufmerksam gemacht, dass auch von Kölner Katholiken die Ereignisse der Pogromnacht als Übungskurs für die zukünftigen Zerstörungen der Kirchen betrachtet wurden. Es ist somit davon auszugehen, dass es sich hierbei um ein weitverbreitetes Denkmuster handelte. Kurz und pointiert gesagt, betrachteten die Katholiken die 'Kristallnacht' als Menetekel und nicht als Ernstfall.  
  In der Kriegszeit scheint sich die Aufmerksamkeit für das Schicksal der Juden nicht gerade verstärkt zu haben. Weder die Einführung des Judensterns im September 1941 noch die im Herbst desselben Jahres beginnenden Deportationen haben zu einer öffentlichen Beunruhigung geführt. Auch der Episkopat blieb seiner Linie treu und wahrte Stillschweigen. Selbst zuverlässige Nachrichten über die Mordaktionen der Einsatzgruppen an Zehntausenden von Juden26 und Hinweise auf die Existenz von Vernichtungslagern vermochten daran wenig zu ändern. Im Allgemeinen beschränkte sich der Episkopat auf nicht öffentliche Interventionen zugunsten der 'katholischen Nichtarier'. So könnte im Winter 1942/43 zusammen mit regime-internen Differenzen und dem öffentlichen Protest von Berliner Frauen in der Rosenstraße auch der entschiedene Einspruch der deutschen Bischöfe zum Scheitern einer Gesetzesvorlage bezüglich der Zwangsscheidung rassischer Mischehen beigetragen haben. Ein solches Gesetz hätte auch für viele Christen die Deportation bedeutet. Zudem ging es für Kardinal Bertram in diesem Fall nicht zuletzt um die Verletzung des katholischen Sakramentenrechts. Dagegen erhob er in einem Schreiben an die Regierung „ernsteste Vorstellungen“. Freilich vergaß er selbst hier nicht hinzuzufügen, es bedürfe „dabei nicht der Versicherung, daß diese meine Vorstellungen nicht einem Mangel an Liebe zum Deutschtum, nicht einem Mangel an Gefühl nationaler Würde entspringen, auch nicht einer Geringschätzung der schädlichen Einflüsse eines Überwucherns jüdischer Einflüsse gegenüber deutscher Kultur und vaterländischer Interessen27  
  Für eine öffentliche Kundgebung des Episkopats setzte sich Anfang März 1943 der Hildesheimer Bischof Machens ein, als katholische „Zigeuner“kinder aus Heimen seiner Diözese abgeholt wurden. In einem Brief an Kardinal Bertram fragte er sich, was zu tun sei, „um unsere Glaubensbrüder zu schützen“28 . Das Ergebnis dieser Initiative war der Hirtenbrief über die Zehn Gebote, den der deutsche Episkopat im August 1943 verabschiedete. Zum 5. Gebot hieß es u.a.: „Tötung ist in sich schlecht, auch wenn sie angeblich im Interesse des Gemeinwohls verübt wurde: An schuld- und wehrlosen Geistesschwachen und -kranken, an unheilbar Siechen und tödlich Verletzten, an erblich Belasteten und lebensuntüchtigen Neugeborenen, an unschuldigen Geiseln und entwaffneten Kriegs- oder Strafgefangenen, an Menschen fremder Rassen und Abstammung“29 . Dies war zwar die deutlichste Anklage gegen die Verletzung der Menschenrechte, die der Gesamtepiskopat in den 12 Jahren der NS-Herrschaft veröffentlichte, doch wurde sie vom Kirchenvolk recht teilnahmslos aufgenommen30. Natürlich lag die geringe Resonanz auch darin begründet, dass die Menschen in den Kriegsjahren ihre eigenen Sorgen, beispielsweise um ihre Angehörigen an der Front, hatten. Doch es gab auch Gründe, die im Hirtenwort selbst lagen. Denn zum einen handelte es sich um einen kleinen Abschnitt aus einem langen Hirtenwort und zum anderen war die Formulierung doch wenig anschaulich und konkret. Dass hier u.a. die Ermordung der Juden verurteilt wurde, dürfte sich nur den allerwenigsten erschlossen haben, zumal die Gläubigen an Proteste ihrer Bischöfe gegen die Judenverfolgung nicht gerade gewöhnt waren. Abgesehen davon kam diese Stellungnahme auch zu spät, denn im Spätsommer 1943 waren die deutschen Juden schon fast restlos deportiert.  
  Nicht nur in öffentlichen Kundgebungen, sondern auch in schriftlichen Eingaben an die Regierung wurde bis zuletzt eine klare Sprache vermieden. Zwar wurde der Episkopatsvorsitzende Bertram nach langem Drängen von Bischof Preysing und dessen Mitarbeiterin Margarete Sommer am 17. November 1943 endlich in Berlin vorstellig, doch standen seine Formulierungen in einem „grausig-makabren Gegensatz“ zu den Realitäten in den Konzentrationslagern31 . In der Eingabe war davon die Rede, die Lage der inhaftierten Nichtarier sei nicht nur als hart und drückend, sondern sogar als menschenunwürdig zu bezeichnen und solle daher von der Regierung einer Prüfung unterzogen werden. Insbesondere aber, so Bertram, fühlten sich die deutschen Bischöfe verpflichtet, für die Katholiken unter den Inhaftierten die Forderung zu erheben, „daß ihnen die Wohltat priesterlicher Seelsorge nicht länger versagt werde". Auch die Lagerleitung werde davon Nutzen habe, „wenn der tief sittigende Einfluß des sakramentalen Lebens im Gesamtverhalten der Teilnehmer“ sich auswirke32 .  
  Erst am 29. Januar 1944 tastete sich Kardinal Bertram näher an die Wirklichkeit heran, indem er nunmehr von der Gefahr der „Ausmerzung“ sprach. Freilich hatte er bei diesem Schreiben die ‘Mischlinge’ im Blick, die, wie der Oberhirte erläuterte, „bekenntnismäßig durchweg Christen“ waren. Angesichts der Bestrebungen, auch die ‘Halb- und Vierteljuden’ in das Vernichtungswerk mit einzubeziehen, sah sich der Bischof vor Gott und seinem Gewissen verpflichtet, seine Stimme zu erheben - denn, so Bertram, „ die deutschen Katholiken, ja zahlreiche Christen in Deutschland würden aufs schwerste getroffen werden, wenn diese ihre Mitchristen ein ähnliches Schicksal tragen müßten wie die Juden“33 .  
  Ich gestehe, dass ich auch heute noch, nach oftmaliger Lektüre dieser Zitate, einigermaßen fassungslos vor diesen Äußerungen stehe. Natürlich ist man geneigt, sich damit zu beruhigen, dass es auch andere Stimmen gegeben hat. Doch kann das mutige Auftreten des Berliner Dompropstes Bernhard Lichtenberg, kann die aufopferungsvolle Tätigkeit von Gertrud Luckner (Freiburger Hilfswerk) und Margarete Sommer (Hilfswerk beim Bischöflichen Ordinariat Berlin)34 , kann der Einsatz vielfach unbekannter Katholiken, die in den Kriegsjahren unter Lebensgefahr Juden versteckten, diese wahrhaft empörenden und verstörenden Äußerungen des höchsten Repräsentanten des deutschen Katholizismus und vieler seiner Mitbrüder relativieren? Ich meine, das können sie nicht. Diese Menschen waren Ausnahmen, die als solche benannt werden müssen und deren prophetisches Potential nicht dadurch paralysiert werden darf, dass man sie als Alibifälle missbraucht. Theologisch könnte man sagen, dass sie stellvertretend für die Kirche handelten, repräsentativ aber waren sie nicht. Der jüdische Schriftsteller Schalom Ben-Chorin sprach in diesem Zusammenhang einmal davon, dass es auch Gerechte in Sodom gegeben habe.  
     
  2. Ursachen  
     
  Soweit also in aller Kürze zu den Fakten. Von einer entschiedenen Solidarität mit den verfolgten Juden kann wahrlich nicht die Rede sein. Wenn überhaupt einmal ein Einspruch erfolgte, dann war er doch sehr verhalten und hatte in der Regel nur die 'katholischen Nichtarier' im Blick. Auch für den niederen Klerus läßt sich Ähnliches feststellen: Von den zahlreichen staatlichen Zwangsmaßnahmen gegen katholische Geistliche erfolgten ganze 0,9% wegen Judenbegünstigung35 .  
  Für dieses Versagen gegenüber den Juden möchte ich drei Ursachen namhaft machen: 1. das Fortwirken des traditionellen kirchlichen Antjudaismus; 2. die Furcht vor Repressalien und 3. das vorkonziliare Selbstverständnis der Kirche.  
     
  2.1.  ANTIJUDAISMUS  
  Im April 1933 kam es zu einem Gespräch zwischen Hitler und dem Osnabrücker Bischof Berning, in dessen Verlauf sich der Reichskanzler für seine Judenfeindschaft ausdrücklich auf den christlichen Antijudaismus berief. Er teilte dem Kirchenmann mit, dass er dem Christentum den größten Dienst erweise, wenn er diese Schädlinge zurückdränge. Interessanterweise verzeichnet das kirchliche Protokoll keinen Widerspruch von Seiten des Bischofs36 .  
  Nun war der nationalsozialistische Rassenantisemitismus sicherlich nicht identisch mit dem alten religiösen Antijudaismus. Man kann diese beiden Spielarten der Judenfeindschaft aber auch nicht so fein säuberlich trennen, wie dies bisweilen in der Literatur versucht wird. Wenn etwa der katholische Historiker Konrad Repgen den christlichen Antijudaismus für belanglos im Hinblick auf die Haltung der Kirche zur Judenverfolgung im Dritten Reich erklärt, weil dieser im Kern auf einem „theologischen Dissens“ beruhe, „der für geistige Auseinandersetzung und religiöse Entscheidung prinzipiell offen“ sei37 , so handelt es sich hier um eine offensichtliche Verharmlosung. Denn rein religiöser und rein geistiger Natur war die christliche Judenfeindschaft zu keiner Zeit.  
  Will man Aufschluss über die grundsätzliche Haltung der katholischen Kirche zu Judentum und Antisemitismus in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts erhalten, so bietet es sich an, zunächst einmal einen Blick in damals gebräuchliche Lexika zu werfen. Im seinerzeit wohl bekanntesten katholischen Konversationslexikon „Der große Herder. Nachschlagewerk für Wissen und Leben“ (4., völlig neubearbeitete Aufl. 1931) wurde der katholische Leser folgendermaßen instruiert:  
     
    „Der Antisemitismus ist vom christlichen Standpunkt aus abzulehnen, wenn er die Juden um ihrer Blutfremdheit willen bekämpft oder sich im Kampfe gegen sie unchristlicher Mittel bedient. Die katholische Kirche hat darum von jeher den Antisemitismus als solchen verworfen. [...] Erlaubt ist die Abwehr des tatsächlich-schädlichen Einflusses liberal-jüdischer Kreise auf geistigem (Literatur, Presse, Kunst, Theater usw.) und politisch-wirtschaftlichem Gebiet mit rechtlichen und sittlichen Mitteln, am besten durch eigene, positive Leistungen.38  
     
  Auch in dem vom Regensburger Bischof Buchberger herausgegeben „Lexikon für Theologie und Kirche“ finden wir antijudaistische Stereotype. In dem 1933 erschienenen 5. Band dieses Standardwerks heißt es in einem Artikel über die Geschichte der Juden: „Seit ihrer Emanzipation sind die Juden zu einer politisch-sozialen Macht geworden; sie traten bald an die Spitze des Großkapitals und nützten ihre Vorherrschaft vielfach rücksichtslos aus. Dazu tritt der schlimme Einfluß vieler ihrer Literaten, die auch vor der christlichen Religion nicht halt machen, vor allem aber die beherrschende Stellung der Juden im Handel, in der Presse, vielfach auch in der Politik, und der große Einfluß auf das Theater, wodurch der libertinistische und revolutionäre Teil des Judentums zersetzend auf Religiosität und Volkscharakter einwirkt". Im gleichen Artikel werden die Juden als „die tüchtigsten Werkzeuge der von Lenin aufgerichteten bolschewistischen Herrschaft" bezeichnet39 .  
  Im 1930 erschienenen 1. Band dieses Lexikons findet sich ein Faszikel „Antisemitismus“ aus der Feder Gustav Gundlachs (1892-1963), eines Jesuiten, der acht Jahre später zusammen mit einem französischen und einem amerikanischen Mitbruder den Entwurf für die nicht veröffentlichte Antirassismus-Enzyklika Pius XI. erarbeitete. Gundlach unterschied „eine völkisch u[nd] rassenpolitisch eingestellte von einer staatspolitisch eingestellten Richtung des A[ntisemitismus]“. Die erste Richtung sei „unchristlich, weil es gegen die Nächstenliebe“ sei, „Menschen allein wegen der Andersartigkeit ihres Volkstums [...] zu bekämpfen“, die zweite Richtung hingegen „erlaubt, sobald sie tatsächlich-schädlichen Einfluß des jüd[ischen] Volksteils [...] mit sittl[ichen] u[nd] rechtl[ichen] Mitteln“ bekämpfe40.  
  Unerlaubt war der Antisemitismus also nur, insoweit er auf dem biologistischen und sozialdarwinistischen Rasseglauben beruhte. Der katholisch als vertretbar angesehene Antisemitismus aber war weit mehr als ein rein religiöses Phänomen; er hatte auch soziale, wirtschaftliche und politische Dimensionen41 .  
  Ganz im Einklang mit diesem Denken erläuterte Erzbischof Faulhaber in einem Brief an Kardinal Bertram am 23.10.1936 den Unterschied zwischen der nationalsozialistischen und der katholischen Auffassung wie folgt: „Der Staat hat das Recht, gegen Auswüchse des Judentums in seinem Bereich vorzugehen, im besonderen wenn die Juden als Bolschewisten und Kommunisten die staatliche Ordnung gefährden. Für jene Juden aber, die zur katholischen Kirche übertreten, wobei die reine Absicht der Konversion von kirchlicher Seite immer strenge geprüft wird, kann der Staat die beruhigende Sicherheit haben, daß es sich nicht um Kommunisten oder Bolschewisten handelt. Die nationalsozialistische Weltanschauung verfolgt nach ihrem blut- und rassenmäßigen Grundsatz >Jude bleibt Jude< den getauften Juden in der gleichen Weise wie den ungetauften. Für die Weltanschauung der Bischöfe ist der frühere Jude nach dem Pauluswort 2 Cor 5,17 durch die Taufe ein >neues Geschöpf<, ein wirkliches Kind der Kirche Gottes geworden. [...] Damit hat der getaufte Jude ein Recht erworben, von den kirchlichen Stellen als Christ und nicht mehr als Jude behandelt und wenigstens nicht an die antisemitischen Feinde ausgeliefert zu werden“42 . Ich möchte betonen, dass diese Ausführungen einem kircheninternen Schreiben entnommen sind. Wir dürfen also davon ausgehen, dass sie die tatsächlichen Ansichten des Münchener Kardinals wiedergeben. Und diesen Anschauungen gemäß war nicht jegliche Judenverfolgung zu verwerfen, sondern nur diejenige, die undifferenziert alle 'Rassejuden' betraf und somit auch Katholiken einschloss.  
  Auch Faulhabers berühmte Adventspredigten vom Dezember 1933 waren alles andere als eine „Brandmarkung der Judenverfolgung"43 . Die Ansprachen des Münchener Kardinals, der übrigens vor seiner Bischofsernennung Professor für atl. Exegese gewesen war, richteten sich eindeutig gegen die von den Deutschen Christen, einer protestantischen Gruppierung, und von NS-Ideologen wie Alfred Rosenberg vorgebrachten Angriffe gegen das Alte Testament, nicht aber gegen die aktuelle Judenverfolgung. In seiner ersten Adventspredigt stellte der Kardinal einleitend fest, die Rassenforschung sei „an sich eine religiös-neutrale Sache“,  wenn sie jedoch zum Kampf gegen die Religion sammle und die Grundlagen des Christentums erschüttere, dann dürfe der Bischof nicht schweigen. „Um jedes Mißverständnis auszuschließen“, erklärte Faulhaber, dass er sich nur mit dem Israel der biblischen Vorzeit befassen werde, denn mit der Kreuzigung des Heilands habe das Volk der Juden von Gott den Scheidebrief erhalten, und seitdem wandere der „ewige Ahasver“ ruhelos über die Erde. Das Christentum aber dürfe nicht wegen seiner ursprünglichen Beziehung zum vorchristlichen Judentum verdammt, und die Abneigung gegen die Juden von heute dürfe nicht auf die hl. Bücher des Alten Testaments übertragen werden44 . - Wenn der Münchener Erzbischof trotz dieser unzweideutigen Worte in den Ruf eines Verteidigers der Juden geriet, so zeugt dies von der Erwartungshaltung vieler Menschen, nicht aber von den Intentionen des Predigers. Die letzten Zweifel an seiner Haltung zerstreute Faulhaber im Sommer 1934, als er sogar auf Flugblättern verbreiten ließ, er habe in seinen Adventspredigten „das altbiblische Schriftentum Israels verteidigt, nicht aber zur Judenfrage von heute Stellung genommen“45 .  
  Der am weitesten verbreitete antijudaistische Topos war wohl die Anklage der Juden als Gottesmörder. Auch hierfür sei ein Beispiel angeführt. Ein halbes Jahr vor dem Beginn der Deportationen, am Karfreitag des Jahres 1941, hielt Erzbischof Gröber eine scheinbar bibelnahe Predigt, in der er Christi Leiden nachspürte. Ich zitiere einige Ausschnitte: „Als treibende Kraft stand hinter der jüdischen gesetzlichen Macht die abstoßende Heuchelei und böswillige Heimtücke der Pharisäer. Sie entpuppten sich immer mehr als Christi Erz- und Todfeinde, [...] ihre Augen waren durch ihre Voreingenommenheit verbunden und verblendet von ihrer jüdischen Weltherrschaftsgier“. Zum „Volk“, d.h. der „wankelmütigen Judenmenge“, sagt der Erzbischof: „Der pharisäische Geheimdienst hatte durch Lügen und Verleumdung das Tier in ihm geweckt, und sie lechzten nach schauerlichem Nervenkitzel und Blut“. - Zu Judas: „Dieser unsägliche Wicht [...] sitzt heuchlerisch beim Abendmahl [...], worauf der Satan in ihn fuhr [...] und ihn an die Spitze der bereitstehenden Judasknechte stellte. [...] Echt jüdisch feilschte Judas mit den Hohepriestern. [...] Er [Christus] wird verraten mit dem Zeichen der überschäumenden Liebe, mit einem schmatzenden Kuß der schmutzigen Judaslippen“. - Schließlich zur 'Ecce-Homo'-Szene: „Alles Mitgefühl der Juden ist in barbarischer Rohheit erstickt. Die Bestie hat Menschenblut gerochen und will ihren wildbrennenden Durst daran löschen. [...] Über Jerusalem gellt indessen der wahnsinnige, aber wahrsagende Selbstfluch der Juden. ‘Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!’ Der Fluch hat sich furchtbar erfüllt. Bis auf den heute laufenden Tag [...]“46 .  
  Soweit die Stimmen zweier herausragender Vertreter des deutschen Episkopats. Wie sah es nun bezüglich des Antisemitismus im Klerus und in der katholischen Presse aus? Zur Beantwortung diese Frage möchte ich auf meine Untersuchungsergebnisse über das Erzbistum Bamberg zurückgreifen:  
  Bayern hatte der Antisemitismus im Zuge der Revolution von 1918/19 gewaltigen Auftrieb bekommen. Der Umstand, dass der bei den Bürgerlichen verhasste sozialistische Ministerpräsident Eisner ein Jude war, bot eine willkommene Angriffsfläche für antijüdische Invektiven. Auch katholische Priester beteiligten sich an den antisemitischen Schimpfkanonaden, wie die Predigt des geistlichen Religionslehrers Anton Braun zeigt, die dieser an Silvester 1918 in der Nürnberger Frauenkirche hielt:  
     
  „1918: Schauerliches Grab! Mitgenommen hast du unsere kühnsten Hoffnungen, die wir seit vier Jahren gemauert und gefestigt haben, mit unseren Opfern und Entbehrungen, mit unseren Besten aus dem Volk [...].  
  Räuber du 1918, was hast du uns dafür gegeben? Einen schäbigen Juden aus dem unkultivierten Hinterland [...]. Einst wurde unser Herr und Heiland den Juden vorgestellt mit den Worten: >Seht da euren König<, und das aufgehetzte Judentum schrie: >Hinweg mit ihm, wir wollen nicht, daß er unser König sei!< Und ist es heute nicht auch ein Teil des Judentums wieder, ein ungläubiges Judenpack, das auf sozialistischen Ministersesseln sitzt. Ist es nicht ein Teil der Presse, die wieder schreit: Hinweg mit ihm [...]“47  
     
  Die Brisanz des auch in der katholischen Geistlichkeit latent vorhandenen Antisemitismus kann ein Vorfall verdeutlichen, der sich im Jahre 1928 in dem oberpfälzischen Städtchen Auerbach (3153 E, 3112 K) ereignete, einem Ort, in dem selbst gar keine Juden lebten. Der Umstand, dass zwei jüdische Viehhändler sexuelle Beziehungen mit einheimischen Frauen eingegangen waren, mobilisierte im Klerus antijüdische Vorurteile und Abwehrreaktionen. Am 31. Juli 1928 gab der Michelfelder Pfarrer Georg Schmitt im Namen der Geistlichkeit des Dekanats Auerbach eine Erklärung ab, die am 2. August groß aufgemacht in der Eschenbacher Volkszeitung erschien und folgenden Wortlaut hatte:  
     
  „In Auerbach legen seit einigen Wochen 2 Herren aus dem Bezirksamt Jerusalem ein Benehmen an den Tag, das jeder Sittlichkeit Hohn spricht und den lautesten Protest der anständigen christlichen Bevölkerung herausfordert. Wie weit gewisse Frauen und Mädchen, die sich nicht schämen, ihre Frauenehre an grobe Juden zu verkaufen, mit an diesen Orgien schuld sind, entzieht sich vorläufig noch der Kenntnis des Artikelschreibers. Jedenfalls aber wirft es kein gutes Licht auf die Frauenwelt in Auerbach, wenn einer dieser jüdischen Schürzenjäger sagen konnte: >Es gibt in Auerbach keine 3 Frauen mehr, die sie nicht bekommen könnten<. Soll das wahr sein? Nein, das ist eine erbärmliche Verleumdung. Deshalb fordern wir Geistliche des Dekanats Auerbach die Frauenwelt Auerbachs auf, gegenüber solch' unerhörten Verleumdungen eines jüdischen, groben Viehhändlers ihre Frauenehre zu wehren und gegen derartiges Judengebahren energischen Protest zu erheben und von ihrem Hausrecht in Auerbach Gebrauch zu machen. Derartige Judenlümmel gehören mit stumpfem Lehm aus der Stadt getrieben".  
     
  Gewiss, das auslösende Moment für diese Erklärung war das katholischen Moralvorstellungen zuwiderlaufende Verhalten der beiden Juden. Die Kundgebung trägt jedoch allzu deutlich antijüdische Züge, als dass man annehmen könnte, eine ähnliche Stellungnahme wäre auch erfolgt, wenn es sich bei den 'Übeltätern' um Christen gehandelt hätte. Die Juden wurden eindeutig als Fremdlinge charakterisiert, die nicht nur einer anderen Religion angehörten, sondern auch als Nichtdeutsche („Bezirksamt Jerusalem“) angesprochen wurden. Wenn später sexuelle Beziehungen zwischen jüdischen und 'arischen' Deutschen von den Nationalsozialisten als 'Rassenschande' geächtet wurden, so stieß dies bei einem Großteil der Katholiken sicher nicht auf grundsätzliche Ablehnung. Zweifellos muss man in dem Auerbacher Vorfall ein Beispiel traditioneller Judenfeindschaft erblicken, doch lässt der Aufruf der Dekanatsgeistlichkeit vermuten, daß ein Teil der nordbayerischen Katholiken einer 'gemäßigt' antisemitischen Politik, die auf die Aussonderung der Juden abzielte, durchaus aufgeschlossen gegenüberstand.  
  Ein wichtiger Grund dafür, daß man demgegenüber den radikalen Antisemitismus mehr oder weniger entschieden ablehnte, war der Umstand, daß die völkischen Aktivisten nicht nur die Juden, sondern auch die katholische Kirche bekämpften. Mehr noch: Die extreme Rechte beschimpfte die Kirche als 'verjudet'. Gegen diesen Vorwurf setzte man sich katholischerseits schon früh zur Wehr. Ein herausragendes Beispiel für solche Rechtfertigungsbemühungen ist ein Artikel, der im Dezember 1923, also einen Monat nach dem fehlgeschlagenen Hitler-Putsch im St. Heinrichsblatt erschien. Dieser Beitrag verdient deswegen besondere Beachtung, weil er ein Argumentationsmuster aufweist, das später in den Jahren der NS-Herrschaft wiederkehren wird. Judentum und Katholizismus, hieß es da, seien „noch nie die innigen Freunde gewesen“, als die sie völkische Fanatiker hinzustellen versuchten. Schließlich seien die Juden die ersten Christenverfolger gewesen. Später, nachdem sich das Blatt gewendet habe, hätten diese sich allerdings „manche Einschränkungen gefallen lassen“ müssen. Wohl habe die offizielle Kirche immer alles offensichtliche Unrecht gegen die Juden zu verhüten gesucht, doch habe sie „im gegenseitigen Interesse der Juden und der Christen“ schon auf dem Laterankonzil von 1215 die „Absonderung der Juden“ eingeleitet, indem sie diese zum Tragen eines besonderen Abzeichens auf der Kleidung verpflichtet habe. „Erst der neuen Zeit der Aufklärung, d.h. der Entchristlichung des öffentlichen Lebens, war es vorbehalten, die Juden über Gebühr hoch kommen zu lassen [...]. Mit der ihrer Rasse [!] eigenen Zielstrebigkeit und Gewandtheit errangen sie sich ihre Vormachtstellung auf wirtschaftlichem, politischem und kulturellem Gebiete. Großkapital, Handel und Industrie wurden ihre Domänen. Als Führer des Proletariats machten sie im angeblichen Kampf gegen das Kapital einen großen Teil der Arbeiterschaft zur Judenschutztruppe. Im Zeitungs- und Buchwesen, in Theater, Kino usw. war ihr Geist tonangebend [...]“. Die katholische Kirche aber arbeite heute genauso wie früher „gegen den alles überwuchernden Judengeist“. Freilich warne sie vor gewaltsamen Ausschreitungen und unchristlichen Ungerechtigkeiten gegen die Juden, ohne diese damit zu verteidigen. Das sei auch der völkischen Bewegung bekannt, welcher es jedoch „hauptsächlich darum zu tun [sei], mittels der Judenhetze eine kulturkämpferische Katholikenhetze vorzubereiten und zu verbreiten“48  
  Da im Dezember 1923 keine Rücksichten auf das eventuelle Einschreiten einer totalitären Staatsgewalt zu nehmen waren, muss man davon ausgehen, daß dieser Artikel des katholischen Sonntagsblatts auch seiner tatsächlichen Einstellung entsprach. Der Notwendigkeit, 'zwischen den Zeilen zu lesen', ist man hier jedenfalls enthoben. Festzuhalten bleibt, daß das Bamberger Bistumsblatt den Radauantisemitismus zwar eindeutig ablehnte, sich ansonsten aber eher als Ankläger denn als Verteidiger des Judentums profilierte. Es gibt zu denken, daß das Blatt in einer Situation, in der Hitler mit seinem Putschversuch kläglich gescheitert war und von einer taktisch bedingten Anpassung an einen übermächtigen nationalsozialistischen Gegner wirklich nicht die Rede sein konnte, die soziale Diskriminierung der Juden im Mittelalter positiv und deren Emanzipation im Zeitalter der Aufklärung negativ bewertete, ja daß man sogar den angeblich schädlichen Einfluss der Juden auf ihre vermeintlichen Rassemerkmale zurückführte.  
  Es kann daher nicht überraschen, daß man später, in der Zeit des Dritten Reiches, rassistische Argumentationsmuster zum Zwecke der Verteidigung gegen antikirchliche Angriffe instrumentalisierte. Dafür steht ein am 26.7.1936 im St. Heinrichsblatt erschienener mehrseitiger Artikel über den antiklerikalen „Pfaffenspiegel“ Otto von Corvins. Der Beitrag stammte aus der Feder des führenden katholischen Apologeten in Deutschland, Dr. Konrad Algermissen, und befasste sich mit der zweifelhaften Herkunft Corvins. Algermissen setzt sich in seinem Beitrag nicht mit dem Inhalt des im Dritten Reich verstärkt vertriebenen „Pfaffenspiegel“ auseinander, sondern wartet mit der Behauptung auf, der minderwertige Charakter dieses „Schmutzwerkes“ resultiere aus dem Umstand, daß sein Verfasser ein „dekadenter Mischling“ gewesen sei. Die ursprüngliche Heimat Corvins läge in Ungarn. Die Magyaren jedoch seien bekanntlich „der Rasse nach Mongolen und nicht Arier“. Dazu sei später polnische (slawische) und deutsche „Blutmischung“ gekommen. Die Mutter Corvins sei möglicherweise Jüdin gewesen, jedenfalls sei der Nachweis ihrer arischen Abstammung bis heute nicht erbracht. Der Vater habe als „unsittlicher und verkommener Offizier" sein Leben gefristet. Es liege auf der Hand, "daß von einem so degenerierten Stamm keine gesunde Frucht zu erwarten war". Auch die geistige Umgebung, in der sich Corvin aufgehalten habe, sei bezeichnend. Der 1844 von Corvin mit einer Anzahl aufklärerischer Schriftsteller gegründete deutsche Schriftstellerverein sei eine „verjudete Organisation antikirchlicher Literaten" gewesen. Außerdem habe sich der Demokrat Corvin an der Revolution des Jahres 1848 beteiligt. Algermissens Fazit: „Es bedarf wohl keiner Ausführungen, daß dieser dekadente Revolutionär weder als sittlicher Charakter noch als nationaler Heros Vorbild in einer Zeit des Neubaues des Reiches sein kann“.  
  Ähnliche Argumentationsmuster finden sich auch in diversen Predigten aus den dreißiger Jahren wieder. So setzte sich der Düsseldorfer Jesuitenpater Hans Bicheroux bei einer Predigt in Bamberg mit der nationalsozialistischen Weltanschauung auseinander, indem er über den Unglauben Friedrich Nietzsches sprach. Dabei führte er aus, es sei unglaublich, daß man heute der Jugend einen Philosophen als Vorbild hinstelle, der einmal einer Jüdin einen Heiratsantrag gemacht habe49 . Als Julius Streicher im Januar 1937 den Freiburger Erzbischof Gröber wegen eines angeblichen Liebesverhältnisses mit einer jüdischen Frau heftig angriff, erklärten die katholischen Pfarrämter von Nürnberg-Fürth, die Anschuldigungen beruhten auf dem „Verleumdungsbrief einer rachsüchtigen Jüdin“50 . Und der Ansbacher Kaplan Johann Senftinger äußerte in einer Predigt, die größte Schmach, die man Papst Pius XI. angetan habe, sei die, daß man wahrheitswidrig behauptet habe, er sei „Halbjude“51 .  
  Abschließend sei abermals auf einen Artikel des Bamberger Bistumsblattes hingewiesen. Sein im September 1937 publizierter Beitrag „Verdient die kath. Kirche den Namen >Judenkirche<“ ist allein schon deshalb bemerkenswert, weil er fast die gleiche Ausrichtung hatte wie der Artikel des Jahres 1923, wobei diesmal allerdings die Warnung vor gewaltsamen Ausschreitungen gegen die Juden fehlte. Wieder wurde mit Beispielen aus der Geschichte die traditionelle Feindschaft zwischen Christen und Juden unterstrichen und nunmehr ergänzend vermerkt: „Daß die katholische Kirche in Deutschland unsere einheimische Rasse Jahrhunderte lang schützte, beweisen unsere katholischen Tauf- und Ehebücher, die heute noch als alleinige Zeugen für die arische Abstammung herangezogen werden“. Um zu dokumentieren, daß die Kirche „im schroffsten und schärfsten Gegensatz zur Synagoge von Christus gestiftet wurde“, griff der anonyme Verfasser schließlich in halsbrecherischer Manier auf das Neue Testament zurück: „Ausgerechnet sein Volk, die Juden, waren es, die ihn tödlich haßten und seine Kreuzigung verlangten. Der Arier Pontius Pilatus hätte ihn gerne frei gelassen, aber sein eigenes Volk schrie: >Ans Kreuz mit ihm! - Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!< (Matth. 27,25)“52.  
  Welche Wirkung solche Selbstverteidigungsversuche auf dem Rücken der Juden hatten, lässt sich angesichts fehlender Quellen nicht sicher sagen. Man sollte sie aber nicht zu gering veranschlagen. Die als fraglos akzeptierte Auffassung, daß die Erwählung Israels der Vergangenheit angehöre und dieses Volk seit der Kreuzigung Jesu von Gott verworfen sei, das Bemühen, sich selbst von den Juden positiv abzusetzen, sowie die unreflektierte Verwendung des Wortes 'Jude' in einem pejorativen Sinne mussten tendenziell eine Entsolidarisierung zur Folge haben. Weil sie nicht aggressiv auf eine Verfolgung der Juden abzielten, sondern anscheinend im Dienste einer guten Sache - der Rechtfertigung der Kirche - standen, dürfte solchen Äußerungen sogar eine größere Resonanz beschieden gewesen sein als radikal-antisemitischen Darbietungen.  
     
  2.2. FURCHT VOR REPRESSALIEN  
  Der fortwirkende Antijudaismus ist ein wichtiger, aber nicht der einzige Grund für das Schweigen der Katholiken zur Judenverfolgung. Man muss sicherlich in Rechnung stellen, daß Bischöfe, Klerus und Kirchenvolk nicht unter den Bedingungen eines demokratischen Rechtsstaats agierten, sondern mit einem terroristischen Willkürsystem konfrontiert waren, das auch die Kirche in die Knie zwingen wollte. Schon im Frühjahr 1933 begann der Druck auf das kirchliche Vereinswesen und insbesondere auf den politischen Katholizismus. Das im Juli 1933 abgeschlossene Reichskonkordat gewährte der Kirche nur eine kurze Atempause. In den folgenden Jahren wurde sie schrittweise aus der Öffentlichkeit zurückgedrängt. Die Vereine mussten sich zunächst auf eine rein religiöse Betätigung beschränken und wurden schließlich ganz verboten. Im Bereich der schulischen Erziehung verlor die Kirche ihren Einfluss fast vollständig. Wegen unliebsamer Predigten wurden etliche Priester vor Gericht gestellt, einige kamen sogar ins KZ. Auf dem Höhepunkt des Kirchenkampfes im Jahre 1937 klagte Papst Pius XI. in seiner Enzyklika „Mit brennender Sorge“ die deutsche Regierung des Vertragsbruchs an und entlarvte zentrale Punkte der nationalsozialistischen Weltanschauung als mit der kirchlichen Lehre unvereinbar. Im Gegenzug entfaltete Goebbels eine beispiellose Diffamierungskampagne gegen katholische Priester und Ordensleute. In München bliesen die Nationalsozialisten im November 1938 nicht nur zum Angriff gegen das Judentum, sondern auch gegen dessen „schwarze und rote Bundesgenossen“. Vor dem Palais von Erzbischof Faulhaber veranstalteten sie einen regelrechten Tumult. Etwaige Befürchtungen, ein öffentlicher Protest gegen die Judenverfolgung könne den Kirchenkampf verschärfen, waren also nicht aus der Luft gegriffen und haben die Überlegungen der Bischöfe sicher mitbestimmt.  
  Konrad Repgen glaubt denn auch in der Angst der Katholiken den Schlüssel zum Verständnis des kirchlichen Schweigens zur Judenverfolgung gefunden zu haben. Er weist erläuternd auf den gegen die Kirche gerichteten nationalsozialistischen Terror hin und bemerkt, daß derjenige, der „meint, kurz vor dem Ertrinken zu sein, [...] wenig Ohr für die Schreie der anderen Ertrinkenden“ hat53 . Diese Beobachtung ist nicht falsch, doch fordert sie den ergänzenden Hinweis, daß die Neigung der Katholiken, die Verfolgung der Juden als solche überhaupt nicht richtig wahrzunehmen, durch die nationalsozialistische Bedrückung der Kirche nur gefördert, nicht aber verursacht wurde. Wie wir sahen, funktionierte dieser Mechanismus auch schon 1923, es bedurfte dazu keines realen Terrors. Zudem gab die Realität des Jahres 1938 der Kirche trotz aller Bedrängnis keinen Anlass zu der Befürchtung, die Gefahr des 'Ertrinkens' drohe ihr in der gleichen Weise wie den Juden. Daher sollte man den Faktor des realen Terrors gegen die Kirche zwar nicht außer Acht lassen, aber auch nicht zu hoch veranschlagen. Denn zum einen zeigte man sich katholischerseits in anderen Fragen durchaus kampfbereit. Berühmtheit erlangten z.B. die Predigten Bischof Galens gegen die sog. Euthanasie. Aber auch die Hirtenbriefe und Predigten gegen die neuheidnische Weltanschauung des NS-Ideologen Alfred Rosenberg waren z.T. von ausgesuchter Schärfe. Ebenso war die katholische Bevölkerung in manchen Fragen bereit zum Kampf. Mit wilder Entschlossenheit verhinderte sie z.B. 1936 im Oldenburger Münsterland und 1941 in Bayern die Entfernung der Kruzifixe aus den Schulen. Hier war man bereit, alles einzusetzen. Angst spielte dabei erkennbar keine Rolle. Zum anderen funktionierte der Mechanismus, die Judenverfolgung gar nicht richtig wahrzunehmen und statt dessen sorgenvoll auf das Schicksal der Kirche zu schauen, nicht erst beim Novemberpogrom 1938, sondern bereits beim Judenboykott im April 1933, als von einem Kirchenkampf noch keine Rede sein konnte. Ja, das Bamberger Bistumsblatt behauptete schon 1923 nach dem kläglich gescheiterten Hitler-Putsch, daß es der völkischen Bewegung „hauptsächlich darum zu tun [sei], mittels der Judenhetze eine kulturkämpferische Katholikenhetze vorzubereiten und zu verbreiten“54 . Es handelte sich also offensichtlich um eine Art kollektiven Verfolgungswahn, der seine Ursprünge im Kulturkampf der Bismarckzeit hatte und durch die realen Bedrängnisse im Dritten Reich nur verstärkt wurde. Auf die Erfahrungen des Kulturkampfes verwies auch die Bemerkung Kardinal Bertrams, er wolle nie wieder erleben, daß „Gläubige ohne Geistlichen sterben“ müssten55 . Diese Befürchtung des Episkopatsvorsitzenden führt uns notwendig zu unserem dritten Punkt, der Frage nach dem kirchlichen Selbstverständnis.  
     
  2.3. DAS SELBSTVERSTÄNDNIS DER KIRCHE  
  Dass die Förderung der Menschenrechte im Handeln der Kirche eine „zentrale Stellung“ einnehmen müsse, wie die römische Bischofssynode 1974 forderte56 , erscheint uns heute als Selbstverständlichkeit. Für die vorkonziliare Kirche jedoch war es alles andere als das. Wichtige Menschenrechte wie die Religions- und Gewissensfreiheit wurden s ogar prinzipiell abgelehnt und von der Kirche nur dann ins Felde geführt, wenn sie sich selbst davon taktische Vorteile versprach. Man kommt deshalb nicht umhin, nach den seinerzeit dominierenden Vorstellungen von Wesen, Zweck und Aufgabe der Kirche zu fragen: Welche handlungsleitende ekklesiologische Konzeption hatte die Mehrheit der katholischen Amtsträger?  
  Den entscheidenden Hinweis geben uns die Bischofsverlautbarungen selbst. Es fällt sofort auf, wie nachdrücklich man dort auf der Unterscheidung zwischen grundsätzlicher Loyalität zum NS-Staat auf der einen und der Verteidigung kirchlicher Rechte auf der anderen Seite beharrt. Dies geschah, so lautet meine These, nicht primär aus taktischen Erwägungen, sondern aufgrund der Überzeugung, daß politisches Handeln, das den engen Bereich der Kirchen- und Kulturpolitik überschreitet, nicht zum eigentlichen Aufgabengebiet der Kirche gehöre. Als deren „einziges Ziel“ sah man an führender Stelle, „Freiheit für das seelsorgliche Wirken im jetzigen Staat zu erlangen“ - so Kardinal Bertram vor der Fuldaer Bischofskonferenz 194057 .  
  Diese Position erläuterte der Konferenzvorsitzende in einem Brief an Bischof Wienken vom 19.9.1940 folgendermaßen: „Die Kirche hat sich nach ihrem Wesen und der ihr von ihrem göttlichen Stifter gesetzten Aufgabe nicht vom weltlichen Standpunkt unter politischem Gesichtspunkt, vielmehr vom übernatürlichen Standpunkt unter dem Gesichtspunkt des christlichen Glaubens und der christlichen Sitte zu betätigen. Auf diese Beschränkung dringt ja auch die Staatsführung im Dritten Reich [...]. Die Kirche wird ihre Aufgabe tatsächlich auch zum Wohle von Volk und Staat, gerade auch in der Kriegszeit, um so wirksamer erfüllen können, je sorgfältiger sie sich auf ihr eigenes Gebiet beschränkt58 .  
  Wenn es trotzdem nicht zu einem harmonischen Miteinander von Kirche und Staat kam, so lag dies nicht etwa an kirchlichen Übergriffen auf „fremdes Gebiet“, sondern daran, daß die NS-Regierung unter der „Beschränkung auf das eigene Gebiet“ eine Konzentration aller kirchlichen Aktivitäten auf den kultischen Bereich verstand und deshalb konsequent alles kirchliche Leben außerhalb des Gottesdienstraumes bekämpfte. Der sogenannte Kirchenkampf ging also nicht von der Kirche aus, sondern wurde von den Nationalsozialisten durch zahlreiche Übergriffe auf „kirchliches Gebiet“ heraufbeschworen. Erst als Reaktion auf die Provokationen durch Partei und Staat nahm die Kirche die von ihr als Weltanschauungskampf geführte Auseinandersetzung auf. Der Freiburger Erzbischof Gröber benannte im Jahre 1944 diesen Sachverhalt präzise, wenn er an Papst Pius XII. schrieb: „Der Kampf gegen das Christentum und die Kirche war [...] der Anlaß unserer Kritik und ablehnenden Haltung59 .  
  Was war der theologische Hintergrund dieses bischöflich-ekklesiologischen Supranaturalismus, bei dem die Heilsvermittlung durch die Institution Kirche der Vorrang vor allem anderen zukam? Auch hier helfen uns die Bischofsverlautbarungen weiter. Schon im programmatischen Hirtenwort vom 3. Juni 1933 wird explizit gesagt, die Kirche sei eine „vollkommene Gesellschaft“, die für die Verwirklichung ihrer Ziele nicht vom Staatswillen abhängig sein dürfe60 . „Vollkommene Gesellschaft “ ist die Übersetzung des lateinischen Begriffs ‘societas perfecta’. Die Sicht der Kirche als ‘societas perfecta’ aber spielte in der Kirchenrechtswissenschaft eine zentrale Rolle. Das Kirchenrecht wiederum - und nicht die Dogmatik - war im Zeitalter der neuscholastischen Theologie jene Disziplin, in der bevorzugt über Wesen, Ziel und Aufgabe der Kirche reflektiert wurde. Wer also Aufschluss über das Selbstverständnis der Kirche in der NS-Zeit erhalten will, muss sich mit der Societas-perfecta-Lehre befassen. Dies kann und soll hier nicht im Einzelnen getan werden. Das Wesentliche lässt sich wie folgt zusammenfassen:  
  Mit der Bezeichnung der Kirche als 'societas perfecta' ist gemeint, „daß sie ihrem Wesen nach vollständig und unabhängig ist und über sämtliche Mittel verfügt, die notwendig sind, um das ihr gesetzte Ziel zu erreichen61 . Das hört sich zunächst einmal furchtbar formal an und ist es auch, doch wird gleich deutlich werden, was dies in bezug auf die Kirche bedeutet. Ihre maßgebende und bis in die 50er Jahre dieses Jahrhunderts gültige Gestalt erhielt die kirchliche Societas-perfecta-Lehre durch Papst Leo XIII. am Ende des 19.Jahrhunderts. Nach der Auffassung Leos bestand in der Rechtsorganisation von Staat und Kirche eine weitgehende Analogie, insofern sie beide Anspruch darauf hätten, unabhängig ihrer jeweiligen Bestimmung nachgehen zu können und Einmischungen in ihr Gebiet nicht zu dulden bräuchten. Eben diese Gebiete aber, sagt der Papst, seien grundsätzlich verschieden. Während es die Aufgabe des Staates sei, für das irdische Wohl zu sorgen, habe die Kirche die himmlischen und ewigen Güter zu beschaffen. Bürgerliche und politische Dinge seien deshalb allein der Staatsautorität unterstellt, all das hingegen, was auf das Seelenheil Bezug habe, falle in die Zuständigkeit der Kirche. Jene Angelegenheiten schließlich, die zu beiden Rechtsbereichen gehörten, die sog. res mixtae wie Ehe und Erziehung, seien am besten durch Konkordate zu regeln.  
  Die Societas-perfecta-Lehre62 beinhaltet also die Aufteilung der Wirklichkeit in zwei verschiedene Sphären, eine natürliche und eine übernatürliche, für die Staat und Kirche jeweils die alleinige Zuständigkeit haben. Politische Dinge liegen somit außerhalb der kirchlichen Verantwortung, weil sie angeblich für das Heil keine Relevanz haben. Die Vermittlung dieses als strikt jenseitig verstandenen Heils erscheint als eigentliche und absolute Priorität beanspruchende Aufgabe der Kirche. Die kirchlichen Amtsträger hatten sich deshalb primär um die Verkündigung der als zeitlos und unwandelbar aufgefassten katholischen Glaubenswahrheiten sowie um die Spendung der Sakramente zu kümmern. Alles andere wurde als zweitrangig angesehen und hatte zurückzustehen, wenn die zentralen Aufgaben gefährdet schienen63 . In diesem Sinne konnte der Kölner Erzbischof Frings im August 1945 erklären: „Eigentliche und ursprüngliche Aufgabe der Kirche, die ihr Christus selbst übertragen hat, ist die mutvolle Verkündigung der christlichen Glaubens- und Sittenlehre. Hätte die Kirche die Predigt derjenigen Wahrheiten, die dem Nationalsozialismus unbequem waren, hintangestellt, so müßte man sagen: sie hat versagt. In Wirklichkeit hat sie das Gegenteil getan“. Gleichzeitig wehrte Frings weitergehende Erwartungen an die Kirche ab: „Die Kirche ist nicht Kontrollinstanz für den Staat in dem Sinne, daß sie verpflichtet wäre, gegen jedes Unrecht, das die Staatslenker begehen, durch ihre Priester oder Bischöfe öffentliche Verwahrung einzulegen. Wer hätte ihr diesen Auftrag gegeben und wohin sollte das führen?64 .  
  Wohin es geführt hätte, wenn die Kirche von Anfang an gegen das Unrecht des NS-Staates aufgetreten wäre, ist in der Tat eine offene Frage. Nicht offen ist indes die Frage, wohin das Selbstverständnis der Kirche als übernatürlicher Obrigkeitsstaat führte. Angesichts der Herausforderung durch die nationalsozialistische Judenverfolgung offenbarte die vorkonziliare Ekklesiologie ihre ganze Unzulänglichkeit. Denn Solidarität mit den Juden und anderen Verfolgten des NS-Regimes war auch deshalb so selten, weil dies theologisch nicht als Wesensmerkmal der Kirche Christi begriffen wurde, sondern allenfalls als akzidentielle Aufgabe galt, der man sich, wie Erzbischof Frings es formulierte, „aus Liebespflicht“ zu unterziehen hatte, wenn dadurch nicht die eigentliche Sendung der Kirche gefährdet war. Das weitgehende Schweigen zu den nationalsozialistischen Verbrechen war somit auch das Resultat des politischen Wirkens einer sich unpolitisch definierenden Kirche.  
     
  3. SCHLUSS  
     
  Der Limburger Bischof Antonius Hilfrich erklärte in einem Hirtenbrief vom 6. Februar 1939, „daß die christliche Religion nicht aus der Natur dieses Volkes (der Juden) herausgewachsen ist, also nicht von Rasse-Eigenschaften dieses Volkes beeinflußt ist, sondern sich gegen dieses Volk hat durchsetzen müssen. Jesus Christus ist nicht eine Frucht dieses Volkes, sondern in seiner Menschwerdung ein Geschenk des Himmels. [...] Die Geschichte der Offenbarung mit dem nur werkzeuglichen Mitwirken des israelitischen Volkes, die Todfeindschaft der führenden Kreise gegen den Heiland und die Verstocktheit des nachchristlichen Judentums zeigen, daß die christliche Religion kein Geist des Judentums ist65 .  
  Ein Christentum ohne jüdischen Geist, ein Christentum, das den Juden Jesus von Nazareth feinsäuberlich aus seinem Volk herausseziert und ihn schnurstracks vom Himmel kommen lässt, ein Christentum, das Gnade vor den Augen des rassistischen Diktators zu finden versucht, indem es sich von seinem angeblich missratenen Bruder Abel distanziert - ein solches Christentum hat sich selbst von seiner Wurzel abgeschnitten und ist zu einer Mysterienreligion mutiert, die sich zu Unrecht auf den Wanderprediger aus Galiläa beruft. Von Elie Wiesel stammt der Satz: „Der nachdenkliche Christ weiß, daß in Auschwitz nicht das jüdische Volk gestorben ist, sondern das Christentum“66 .  Ob es für das Christentum ein Leben nach diesem Tod gibt, hängt, wie der Theologe Johann Baptist Metz nicht müde wird zu betonen, davon ab, ob es bereit ist, „die Katastrophe von Auschwitz wirklich als solche zu erfassen“ und seine Identität im Angesicht der jüdischen Leidensgeschichte neu zu entdecken. Was das Christentum braucht, ist jener jüdische Geist, von dem es sich fatalerweise befreien wollte, von dem es sich jedoch nicht lösen kann - außer um den Preis der Selbstaufgabe. Dieser jüdische Geist ist ein Geist der Erinnerung. Er bewahrt die Schreie der Leidenden und ihre unabgegoltenen Hoffnungen im Gedächtnis der Lebenden. Er widersteht dem Vergessen und dem Verdrängen.  
  Die katholische Kirche in Deutschland brauchte indes dreißig Jahre, bis sie erstmals der Vergangenheit ungeschminkt ins Auge sah. Auf der Würzburger Synode legte sie 1975 ein Schuldbekenntnis ab, in dem es hieß:  
     
  „Wir sind das Land, dessen jüngste politische Geschichte von dem Versuch verfinstert ist, das jüdische Volk systematisch auszurotten. Und wir waren in dieser Zeit des Nationalsozialismus, aufs Ganze gesehen, doch eine kirchliche Gemeinschaft, die zu sehr mit dem Rücken zum Schicksal dieses verfolgten jüdischen Volkes weiterlebte, deren Blick sich zu stark von der Bedrohung ihrer eigenen Institutionen fixieren ließ und die zu den an Juden und Judentum verübten Verbrechen geschwiegen hat. [...] Die praktische Redlichkeit unseres Erneuerungswillens hängt auch an dem Eingeständnis dieser Schuld und an der Bereitschaft, aus dieser Schuldgeschichte unseres Landes und auch unserer Kirche schmerzlich zu lernen:67 .  
     
  Es brauchte weitere 20 Jahre und viele unglaubwürdige Versuche einer apologetischen Beschwichtigung, bis dieses aufrichtige Bekenntnis erstmals in einem Papier der Deutschen Bischofskonferenz zitiert wurde. Es handelt sich um die Erklärung zum 50. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz vom 27. Januar 1995, die - wie Ernst Ludwig Ehrlich kommentiert hat - nichts verschweige, sondern Klartext rede und deshalb dazu dienen könne, „daß wenigstens manche Katholiken angesichts der Schoa nachdenklicher werden als bisher“68 . Dieses Bischofswort, das mir die Hoffnung gibt, dass die Zeit der falschen Rechtfertigungsversuche und Verschleierungen tatsächlich zu Ende geht, schließt mit folgenden Sätzen:  
     
  „Antisemitismus ist ‘eine Sünde gegen Gott und die Menschheit’, wie Papst Johannes Paul II. mehrfach gesagt hat. In der Kirche darf es keinen Platz und keine Zustimmung für Judenfeindschaft geben. Christen dürfen keinen Widerwillen, keine Abneigung und erst recht keinen Haß gegen Juden und Judentum hegen. Wo sich eine solche Haltung kundtut, besteht die Pflicht zu öffentlichem und ausdrücklichem Widerstand..  
  Die Kirche achtet die Eigenständigkeit des Judentums. Zugleich muß sie selbst neu lernen, daß sie aus Israel stammt und mit seinem Erbe in Glaube, Ethos und Liturgie verbunden bleibt. Wo es möglich ist, sollen christliche und jüdische Gemeinden Kontakt miteinander pflegen. Wir müssen alles tun, damit Juden und Christen in unserem Land als gute Nachbarn miteinander leben können. So werden sie ihren unverwechselbaren Beitrag für ein Europa leisten, dessen Vergangenheit durch die Schoa verdunkelt ist und das in der Zukunft ein Kontinent der Solidarität werden soll.“  
     
     
   
   
   
  * Dr. Thomas Breuer ist Oberstudienrat für Kath. Theologie/Religionspädagogik an der PH Ludwigsburg und einer der Herausgeber von THEOPHIL-online.  
   
 
 
 

Abgekürzt zitierte Literatur:

Faulhaber-Akten: Ludwig Volk (Bearb.), Akten Kardinal Michael von Faulhabers 1917-1945, 2 Bde, Mainz 1975 und 1978.

Bischofsakten: Akten deutscher Bischöfe über die Lage der Kirche 1933-1945, 6 Bde, bearb. von Bernhard Stasiewski (Bd.I-III) und Ludwig Volk (Bd.IV-VI), Mainz 1968-1985.

RPB II: Witetschek, Helmut (Bearb.), Die kirchliche Lage in Bayern nach den Regierungspräsidentenberichten 1933-1945, Bd. II: Regierungsbezirk Ober- und Mittelfranken, Mainz 1967.

 
 
 
     
 

1 Haecker, Theodor, Tag- und Nachtbücher, 1939-1945, Olten 1948, S. 24.

2 Faulhaber-Akten II, Nr. 953 und 957.

3 Bischofsakten VI, Nr. 1044.

4 Bischofsakten VI, Nr. 1015.

5 Vgl. einstweilen Volk, Ludwig, Katholische Kirche und Nationalsozialismus. Ausgewählte Aufsätze, hrsg. von Dieter Albrecht, Mainz 1987, S.98-113; Kulka, Otto Dov/Mendes-Flohr, Paul R. (Hg.), Judaism and Christianity under the Impact of National Socialism, Jerusalem 1987; Steininger, Rolf, Katholische Kirche und NS-Judenpolitik, in: ZKTh 114 (1992) 166-179; Kershaw, Ian, Antisemitismus und Volksmeinung. Reaktionen auf die Judenverfolgung, in: Bayern in der NS-Zeit, , Bd.2, hrsg. von Martin Broszat, Elke Fröhlich und Falk Wiesemann, München-Wien 1979, S.280-348; Damberg, Wilhelm, Katholizismus und Antisemitismus in Westfalen. Ein Desiderat, in: Herzig, Arno/Teppe, Karl/Determann, Andreas (Hg.), Verdrängung und Vernichtung der Juden in Westfalen, Münster 1994, S. 44-61.

7 Goldhagen, Daniel Jonah, Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust, Berlin 1996, S.508. – Dieses Urteil trifft auch zu auf Goldhagens neues Buch: Die katholische Kirche und der Holocaust. Eine Untersuchung über Schuld und Sühne, Berlin 2002.

8 Lill, Rudolf, Der deutsche Katholizismus in der neueren historischen Forschung, in: Hehl, Ulrich von/Repgen, Konrad (Hg.), Der deutsche Katholizismus in der zeitgenössischen Forschung, Mainz 1988, S.61-64, hier S.64.

9 Bischofsakten I, S. 42, Anm.3.

10 Faulhaber-Akten I, Nr. 304.

11 Vgl. ebd. Nr. 298.

12 Ebd., Nr. 300.

13 Ebd., Nr. 309.

14 Bischofsakten I, Nr. 45.

15 Vgl. auch den Hirtenbrief der bayerischen Bischöfe vom 5. Mai 1933, in dem sie der Regierung zubilligten, nicht tatenlos zusehen zu können, „wenn einige wenige wirtschaftlich starke Kräfte immer weiter Wirtschaft und Handel fast für sich allein in Beschlag nehmen und die Schwächeren vollständig erdrücken“ - womit nach Lage der Dinge nur die Juden gemeint sein konnten: Bischofsakten I, S. 130.

16 An dieser Stelle sei kurz angemerkt, dass es sich bei der Vorstellung einer jüdischen Rasse natürlich um eine reine Fiktion handelte. Das einzige Kriterium zur Feststellung der angeblichen Rassezugehörigkeit war selbst nach den Nürnberger Gesetzen die Zugehörigkeit zur jüdischen Religionsgemeinschaft. Ausschlaggebend war abstruserweise aber nicht die eigene Religion, sondern diejenigen der Großeltern. So kam es auf dem Gesetzeswege zur Produktion von sogenannten 'Mischlingen', den 'Halb- oder Vierteljuden'. Die zum katholischen Glauben konvertierten Juden oder diejenigen, deren Eltern schon katholisch waren, wurden ins sprachliche Monstrositätenkabinett als 'katholische Nichtarier' aufgenommen.

17 Archiv des Erzbistums Bamberg, Rep. 4/2, 4218/17, Buchwieser an Reichsinnenministerium, 12.11.1936.

18 Vgl. Klein, Gotthard, Bernhard Lichtenberg und die Berliner Blutzeugen 1933-1945, in: Wie im Himmel so auf Erden. 90. Deutscher Katholikentag vom 23. Bis 27. Mai 1990 in Berlin, Dokumentation II. Paderborn 1991, S. 1691-1721.

19 Vgl. Ophir, Baruch Z. / Wiesemann, Falk , Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918-1945. Geschichte und Zerstörung, München/Wien 1979, S. 129.

20 Vgl. ebenda S.152f.

21 I. Kershaw, a.a.O. , S.310.

22 Dies bestätigt auch I. Kershaw, a.a.O. ,  S.329.

23 Als „Buße“ für die Ermordung des Gesandtschaftsrats vom Rath, die als Vorwand für das Pogrom herhalten musste, wurde den Juden eine Geldstrafe von 1 Milliarde Mark auferlegt.

24 Zit. nach Broszat, Martin, Ein Landkreis in der Fränkischen Schweiz. Der Bezirk Ebermannstadt 1929-1945, in: Bayern in der NS-Zeit, Bd. I, hrsg. von Martin Broszat und Elke Fröhlich, München/Wien 1977, S. 20-192, hier S. 123.

25 Interview mit Geistl. Rat M. Spachtholz (Bamberg), 1.12.1987.

26 Die Informationen über die Morde der Einsatzgruppen stammten v.a. von Frau Margarete Sommer vom „Hilfswerk beim Bischöflichen Ordinariat Berlin“ die bereits im Februar 1942 Kardinal Bertram einen Bericht vorlegte, in dem es u.a. hieß: „Nicht nur die Juden der sehr großen Kownoer jüdischen Gemeinde sind zu Zehntausenden erschossen worden, sondern auch die aus Deutschland dorthin transportierten“. Vgl. Bischofsakten V, Nr.742. Der Osnabrücker Bischof Berning vermutete schon am 5.2.1942, es bestehe „wohl der Plan, die Juden ganz auszurotten“: vgl. ebenda S. 675, Anm.1.

27 Bertram an Thierack, Frick und Muhs, 11. November 1942, in: Bischofsakten V, S. 944f.

28 Bischofsakten VI, Nr. 823.

29 Ebd., Nr. 872/II.

30 Vgl. Staatsarchiv Bamberg, K 8 (III) 18475, MB des Gendarmerie-Kreisführers von Ebermannstadt, 29.9.1943: „Die im Laufe des Monats September in allen Gotteshäusern erfolgte Verlesung eines Hirtenbriefes führte zu keinerlei Stimmungsmache“. Vgl. auch RPB II, S.439: „Der Hirtenbrief wurde teilnahmslos aufgenommen“.

31 Vgl. Volk, Ludwig, Katholische Kirche und Nationalsozialismus. Ausgewählte Aufsätze, hrsg. von Dieter Albrecht, Mainz 1987, S. 109.

32 Bischofsakten VI, Nr. 898.

33 Ebd., Nr. 908.

34 Vgl. Leugers, Antonia, Widerstand oder pastorale Fürsorge katholischer Frauen im Dritten Reich? Das Beispiel Dr. Margarete Sommer (1893-1965), in: Frauen unter dem Patriarchat der Kirchen. Katholikinnen und Protestantinnen im 19. und 20. Jahrhundert. Mit Beiträgen von Irmtraud Götz v. Olenhusen u.a., Stuttgart-Berlin-Köln 1995, S.161-188.

35 Vgl. Hehl, Ulrich von/Kösters, Christoph (Hg.), Priester unter Hitlers Terror, 3., wesentlich veränderte und erweiterte Aufl., Bd. 1, Paderborn 1996, S.129; vgl. auch Breuer, Thomas, Verordneter Wandel? Der Widerstreit zwischen nationalsozialistischem Herrschaftsanspruch und traditionaler Lebenswelt im Erzbistum Bamberg, Mainz 1992, 309-325.

36 Vgl. Bischofsakten I, Nr. 32/I.

37 Repgen, Konrad, 1938 - Judenpogrom und katholischer Kirchenkampf, in: G. Brakelmann/ M. Rosowski (Hg.), Antisemitismus. Von religiöser Judenfeindschaft zur Rassenideologie, Göttingen 1989, S.124.

38 Der große Herder, Freiburg 1931, Bd. 1, Sp. 725f, zitiert nach Damberg, a.a.O.,  S.47f.

39 Schühlein, F., Art. ‘Geschichte der Juden’, in: LThK V (1933) Sp. 687.

40 LThK I (1930) Sp. 504f.

41 Vgl. auch Blaschke, Olaf, Katholizismus und Antisemitismus im Deutschen Kaiserreich, Göttingen 1997.

42 Faulhaber-Akten II, Nr. 569.

43 Congar, Yves, Die katholische Kirche und die Rassenfrage, Recklinghausen 1961, S. 68.

44 Vgl. Michael von Faulhaber, Das Alte Testament und seine Erfüllung im Christentum. Erste Adventspredigt von Kardinal Faulhaber in St. Michael zu München am 3. Dezember 1933, München 1933.

45 Erzbischöfliches Sekretariat an Jüdische Weltkonferenz, Genf, 31. August 1934, zitiert nach: Volk, Ludwig, Kardinal Faulhabers Stellung zur Weimarer Republik und zum NS-Staat, in: StdZ 177 (1966) S.177-195, hier S.184.

46 Zitiert nach: Ott, Hugo, Zur publizistischen Auseinandersetzung mit dem Thema „Katholische Kirche und Drittes Reich“. Eine Feldstudie anhand zweier südbadischer Tageszeitungen, in: Freiburger Diözesanarchiv 103 (1983) S.291-310, hier  S.306.

47 Staatsarchiv Nürnberg, LG-N, SG 360/42.

48 Vgl. St. Heinrichsblatt 34 (2.12.1923) S. 287 und St. Heinrichsblatt  34 (9.12.1923) S. 297.

49 Vgl. RPB II, S.157 (MB vom 5.3.1937).

50 Vgl.  Archiv des Erzbistums Bamberg, Rep. 4/2, 4211/4.

51 Vgl. RPB II, S. 311 (MB vom 7.3.1939).

52 HB 52 (12.9.1937) S. 624f. - Der gleiche Artikel erschien auch im Klerusblatt XVIII (1937) S. 542.

53 Repgen, Konrad, 1988, S.406.

54 St. Heinrichsblatt,  9.12.1923, S.297.

55 Vgl. Adolph, Walter, Geheime Aufzeichnungen aus dem nationalsozialistischen Kirchenkampf 1935-1943, bearb. von Ulrich von Hehl, Mainz 1979, Nr. 113.

56 Vgl. Paul VI. und Bischofssynode, Botschaft über Menschenrechte und Versöhnung, in: Herderkorres-pondenz 28 (1974) S.624.

57 Bischofsakten V, Nr. 581.

58 Ebd. Nr. 584.

59 Bischofsakten VI, Nr. 910.

60 Vgl. Bischofsakten I, Nr. 45.

61 Granfield, Patrick, Aufkommen und Verschwinden des Begriffs „societas perfecta“, in: Concilium 18 (1982) S.460-464, hier  S.460.

62 Vgl. Walf, Knut, Die katholische Kirche - eine „societas perfecta“?, in: ThQ 157 (1977) S.107-118.

63 Vgl. Breuer, Thomas, Kirche und Fremde unter dem Hakenkreuz. Zur Frage nach dem Selbstverständnis der katholischen Kirche in der NS-Zeit, in: Fuchs, Ottmar (Hg.), Die Fremden, Düsseldorf 1988, S.183-193

64 Bischofsakten VI, Nr. 1020.

65 Zit. nach Klee, Ernst, „Die SA Jesu Christi“. Die Kirche im Banne Hitlers, Frankfurt/M. 1989, S.137.

66 Zit. nach Metz, Johann Baptist, Kirche nach Auschwitz, in: W. Stegemann (Hg.), Kirche und Nationalsozialismus, Stuttgart-Berlin-Köln 21992, S.65.

67 Unsere Hoffnung. Ein Beschluß der Gemeinsamen Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland (= Synodenbeschlüsse 18), Bonn o.J., S. 40f.

68 Zitat und Erklärung in: Orientierung 59 (1995) S. 26ff.

 
   
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erschienen in: Theophil-online
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