Chessbase 9.0

Aus der PSM Redaktion, geschrieben von Marcus Wegener am 12.03.2005

Wenn eine neue Version einer lange bewährten Software auf den Markt gebracht wird, kann dies beim Kunden durchaus gemischte Erfühle erzeugen: Auf der einen Seite besteht ein großes Interesse daran, mit der Entwicklung Schritt zu halten und in den Genuss neuer Möglichkeiten zu kommen; schließlich kann alles, was gut war, auch noch besser werden. Auf der anderen Seite ist man ein Gewohnheitstier, das nur ungern Abschied von Bekanntem nimmt, selbst wenn die Vernunft die Neuerungen als sinnvoll erkennt. Auch gilt es bei allen Segnungen des Fortschritts zu bedenken, wie Prozessor und RAM auf die gestiegenen Anforderungen reagieren werden. Im schlimmsten Fall stellt sich aber nach dem Erwerb des Updates heraus, dass die neue Version doch bestenfalls eine höhere Ziffer hinter dem Punkt gerechtfertigt hätte... Klar, dass für die verantwortlichen Programmierer ein ähnlicher Spagat besteht, schließlich will ein einmal gewonnener Kunde ja weiter gepflegt sein und eine neue Version soll ihn nicht wegen zu großer oder zu kleiner Entwicklungssprünge vergrätzen.




Die Hamburger Firma ChessBase, ihres Zeichen verantwortlich für die erste und erfolgreichste Schachdatenbank gleichen Namens, hat im Oktober mit Chessbase 9.0 die neueste Version ihrer Stammsoftware auf den Markt gebracht.
Wer sich nun fragt –"Was bedeutet und zu welchem Ende benötigt man Chessbase?", dem sei so kurz wie möglich geantwortet: Die Schachdatenbank Chessbase verwaltet Schachpartien. Dabei geht das Konzept von Chessbase zurück auf das Jahr 1985 und die Zusammenarbeit des Programmierers Matthias Wüllenweber mit dem damaligen Schachweltmeister Garri Kasparow. Kasparow erkannte als erster Schachspieler die Chancen der EDV. Ihn interessierten vor allem zwei Möglichkeiten: Ein Schachspieler kann mit Hilfe von Chessbase viele, wenn nicht sogar alle Partien eines bestimmten Spielers aufrufen und nachspielen, er kann sich also gezielt auf einen Gegner vorbereiten. Außerdem kann er sich Partien anschauen, in denen genau die Anfangszüge = Eröffnungen gespielt wurden, die er selbst bevorzugt, er kann also sein Eröffnungsrepertoire verbessern. Außer diesen beiden Funktionen sind im Laufe der Zeit noch viele weitere hinzugekommen. So kann man inzwischen auch Partien mit Hilfe von hinzugeschalteten Schachprogrammen analysieren, sie kommentieren und mit Diagrammen ausdrucken lassen. Aber eine Schachdatenbank kann nicht Schach spielen! Wer also gerne auf seinem PC gegen ein Schachprogramm spielen möchte, der kann sich den Rest dieser Rezension getrost schenken und sich z.B. über FRITZ, Shredder, Hiarcs oder - um mal ein Produkt zu erwähnen, das nicht aus Hamburg kommt - über Rebel informieren.

Wer wie der Rezensent zu den ersten Anwendern von Chessbase gehört, dem wird bei der Ankündigung einer neuen Programmversion etwas flau im Magen. Hatte man sich nicht damals, vom knappen Studentensalär, einen ATARI 1040 ST zugelegt, hohnlachend über ein Betriebssystem wie DOS und trotzend der Megalomanie von IBM und Microsoft? Und hatte man nicht einige Getränkekisten geschleppt, um auch noch die ATARI Festplatte (30 MB!) zu erwerben? Alles, weil Chessbase halt zuerst ein Programm für den - auch von Kasparow in der Werbung empfohlenen - ATARI war? Und wie hatte es die Firma ChessBase gedankt? Ein, zwei heftige Updates später war Chessbase zur fahnenflüchtigen Windowssoftware geworden und die ATARI-Version wurde schneller aufgegeben als eine Fernschachpartie! Von einem ChessBase-Kunden darf also erwartet werden, dass er seine Hardware den neuen Erfordernissen der Software geschmeidig anpasst; schließlich bestimmt ja, frei nach dem Sayschen Gesetz, jedes Angebot (von Software) die Nachfrage (nach Hardware).

Wie steht es nun um die neueste Version, Chessbase 9.0? Auch hier gilt: –"Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit." Das neue Chessbase erscheint ausschließlich auf DVD, empfohlen wird ein System mit 1 GHz, 256 MB RAM und Windows XP. Der Rezensent kann bestätigen, dass man bei geringerer Leistung nur begrenzt Freude an dem Produkt hat und es ChessBase damit erneut gelungen ist, ihn zu einer Optimierung der Hardware zu bewegen...

Wie steht es nun aber um die Neuerungen bei Chessbase 9.0? Ist auch inhaltlich ein Quantensprung gemacht worden? Hmmmm... Vielleicht kann man sich ja darauf einigen, dass sich hinter den Zahlen der Programmversionen eher eine asymptotische denn eine lineare Progression verbirgt. Der Schritt von der Version 0.0 zu 1.0 ist naturgemäß der größte, während die weiteren Entwicklungen in der Regel auf Bewährtem aufbauen müssen und an Schrittlänge einbüßen. In diesem Sinne ist Chessbase 9.0 ein guter Schritt, um mit dem Programm die immer noch weiter steigenden Speicher- und Verarbeitungskapazitäten der PC auch ausnutzen zu können. Einige Neuheiten überzeugen auf Anhieb und man wird sie nach etwas Eingewöhnung sicherlich schnell nicht mehr missen wollen. Trotzdem ist mein Fazit: Die große –"Hammerneuerung" fehlt. Damit hier aber kein falsches Bild entsteht: Dies ist Kritik auf sehr hohem Niveau, denn bei den Vorgängerversionen von Chessbase 9.0 handelte es sich bereits um ausgereifte und mächtige Programme, die mit vielen Features überzeugen konnten. Schließlich ist Chessbase nicht ohne Grund die führende Schachdatenbank auf dem Markt.
Gehen wir ins Detail: Eine der feinen Neuerungen von Chessbase 9.0 ist das Feature –"Partienverlauf". Wer schon einmal längere Zeit mit Chessbase gearbeitet hat, kennt die Situation, dass man oft einige Mühe darauf verwenden muss, die wirklich relevanten Partien zu finden. Schließlich enthält die Megabase von Chessbase (die große Partiendatenbank) inzwischen rund 2,6 Millionen Partien! Auch im Schach des Informationszeitalters gilt also, dass wichtige Entdeckungen zweimal gemacht werden müssen: Das erste Mal vom Spieler, der während der Partie den Zug entdeckt, das zweite Mal vom Chessbase-User, der die betreffende Partie in der Datenbank entdeckt. Wie ärgerlich ist es dann aber, wenn man ein, zwei Wochen später feststellt, dass man eben diese Partie noch einmal einsehen müsste, sie aber nicht markiert oder gesondert abgespeichert hat. Noch einmal suchen? Nein, hier hilft die Neuerung: Chessbase 9.0 merkt sich einfach bei jeder Arbeitssitzung die aufgerufenen Dateien! Unter –"Partienverlauf" kann der Anwender dann nachschlagen, mit welchem Partienmaterial er sich z.B. am 8. November 2004 beschäftigt hat.
Eine große Änderung im neuen Chessbase sind die veränderten Listen. Auf den ersten Blick nimmt man vielleicht nur zur Kenntnis, dass die Partienliste einer Datenbank nun wie die Detailansicht des Windows Explorer gestaltet ist –¬â€œ dahinter verbirgt sich aber, dass man nun mit einem Mausklick auf den jeweiligen Spalteneintrag alle Partien der Datenbank nach dem Kriterium des Spalteneintrags sortieren kann. Weniger abstrakt ausgedrückt: Ein Klick auf den Spalteneintrag –"Züge" und alle Partien der Datenbank werden so sortiert, dass die längste Partie die erste und die kürzeste Partie die letzte ist. Ein weiterer Klick auf –"Züge" und die Sortierung kehrt sich um. Ein Klick auf –"ECO" und die Partien werden nach dem Eröffnungsschlüssel der Encyclopedia of Chess Openings sortiert, ein erneuter Klick dreht auch hier die Sortierung um. Dies erleichtert in vielen Fällen die Suche nach bestimmten Partien enorm; für den Chessbase-Kenner formuliert: Die Suche mit der Suchmaske muss nicht mehr so oft eingesetzt werden. In dieselbe Richtung geht eine weitere erfreuliche Neuheit: Die Eröffnungsreferenz kann nun automatisch erfolgen. Wollte man früher z.B. mehr darüber erfahren, wie gut man die Eröffnung in der Blitzpartie vom letzten Vereinsabend gespielt hatte, musste man einzelne Stellungen aus der Eröffnung vom Programm in der Referenzdatenbank suchen und für diese eine Partienliste nebst Statistik erstellen lassen. Manchmal kam man dabei auf einige aufwändige Suchvorgänge, ehe klar war, an welcher Stelle man vom bewährten Eröffnungspfad abgewichen war. Unter Chessbase 9.0 kann nun während des Nachspielens einer Partie einfach die Referenz hinzugeschaltet werden. Man wird also Zug für Zug darüber auf dem Laufenden gehalten, welchen Vorgängern man noch folgt und wie Weiß/Schwarz mit dieser Variante abgeschnitten haben. Eine feine Sache, bei der allerdings eine kompaktere Referenzdatenbank gegenüber der Megabase vorzuziehen ist, da es sich um eine recht hardwarehungrige Funktion handelt. Gleiches trifft auf die veränderte Listenansicht zu. Chessbase empfiehlt halt nicht grundlos 256 MB RAM.
Übrigens werden die wichtigsten Neuerungen auf Chessbase 9.0 vom Chef des Hauses, Matthias Wüllenweber persönlich, auf sehr angenehme und aufschlussreiche Weise mit Demo-Videos vorgestellt. Eine gelungene Alternative zum Blättern im Handbuch oder PDF-Dokument!

Auch wenn es eigentlich in dieser Rezension nichts zu suchen hat, bringt mich das Stichwort Video noch dazu, auf die neuen Multimedia-CDs/DVDs von Chessbase einzugehen. Zwei Ausschnitte aus solchen Datenträgern sind nämlich als –"Appetizer" auf meinem Chessbase 9.0 Rezensionsexemplar enthalten und ich kann nur sagen: Ich sehe mich bestätigt und bin doch enttäuscht! Nach meiner Ansicht lässt Schach sich mit Büchern sehr gut und mit Datenbanken hervorragend studieren, eine gute Machart derselben vorausgesetzt. Hauptgrund dafür ist, dass der Studierende das Tempo und die Tiefe der Auseinandersetzung mit den Inhalten weitgehend selbst steuern kann. Ein noch so unterhaltsamer Videovortrag stellt demgegenüber doch immer eine Bevormundung dar.
Leider wurden meine negativen Erwartungen von den beiden Ausschnitten (einmal Kasparow, einmal Pfleger) mehr als bestätigt: Ein Kasparow mit Wortfindungsschwierigkeiten führt hastig durch eine seiner Damengambitpartien gegen Short; im Gedächtnis bleibt vor allem, dass der Mann sehr schnell mit der Maus klicken kann. Pfleger plaudert im gewohnten Idiom über eine alte Partie von Kortschnoi gegen Karpow, wobei Klischee an Klischee gereiht wird. In beiden Fällen dürfen wir den Kommentatoren dabei zusehen, wie sie den PC bedienen. Hurra! Der Fairness halber sei gesagt, dass es sicherlich verdienstvoll ist, wenn versucht wird, Schach auch auf diesem Wege einem breiteren Publikum zu präsentieren. Ich kenne auch einige, die sich sowas gerne ansehen. Und im Falle von Pfleger ist man ja vorgewarnt. Aber Kasparow? Ist dieses Geplätscher alles, was man vom ehemals oder immer noch besten Schachspieler aller Zeiten über diese Partie erfahren kann? Warum werden nicht wenigstens die Möglichkeiten genutzt, die ein Video bietet? Mittels Überblendtechniken könnte man Bauernstrukturen oder taktische Motive während der Partie hervorheben, Filmaufnahmen der Akteure könnten eingeblendet werden, ...aber warum mache ich hier eigentlich Verbesserungsvorschläge? Die gezeigten Ausschnitte machen auf mich den Eindruck, dass hier ein schneller Euro gemacht werden soll, eine sorgfältige Arbeit sieht anders aus. Aber vielleicht sind ja auch nur die beiden schlechtesten Passagen auf die DVD gelangt...?

Was fällt noch auf? Mir ist die Verbesserung der Zugeingabe mit Heumas (ein kleines Hilfsprogramm, das versucht, bei der Eingabe von Zügen den sinnvollsten zu erraten, um damit die Anzahl der Mausklicks möglichst niedrig zu halten) sehr positiv aufgefallen. Ebenfalls ein kleiner, aber feiner Unterschied zu vergangen Tagen ist die verbesserte Verwaltung von Fernschachpartien. Und man kann jetzt auch unter Chessbase das fotorealistische 3D-Brett aufrufen, das manche vielleicht schon von FRITZ 8 kennen. Es ließen sich noch zahlreiche Schritte und Schrittchen aufzählen, die aber den Rahmen dieser Rezension sprengen würden. (Wer einen Überblick haben möchte, sollte bei einer der ersten Adressen im Computerschach vorbeisehen: http://www.schachvereine.de/scleinzell/p_datenbanken/chessbase9.shtml)

Kommen wir also zu einem Fazit:

Rät der Rezensent zum Kauf? Das kommt drauf an...

  • Diejenigen, die jetzt schon Chessbase intensiv nutzen und sich hardwaremäßig auf der sicheren Seite wissen, werden beim Upgrade von € 99,- sicherlich schlucken müssen, aber früher oder später wird man –"es“ ja doch wieder tun und sich an den neuen Annehmlichkeiten erfreuen. Also kaufen.

  • Diejenigen, die Chessbase nur zum Eingeben und Verwalten ihrer eigenen Partien verwenden (gibt es solche Anwender überhaupt?) oder die momentan noch nicht über die erforderliche Hardware verfügen, können sicherlich noch mit ihrer alten Version auskommen. Also später mal kaufen.

  • Diejenigen, die eigentlich gerade erst ihre ersten Schritte in einem Schachverein oder im Computerschach machen, sollten sich überlegen, ob das viele Geld für eine Profisoftware wie Chessbase (€ 154,90 für das Starterpaket, das Megapaket kostet gar € 359,90) nicht besser anderweitig angelegt werden kann, insbesondere in das Schachprogramm FRITZ 8 (€ 99,90). Denn um FRITZ kommt man eigentlich sowieso nicht rum, wenn man auch mal was Schach spielen will. FRITZ enthält die wichtigsten Datenbankfunktionen aus Chessbase, wird mit immerhin 500.000 Partien geliefert und auch FRITZ erlaubt wie Chessbase einen einjährigen, kostenlosen Zugriff auf den Schachserver schach.de und das Abspielen von Multimedia-Datenträgern - alles demnach gute Gründe, um es zunächst einmal mit dieser Software zu probieren. Also etwas anderes kaufen.
  • Diejenigen, die mit Schach nichts am Hut haben, können an dieser Stelle Geld sparen. Also gar nichts kaufen. Aber warum haben Sie dann diese Rezension komplett durchgelesen?!


  • Ich danke der Firma Chessbase, die das Rezensionsexemplar kostenlos zur Verfügung gestellt hat.

    Marcus Wegener, Realschullehrer und B-Trainer des Deutschen Schachbundes