Angreifen mit dem Wolga-Gambit - Alejandro Ramirez

Aus der PSM Redaktion, geschrieben von Heinz-Willi Jansen am 05.03.2013
 Auf Amazon.de kaufenaus der Reihe: fritztrainer eröffnung (englische Sprachversion)
ChessBase GmbH, Hamburg; ISBN 978-3-86681-352-6; Preis 27,90 Euro

Bei der vorliegenden Trainings-DVD vom Hamburger Anbieter ChessBase handelt es sich um das Erstlingswerk des 25-jährigen Großmeisters aus Costa Rica, der allerdings seit Dezember 2010 für die „United States Chess Federation“ spielt. Wie die heutige Zeit (2013) zeigt, darf man eigentlich schon gar nicht mehr älter als 13 Jahre alt sein, um seinen GM-Titel zu erhalten – die Chinesen Bu Xiangzhi (13 Jahre, 10 Monate und 13 Tage) und Wei Yi (13 Jahre, 8 Monate und 25 Tage) haben es ja schon vorgemacht. Deshalb kann der damalige Rekord des Costa-Ricaners schon gar nicht mehr beeindrucken: er war immerhin mit 15 Jahren schon fast ein „Schach-Methusalem“ als er seinen GM-Titel erhielt. (Nebenbei und etwas abwegig: ich frage mich, wann in Kliniken bereits auf den Ultraschallbildern von Schwangeren nach Schachbrettern in den Händen der künftig Neugeborenen gefahndet wird..... – so ein Rekorde-Wahnsinn!)

Zurück zum Kernthema der Rezension: Ramirez erlernte das Schachspiel mit 4 Jahren, seine bisher höchste ELO-Zahl lag bei 2594 (September 2011). Mittlerweile haben ihn nicht nur seine Turniererfolge in Mittelamerika berühmt gemacht, sondern er arbeitet ebenfalls sehr erfolgreich als Schachautor und –trainer, wobei er sich intensiv mit dem sogenannten „Wolga-Gambit“ (auch Benkö-Gambit, bzw. Wolga-Benkö-Gambit) beschäftigt hat. Dabei gilt seiner Meinung nach jedoch keinesfalls Tarraschs wohl bekannte These, dass das Ziel von Gambit-Eröffnungen darin besteht, auf Kosten der Partie einen Ruf als Angriffsspieler zu erwerben.

Das auf der DVD vorgestellte Wolga-Gambit ist erkennbar durch die typischen Eröffnungszüge 1. d2-d4 Sg8-f6 2. c2-c4 c7-c5 3. d4-d5 b7-b5... wobei Schwarz durch seinen letzten Zug einen Bauern mit dem Ziel opfert, durch weitere Linienöffnungen am Damenflügel Druck aufzubauen, der bis ins Endspiel wirksam bleiben soll. Ramirez‘ Video-Training, das in gewohnter Form mit Hilfe des beiliegenden ChessBase-Readers in einer Gesamtlänge von 3 ¾ Stunden betrachtet werden kann, ist unterteilt in 26 Kapitel / Partiebeispiele inkl. Einleitung und Schlussgedanken. Es haben sich wie so oft bei ChessBase und seinen Autoren wieder erlesene Spitzenspieler versammelt, bei denen die Analysen, Betrachtungen und das Nachspielen der jeweiligen Spiele jeden Schachbegeisterten wieder einmal mit der Zunge schnalzen lassen: Kramnik, Topalov, Bologan, Carlsen, Andreikin, Nakamura, Vachier Lagrave, Ivanchuk, van Wely, Gelfand, Bareev, Kasparov – um nur diejenigen mit einer ELO-Zahl über 2700 zu nennen.

Beginnend mit den Hauptabspielen nach 3. ...b7-b5 erläutert der Mittelamerikaner zielgerichtet Wege der Fortsetzung über 4. c4xb5 a7-a6, 5. b5xa6 g7-g6, 6. Sb1-c3 Lc8xa6, 7. g2-g3 ..., wobei den meisten Varianten stets der Druck auf das weiße Zentrum gemeinsam bleibt. Typisch ist ebenso das sehr häufige Fianchettieren der Läufer, die das nachfolgende Mittelspiel prägen können und werden. Nach den geschilderten Eröffnungszügen der Hauptvarianten hat Weiß seine Entwicklung fast abgeschlossen und besitzt einen Mehrbauern. Allerdings ist die Bauernstruktur wesentlich schlechter als beim Schwarzen, dessen Stellung insgesamt gesehen harmonischer ist. Aus diesem Grund liegen beim Blick auf das Endspiel Vorteile bei Schwarz, selbst wenn zu diesem Zeitpunkt der Mehrbauer noch nicht zurückgewonnen wurde. Das strategische Ziel von Weiß muss es sein, im Zentrum oder auch am Königsflügel Angriffe zu starten, ohne dabei am Damenflügel von Schwarz überrollt zu werden. Ein Schwachpunkt von Weiß ist zweifellos der b-Bauer, dessen Deckung Probleme bereitet, sobald der Läufer auf c1 zieht. Man beachte, dass der fianchettierte schwarze Läufer auf g7 die Diagonale a1-h8 gut kontrolliert, sobald der Sf6 wegzieht.

Ein Irrglaube wäre es auf jeden Fall, das Hauptziel des Nachziehenden lediglich im einfachen oder doppelten Bauerngewinn zu sehen, Schwarz muss sein gewichtigstes Ziel im Zentrum ausmachen, um dort nicht im Partieverlauf überrollt zu werden. Außerdem sollte der Spieler mit den schwarzen Steinen den Damenflügel als zweiten Schwerpunkt durch Kontrolle der Läuferdiagonalen deklarieren. Weiß leidet relativ stark unter der zurückgebliebenen Entwicklung am Damenflügel, sollte aber nach Läufertausch durchaus auch Schwächen bei den schwarzfeldrigen Löchern am Königsflügel nutzen können. Man merkt schon, dass es sich bei den geschilderten Abspielen nicht um ein reines Weiß- oder Schwarzrepertoire handelt, sondern dass strategische Gesichtspunkte durchaus gleichwertig ausgebaut werden können. Wichtig in diesem Zusammenhang bleiben für beide Kontrahenten die Bauernstrukturen des Benkö-Gambit, die nahezu in jeder Analyse gleich oder ähnlich bleiben. Für Schwarz im Besonderen eine Bauernphalanx mit c5 – d6 – e7, die Weiß oft in Bedrängnis bringen kann, wenn kein Gegenspiel beizeiten eingeleitet werden konnte.

Eine Zwischenbilanz zeigt, dass Weiß durch verschiedenste Fortsetzungen, z.B. die frühzeitige Rückgabe des Mehrbauern, jedoch durchaus einen leichten Vorteil erhalten kann, da sich aus der schwarzen Bauernstruktur Löcher auf den schwarzen Feldern ergeben haben. Sollte Schwarz Diagonalen und den Damenflügel beherrschen können, steht er nicht schlecht. Da das Wolga-Benkö-Gambit nicht unbedingt zu den am häufigsten gespielten Eröffnungen zu zählen ist, haben beide Parteien eventuell Überraschungsmomente auf ihrer Seite, wenn sich der jeweilige Gegner nicht als außerordentlicher Strategie-Experte erweisen sollte.

Systemanforderungen:
Pentium-Prozessor mit 300 MHz o. besser, 64 MB RAM, Windows XP, Vista oder Windows 7, DVD-ROM-Laufwerk, Maus und Soundkarte

Fazit:
Aufgrund seiner Variantenvielfalt ist das vorgestellte Gambit nicht unbedingt „leichte Kost“ – weder für den Weißen noch für den Schwarzen. Als strategisches Grundmuster mag laut Alejandro Ramirez die Perspektive für den Anziehenden heißen: Zentrumsdruck aufbauen und am Königsflügel aggressiv bleiben. Für den Nachziehenden heißt die Empfehlung: Kontrolle des Damenflügels und der Diagonalen, durch Manöver wie z. B. e6 den Druck im Zentrum reduzieren, sowie das Vorrücken von Weiß am Königsflügel zu unterbinden.

Alles in allem ein interessanter Lehrgang, der viele Perspektiven aufzeigt und wahrscheinlich die Erkenntnis wachsen lässt, dass manche Partie durch strategisch variables Vorgehen positiver als erwartet zu Ende gehen kann.

Danke an ChessBase für das kostenlose Rezensionsexemplar.

Heinz-Willi Jansen
(stellvertr. Schulleiter an der Kath. Hauptschule Stadtmitte in Mönchengladbach)