Jurek Becker

Jurek Becker: Der Boxer (1976)

"Plädoyer für Jurek Becker
- Aus Anlaß seines mißlungenen Romans "Der Boxer"

Von Marcel Reich-Ranicki, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 19. Februar 1977

"Arno Blanks Versuch, sich von der Vergangenheit zu befreien und einer von vielen Bürgern der DDR zu werden, ist ... der Vorwurf für einen Roman, der das psychologische Porträt eines Davongekommenen, eines Einzelgängers und Außenseiters auf dem Hintergrund der sich dort formierenden und verändernden Gesellschaft zeichnet.
Aber der Geschichte Blanks fehlt dieser Hintergrund fast ganz: Sie spielt sich, obwohl wir es doch unzweifelbar mit einem realistischen Roman zu tun haben, nahezu in einem luftleerenRaum ab. Nur in den ersten Kapiteln, die die Zeit gleich nach 1945 betreffen, hat Becker die Verhältnisse immerhin skizziert oder angedeutet, so etwa den Schwarzmarkt. Später hingegen mußte er erkennen, daß seine Darstellung mit den Erfordernissen der DDR-Kulturpolitik nicht in Übereinstimmung zu bringen war.
Unübersehbar sind daher im "Boxer" die vielen Lücken, Sprünge und Aussparungen. (...)
Weil die Welt, zu der er im Gegensatz stehen sollte, in dem Roman nicht vorhanden ist, konnte Blank keine Kontrastfigur sein. Jene doppelte Perspektive ... - vertrauliche Nähe und skeptische Distanz -, ist hier überhaupt nicht möglich, da sich Blank weder innerhalb der Gesellschaft der DDR befindet, noch diese von außen betrachten darf. Im Endergebnis ist er nicht ein Symbol "der Ausnahme und der hohen Erschwerung" (Thomas Mann, 1921, K.D.), seine Geschichte wächst nicht ins Parabolische. Sie bleibt vielmehr ein oberflächlich anmutender Berichtvon einem individuellen Schicksal, das bedauerlich, doch nicht charakteristisch und kaum interessant.
Und weil Becker im "Boxer" nicht sagen kann, was er will, wird er redselig: der ostentativ gemächliche Plauderton, einst im "Jakob2 ein virtuos angewandtes Stilmittel, irritiert nicht, sondern verbreitet Behaglichkeit ... "


Zentrale für Unterrichtsmedien (ZUM e.V.) - Klaus Dautel 1999/2006 (cc)

Ohne ein bisschen Werbung geht es nicht. Ich bitte um Nachsicht, falls diese nicht immer ganz themengerecht sein sollte.
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