Jurek Becker

Jurek Becker: Bronsteins Kinder (1986):
Untersuchungsaspekte


                            STRUKTURELEMENTE

                SOMMER 1973      <->        SOMMER 1974
               -----------------------------------------
Histor.: Tod Walter Ulbrichts           Rücktritt Willy Brandts
           Weltfestspiele   

Situation    im Abitur                 Warten auf das Studium
des        Leben mit dem Vater             Vollwaise
Erzählers: Liebe zu Martha              beziehungslos
           fester Wohnsitz             auf Wohnungssuche
           Kontakt zur Schwester       Kontakt verloren (?)
                                             ||
                                             \/
                                         Krise -> Versuch der  
                                       Selbsttherapie durch 
                                       Erinnerung an Vaters Tod 
                                     (>Vergangenheitsbewältigung<)
Erzählzeit:
            erinnerte Zeit                 erlebte Zeit
            (Präteritum)                    (Präsens)

Handlungs-  Verhör des Aufsehers            Hans Versuch der 
stränge:    Liebesbeziehung                 Befreiung aus der 
            Schwester-Bruder-Beziehung        Lethargie

THEMATISCHE ASPEKTE (für Arbeitsgruppen)

- Initiationsgeschichte (vom Erwachsenwerden eines Jugendlichen)
- Liebesgeschichte (Kap. 19,25,30,35) (vom Erkalten einer Liebe)
- Bruder-Schwester-Geschichte (Kap. 7,18,28) (Gegenpole)
- Hans halbherzige Lösungsversuche (Aufzählung)
- jüdische Identität 30 Jahre nach dem Holocaust (Hans Bronsteins ungewünschtes 'Judentum')
- Generationskonflikte (Kap. 9. 20, 32) (Aktivismus der Alten - Indifferenz/Lethargie der Jungen)
- Rache, Recht, Gerechtigkeit und Gnade (Kap. 8,14,21,29) (Die Deutschen - das minderwertige Volk)
- der Täter als Opfer, die Opfer als Täter (Kap. 10,31,32) (Heppner, ein unschuldiger 'Mitläufer')


ZEITSTRUKTUR - HANDLUNGSEBENEN - ENTWICKLUNGSPROZESS

Entdeckung             Tod des               Krise                  Auszug
des Verhörs            Vaters                   +---------------------+ 
  +------------------------+     Trauerjahr     |     Sommer '74      |  
  | 11 Tage im Sommer '73  | ~~~~~~~~~~~~~~~~~  +---------------------+ 
  +------------------------+         ||         selbst-            
                         ||          ||          therapeut.
Hans Bronstein           \/          \/           Versuch der
- ohne Identität      Erfahrung    soziale         Vergangenheits-              
     (Jude?)             von        Isolation       bewältigung ||        
- an der Schwelle        Hilf-    Entfremdung                   || (Exodus)
  zum Erwachsensein      losig      von Martha                  \/
- angepaßt und           keit     Heimatverlust             -> Tod des Vaters    
    indifferent (85/6)                                      seelisch verarbeitet 
- hedonistisch (Martha)                                     -> Selbsterkenntnis
                                                            -> Schritt in die
                                                               Selbständigkeit

'Bronsteins Kinder' könnte (mit Einschränkungen) als ENTWICKLUNGSROMAN bezeichnet werden.

"Der Entwicklungsroman gestaltet den inneren und äußeren Werdegang einer Hauptfigur von einem Ausgangspunkt bis zu einer gewissen Reife der Persönlichkeit. Dabei wird die Ausbildung vorhandener Anlagen des Helden in der dauernden Auseinandersetzung mit den Umwelteinflüssen dargestellt."

aus: Sachwörterbuch für den Literaturunterricht Klassen 9-12, Volk und Wissen Volkseigener Verlag Berlin 1983 S. 159


Untersuchung von HANS BRONSTEINS SPRACHE (Seite 9/10 und 13/14)

Die Position des Erzählers zu seiner Umwelt ist:
 - unemotional-distanziert, er beobachtet und kommentiert 
     Beispiel: die Fernsehgewohnheiten der Lepschitz, Hans sitzt zwar dabei,
     nimmt aber nicht teil, sogar als sein Vater erwähnt wird, blickt er
     nicht auf (9) 
dem entspricht 
 - ein schnoddriger Tonfall zwischen Ironie und Sarkasmus
 - und eine knappe, zuweilen reduzierte Sprache.

Im einzelnen:
Tonfall: umgangssprachlich, schnoddrig, mit Redewendungen
         z.B. ich hätte meinen Kopf verwettet
                es knistert in meinem Kopf
                  Gott behüte
                    'das ist schon wahr'(14)
                      man kann es glauben oder nicht (13)

        Irgendwo zwischen Ironie und Sarkasmus:
          'Angestelltenärmchen'
            'sogar' das Abendbrot zubereiten
              keine schönere Beschäftigung als 
               ich liebe sie nur nicht allzusehr

         Übertreibungen und Untertreibungen (understatements)

         Metaphern:
            er lebt 'wie eine Stubenfliege' (10)
            'eng wie im Neunerbus' (13)
              'etwa die Hälfte meines Verstandes'(14)
                mein Vater, 'selbst nicht der Lebendigste'(10)
                 der Rest von Zuneigung, 'dieser Bodensatz

Satzbau: viele kurze, meist einfache Sätze - wortkarg (lakonisch)
          Wiederholungen werden nicht vermieden (Ich..Ich..)
            Kaum Adjektive, es sei denn klischehaft eingesetzt            
              'riesiges Glück' 'nach erloschener Liebe'
              'keine schönere Beschäftigung'

Zentrale für Unterrichtsmedien (ZUM e.V.) - Klaus Dautel 1999/2006 (cc)

Ohne ein bisschen Werbung geht es nicht. Ich bitte um Nachsicht, falls diese nicht immer ganz themengerecht sein sollte.
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