Jurek Becker

Jurek Becker: Bronsteins Kinder (1986)


Aufgabenstellung:

Lesen Sie von S.79 ("Egal", sagte er."Fang an zu fragen!...") bis S.82 ("... auch wenn das schwer ist.") und nehmen Sie diese Textstelle jeweils als Ausgangspunkt für die Behandlung der folgenden Aufgaben:

  1. Ordnen Sie den Ausschnitt in den Zusammenhang des Romans ein. Kurz!
  2. Fassen Sie die Ansichten von Vater und Sohn zusammen, beziehen Sie dabei den jeweiligen persönlichen Erfahrungshintergrund mit ein.
  3. Geben Sie Gründe für das Scheitern des Gespräch?
  4. "Wie ich ein Deutscher wurde", so wollte Becker seinen Roman zuerst nennen. Erklären Sie diesen ursprünglichen Titel.

Erwartungshorizont zur 'Bronstein'-Klausur:
  1. Der erste Versuch, mit dem Vater über die Sache ins Gespräch zu kommen, war kurz zuvor gescheitert: Vater Bronstein ließ sich erst garnicht auf die Vorwürfe seines Sohne ein, überführte ihn stattdessen der Unaufrichtigkeit (Schlüssel!).
    Nun, nachdem Hans ihn in seiner Kneipe aufgesucht hatte, um ihm den Anruf Rotsteins mitzuteilen, zeigt Vater Bronstein sich endlich zum Gespräch bereit.
    Dessen Verlauf allerdings macht deutlich, dass die Standpunkte der beiden so entgegengesetzt sind, dass vernünftige Gespräche und eine Verständigung nicht möglich sind.

  2. Vater Bronstein vertritt - zusammen mit den anderen - die Ansicht, dass die Deutschen grundsätzlich nicht die Richtigen sind, um das an den Juden begangene Unrecht wiedergutmachen zu können:
    Selbst wenn der Aufseher streng bestraft werden sollte, dann ist dies Ergebnis einer zufälligen geschichtlichen Konstellation (DDR - Besatzungsmacht etc.), nicht aber Ergebnis einer tiefen moralischen öberzeugung.
    Die Deutschen sind Opportunisten, von daher 'minderwertig'.

    Demgegenüber beharrt Hans auf der Einhaltung des Rechtsweges und auf der Achtung der Rechtsnorm: Das handeln der alten ist nicht nur illegal, sondern unmoralisch und anmaßend; kein Mensch aber soll sich zum Richter über andere aufspielen.

    Hinter Vater Bronsteins Denken und Handeln steht das MISSTRAUEN der Geknechteten und Gedemütigten:
    - geschichtliche Erfahrung der Judenverfolgung,
    - die Alten wollen stellvertretend für alle Juden Gerechtigkeit üben
    - sie nehmen das verhängnisvolle Richter-Amt auf sich

    Hans Bronsteins Argumentation dagegen ist 'rechtstaatlich', d.h. geprägt von VERTRAUEN auf die Legitimität der bestehenden Rechtsinstanzen. Seine Position ist zwar geschichtslos, aber moralisch einwandfrei.

  3. Das GEspräch scheitert

    - zum einen an diesem Erfahrungsmangel: Es besteht kein gemeinsamer Erfahrungs-Horizont, der Grundlage für ein sinnvolles Gespräch sein könnte. ("Fachmann" - 'Laie').
    - zum anderen an der mangelnden gegenseitigen Anerkennung:
    Der Sohn fühlt sich unterlegen und interpretiert das Verhalten des Vaters von Anfang an als herablassend ("als wäre ich ein Kind"). Das Verhältnis der Gesprächspartner ist nicht gleichberechtigt (Vater-Kind) und wird von Anfang von Hypothesen über das Verhalten des anderen beherrscht. Das Gesagte wird immer schon überlagert von der Vorweg-Interpretation.

  4. Vater Bronstein nennt die Deutschen ein minderwertiges Volk. Aus dieser Perspektive wäre es folglich keineswegs erstrebenswert, ein Deutscher zu werden. Mit dem ursprünglichen Titel aber wollte Becker gerade dies andeuten, dass nämlich im Verlaufe der Romanhandlung sein Ich-Erzähler Hans Bronstein zu einer 'deutschen' Identität gelangt. Dies kann zweierlei bedeuten: Entweder der Abstieg Hans in die 'deutsche' Minderwertigkeit (Perspektive des Arno Bronstein)
    oder aber seine Emanzipation, seine Befreiung von den Urteilen und Vor-Urteilen der Vätergeneration: der Generation der Opfer. Deren Sicht- und Handlungsweisen sind von dieser Opfer-Rolle bestimmt, Hans hat sich immer gegen diese Rolle gewehrt und mit dem Tod seines Vaters bindet ihn nichts mehr daran.
    Er ist sich der Problematik des Jude-Seins im Nachkriegs-Deutschland bewusst geworden, aber es ist doch nicht seine Problematik, nicht die seiner Generation. Sein Vater war ein Jude mit deutschem Pass und Hass auf die Deutschen. Hans ist ein Deutscher mit einer jüdischen Familiengeschichte und einem neugewonnenen Verständnis für die Rolle der Väter.


Zentrale für Unterrichtsmedien (ZUM e.V.) - Klaus Dautel 1999/2006 (cc)

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