Jurek Becker

Erich Hackl: Abschied von Sidonie

(Diogenes Verlag Zürich 1989)

1. Am 18. August 1933 entdeckt Pförtner Mayrhofer im Eingang des Krankenhauses von Steyr, Österreich, einen in Lumpen gewickelten Säugling und einen Zettel, wonach das Kinde Sidonie Adlersburg heiße. Das dunkelhäutige, schwarzhaarige Kind wird als Zigeunerkind identifiziert, von einer "seltsam ergreifenden Fremdheit"(8). Zweimal ruft eine Frau an, die sich als Mutter zu erkennen gibt. Das erste Mal verspricht sie, das Kind zu sich zu holen, wenn sich ihre Verhältnisse gebessert haben; das zweite Mal meldet sie, dass sie das Kind doch nicht nehmen könne.
Die Stadt Steyr leidet zu dieser Zeit unter großer Arbeitslosigkeit und Armut, es kommt zu Hungerdemonstrationen und Tumulten. Die Stadt will das Mädchen schleunigst aus dem Krankenhaus haben und sucht in den umliegenden Orten eine Pflegefamilie. Eine Schlossersgattin nimmt das Kind, gibt es jedoch nach zwei Tagen zurück, weil ihr Mann kein Zigeunerkind im Haus haben will.

2. Hans und Josefa Breirather, sieben Kilometer außerhalb Steyrs in Letten wohnend, nehmen Sidonie in Pflege für 30 Schilling monatlich.

3. Februar 1934: Auf dem Weg in das Steyrer Gefängnis werden die drei Männer von der Nachricht überrascht, dass in Steyr und Linz Arbeiteraufstände ausgebrochen seien. Sie mobiliseren den Schutzbund, holen die Waffen und machen sich mit 97 Genossen auf den Weg nach Steyr, kommen aber zu spät, der Aufstand wird niedergeschlagen. Die Heimwehr plündert die Konsumgenossenschaft und dringt auch bei Breirathers ein. Hans und Genossen werden zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt, Josefa muss sich alleine durchschlagen. Zu allem Überdruss werden sie und ihr Mann im Gefängnis von der Kirche dazu erpresst, sich endlich kirchlich trauen zu lassen. Die Trauung findet im Gefändnis statt.

4. März 1935: Hans kehrt vorzeitig aus dem Gefängnis zurück und findet nach fünf Monaten in seiner alten Fabrik wieder Arbeit. Josefa hat noch ein Pflegekind aufgenommen, Hilde, die Wohnung ist jetzt sehr eng geworden. Die Kinder wachsen trotzdem unbeschwert heran, Sidonie wird von der Nachbarschaft ohne weiteres akzeptiert. Hans und Josefa bleiben ihren politischen Überzeugungen treu, während alle anderen an den Umzügen regimetreuer Verbände teilnehmen oder gar der noch illegalen NSDAP anhängen. Die behördliche Suche nach der leiblichen Mutter bleibt ergebnislos, davon hängt die Adoption ab, gleichzeitig wird eine "Internationale Zentralstelle zur Bekämpfung des Zigeunerunwesens" in die Welt gesetzt.

5. 1938: Einmarsch der Deutschen, Heimholung der Ostmark ins Reich, die Gestapo übernimmt. Hinter Hans Haus wird ein Arbeitslager für polnische Zwangsarbeiter errichtet, die Gestapo interessiert sich mehrfach für Hans, auch für Josefa. Im Haus wohnt jetzt ein regimetreues Ehepaar aus dem Sudetenland, das seine Nachbarn bespitzelt. Hans versucht Widerstandsgruppen bzw. -Gefährten zu finden, z.B. den Kollegen Pedrak, der jahrelang in der Sowjetunion gelebt hat und dann enttäuscht von den stalinistischen Säuberungen heimgekehrt ist; oder ein Ehepaar aus Wien, das aber dann verhaftet wird.

6. Ostern 1939: Sidonie wird zusammen mit Hilde eingeschult. Sie geht eifrig zur Schule, ist glücklich und dankbar dafür, auch sonst sehr hilfsbereit und freundlich, aber sie lernt schlecht, kann sich nicht konzentrieren und muss die erste Klasse wiederholen. Veranlagung?
Pfingsten 1942 wird sie in Linz firmiert, ein großes Ereignis für sie.

7. Spätherbst 1942: Josefa wird von einem Gendarmen gewarnt, dass ein amtliches Schreiben aus Steyr zu erwarten sei. Was steht darin? Josefa ist sehr beunruhigt. Erst im März 43 kommt es dann: Sidonie soll sofort ihrer leiblichen Mutter zugeführt werden!
Josefa geht zur Fürsorgerin, Frau Grimm, und fleht diese auf den Knien um Hilfe an, vergeblich. Hans versucht, das Kind bei einem Bauern zu verstecken, der lehnt ab.
Am 13. März bietet Hans der Leiterin des Jugendamtes, Frau Korn, an auf das Pflegegeld zu verzichten, ja es sogar zurückzuzahlen, umsonst.
Dabei hätte die Rückführung Sidonies nicht unbedingt sein müssen, wie der Chronist rekonstruiert: Mehrere Anfragen an Lehrer und Bürgermeister waren ergangen, ob das Kind sich gut eingefügt habe oder auffällig sei, Lehrerin und Bürgermeister äußern sich zurückhaltend und vermeiden es, sich eindeutig für Sidonies Charakter und Verbleib in der Gemeinde auszusprechen.

8. Ende März, Sidonie nimmt Abschied, der Rucksack wird gepackt, sie bekommt liebe Geschenke von Nachbarn und Mitschülern, sie selbst ist hin- und hergerissen. Mit Josefa und Frau Grimm besteigt sie den Zug nach Linz, Hans letzte Worte: "Weglaufen mußt du ihnen. Hörst du!" (99)
In Linz dann wird umgestiegen, Josefa muss sich verabschieden, es ist herzzerreißend für beide. Der Zug fährt weiter nach Hopfgarten, dem Zielbahnhof der Reise.

9. Hopfgarten: Ein alter Marktflecken, in dem es seit jeher ruhig und friedlich zuging. Erst 1929 setzte eine Reihe von Untaten ein, die dann zwar aufgeklärt wurden, aber so wie früher wurde es nicht mehr (105), zu groß waren die Veränderungen vor allem durch die neuen Machthaber, den Krieg und die vielen Fremden. Im Herbst 1939 wurde erlassen, dass die Zigeuner, dort wo sie sich gerade aufhielten, ansässig zu machen seien, und so wurde den Sippen Berger und Adlersburg Unterkünfte in Gasthäusern zugewiesen, später dann Baracken etwas außerhalb des Ortes. In dieser Gemeinde also wird Sidonie von Frau Grimm an ihre Mutter übergeben. Die Übergabe findet im Gemeindeamt statt, Sidonie fürchtet sich sofort vor der hilflosen Mutter, deren Schwägerin nimmt sich des Kindes freundlicher an und nimmt es mit zu den Baracken. Frau Grimm fährt anderntags zurück, ohne zu wissen, dass am gleichen Tag die Sippen aus den Baracken geholt und mit Lastwagen abtransportiert werden.
Einige Tage später kommt ein Bekannter zu den Breirathers und erzählt, dass er - von der Front zurückkehrend - Sidonie in einem Eisenbahnwagon auf dem Linzer Bahnhof gesehen habe.

10. Am 5. Mai 1945 ist der Krieg in Sierning zu Ende, es wird entnazifiert und Hans B. zum Bürgermeister gewählt. Er hat viel Arbeit und macht dies gewissenhaft und geschickt. Aber da er die kommunistische Partei nicht aufgeben will, gibt er das Amt nach Jahren wieder ab, bleibt jedoch Gemeinderatsmitglied.
Als Bürgermeister nimmt er gleich nach Kriegsende Kontakt mit dem Bürgermeister von Hopfgarten auf und erfährt zu seinem großen Schrecken, dass Sidonie mit dem letzten Transport nach Ausschwitz gekommen sei. 1947 erhält man die Information , dass Sidonie im Lager an Flecktyphus gestorben sei.
Die Nachforschungen gehen weiter. Hans versucht gegen den Widerstand der Mitläufer und Vergessenwollenden Sidonie ins öffentliche Gedächtnis zu rufen. Er resigniert.
Später bemüht sich Sohn Manfred, das Schweigen um das Mädchen zu brechen. Mit wenig Erfolg. Erst den Umtrieben des Chronisten selbst gelingt es, dass eine Steintafel im Gedenken an Sidonie an einem Haus an gebracht wird.

11. November 1988: Der Chronist trifft sich mit Joschi Adlersburg, einem Bruder Sidonies, und erfährt von diesem Details von Sidonies Sterben: Es war nicht Typhus, sondern "Kränkung" (121). Sie hat sich im Lager jeglicher Fürsorge verweigert und nichts mehr gegessen. Eines Morgens lag sie tot im Bett.


Zentrale für Unterrichtsmedien (ZUM e.V.) - Klaus Dautel 1999/2006 (cc)

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