Georg Büchner  Dantons Tod

Aspekte des Determinismus bei Georg Büchner

MENSCH - MASCHINE - AUTOMAT
G.W.Leibniz (1646-1716):
Monadologie
"§64 ... daher ist jeder organische Körper (Leib) eines Lebendigen eine Art von göttlicher Maschine oder natürlichem Automaten, der alle künstlichen Automaten unendlich übertrifft. Eine durch menschliche Kunst verfertigte Maschine ist nämlich nicht in jedem ihrer Teile Maschine. So hat zum Beispiel der Zahl eines Messingrades Teile oder Bruchteile, die für uns nichts Künstliches mehr sind und die nichts mehr an sich haben, was in Bezug auf den Gebrauch, zu der das Rad bestimmt war, etwas Maschinenartiges verrät. Aber die Maschinen der Natur, d.h. die lebendigen Körper sind noch Maschinen in ihren kleinsten Teilen bis ins Unendliche. Das ist der Unterschied zwischen der Natur und der Technik, d.h. zwischen der göttlichen Kunstfertigkeit und der unsrigen."

Julien Offray de La Mettrie: L'HOMME MACHINE (1748)
"Betrachten wir jetzt einmal diese Treibfedern der menschlichen Maschine etwas genauer. Durch ihre Tätigkeit entstehen ihre vitalen, animalischen, natürlichen und automatischen Bewegungen. Der Körper fährt beim Erschrecken über den unerwarteten Anblick eines Abgrunds maschinenmäßig zurück. Die Augenlider schließen sich, wenn ihnen ein Schlag droht ... Die Poren der Haut schließen sich im Winter maschinenmäßig, um die Kälte nicht in das Innere der Gefäße eindringen zu lassen. Der Magen erhebt sich, vom Gift gereizt, bei einer gewissen Menge Opium und bei allen Brechmitteln....Die Lunge tut ihren Dienst wie ein beständig neu aufgetriebener Blasebalg. Alle Schließmuskeln der Blase und des Mastdarmes usw. funktionieren maschinenmäßig. Das Herz zieht sich stärker zusammen als jeder andere Muskel. Die Erektionsmuskeln richten das Glied beim Menschen wie bei den Tieren, welche sich damit auf den Leib schlagen, auf, ja selbst beim Kinde ist dieser Teil, wenn er auch nur wenig gereizt wird, in späteren Jahren der Erektion fähig. Das beweist, nebenbei gesagt, eine eigentümliche, noch wenig bekannte Spannkraft dieses Gliedes, welche Wirkungen hervorbringt, die man trotz aller anatomischen Kenntnisse noch nicht recht erklärt hat. ..."
(zitiert nach Ulshöfer, Arbeitsbuch Deutsch 2, Literatur und Gesellschaft, Schroedel . Crüwell 1979 S. 159/60)

Heinrich Heine behandelt das Thema zusammenfassend in seinem 1834 gechriebenen Werk: "Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland" (Zweites Buch), worin er La Mettrie und Leibniz als zwei gegensätzliche Richtungen in der gemeinsamen Nachfolge Descartes vorstellt. Hieraus ein paar Sätze:
"Idealismus und Realismus ... ich bezeichne mit dem ersteren die Lehre von den angeborenen Ideen, von den Ideen a priori, und mit dem anderen Namen bezeichne ich die Lehre von der Geisterkenntnis durch die Erfahrung, durch die Sinne, die Lehre von den Ideen a posteriori.
"L'homme machine" ist das konsequenteste Buch der französischen Philosophie, und der Titel schon verrät das letzte Wort ihrer ganzen Weltansicht. (...)
Deutschland hat von jeher eine Abneigung gegen den Materialismus bekundet und wurde deshalb, während anderthalb Jahrhunderte, der eigentliche Schauplatz des Idealismus. Auch die Deutschen begaben sich in die Schule des Descartes, und der große Schüler desselben hieß Gottfried Wilhelm Leibnitz."
(H.Heine, Werke in vier Bänden, Dritter Band, Hanser 1982, S.556-8)

Automaten, Puppen und Marionetten, einige Büchner-Stellen
Hessischer Landbote:
"Kommt ja ein ehrlicher Mann in einen Staatsrat, so wird er ausgestoßen. Könnte aber auch ein ehrlicher Mann jetzo Minister sein oder bleiben, so wäre er, wie die Sachen stehn in Deutschland, nur eine Drahtpuppe, an der die fürstliche Puppe zieht und an dem fürstlichen Popanz zieht wieder ein Kammerdiener oder ein Kutscher oder seine Frau und ihr Günstling, oder sein Halbbruder - oder alle zusammen." (Juli- und November-Fassung)

"Dantons Tod":
II,5 Ein Zimmer, Es ist Nacht.
Julie: "Du hast das Vaterland gerettet."
Danton: "Ja das hab ich. Das war Notwehr, wir mußten. Der Mann am Kreuz hat sich's bequem gemacht: es muß ja Ärgernis kommen, doch wehe dem, durch welchen Ärgernis kommt.
Es muß, das war dies Muß. Wer will der Hand fluchen, auf die der Fluch des Muß gefallen? Wer hat das Muß gesprochen, wer?
Was ist das, was in uns hurt, lügt, stiehlt und mordet? Puppen sind wir, von unbekannten Gewalten am Draht gezogen; nicht, nichts wir selbst! Die Schwerter, mit denen Geister kämpfen, man sieht nur die Hände nicht, wie im Märchen. Jetzt bin ich ruhig."

"Lenz"
"Er sagte: Die Dichter, von denen man sage, sie geben die Wirklichkeit, hätten auch keine Ahnung davon, doch seyen sie immer noch erträglicher, als die, welche die Wirklichkeit verklären wollten. Er sagte: Der liebe Gott hat die Welt wohl gemacht wie sie seyn soll, und wir können wohl nicht was Besseres klecksen, unser einziges Bestreben soll seyn, ihm ein wenig nachzuschaffen. Ich verlange in allem Leben, Möglichkeit des Daseins, und dann ist's gut; wir haben dann nicht zu fragen, ob es schön, ob es häßlich ist, das Gefühl, daß Was geschaffen sey, Leben habe, stehe über diesen Beiden, und sey das einzige Kriterium in Kunstsachen. Übrigens begegne es uns nur selten, in Shakespeare finden wir es und in den Volksliedern tönt es einem ganz, in Göthe manchmal entgegen. Alles Übrige kann man ins Feuer werfen. Die Leute können auch keinen Hundsstall zeichnen. Da wolle man idealistische Gestalten, aber Alles, was ich davon gesehen, sind Holzpuppen. Dieser Idealismus ist die schmählichste Verachtung der menschlichen Natur. Man versuche es einmal und senke sich in das Leben des Geringsten und gebe es wieder, in den Zuckungen, den Andeutungen, dem ganzen feinen, kaum bemerkten Mienenspiel"

An die Familie, Straßburg, Anfangs August 1835
"Der Dichter ist kein Lehrer der Moral, er erfindet und schafft Gestalten, er macht vergangene Zeiten wieder aufleben, und die Leute mögen dann daraus lernen, so gut, wie aus dem Studium der Geschichte und der Beobachtung dessen, was im menschlichen Leben um sie herum vorgeht. Wenn man so wollte, dürfte man keine Geschichte studieren, weil sehr viele unmoralische Ding darin erzählt werden, müßte mit verbundenen Augen über die Gasse gehen, weil man sonst Unanständigkeiten sehen könnte, und müßte über einen Gott Zeter schreien, der eine Welt erschaffen, worauf so viele Liederlichkeiten vorfallen. Wenn man mir übrigens noch sagen wollte, der Dichter müsse die Welt nicht zeigen wie sie ist, sondern wie sie sein solle, so antworte ich, daß ich es nicht besser machen will, als der liebe Gott, der die Welt gewiß gemacht hat, wie sie sein soll. Was noch die sogenannten Idealdichter anbetrifft, so finde ich, daß sie fast nichts als Marionetten mit himmelblauen Nasen und affektiertem Pathos, aber nicht Menschen von Fleisch und Blut gegeben haben, deren Leid und Freude mich mitempfinden macht, und deren Tun und Handeln mir Abscheu oder Bewunderung einflößt."

Leonce und Lena, III,3
Valerio
"Aber eigentlich wollte ich einer hohen und geehrten Gesellschaft verkündigen, daß hiemit die zwei weltberühmten Automaten angekommen sind und daß ich vielleicht der dritte und merkwürdigste von beiden bin, wenn ich eigentlich selbst recht wüßte, wer ich wäre, worüber man übrigens sich nicht wundern dürfte, da ich selbst gar nichts von dem weiß, was ich rede, ja auch nicht einmal weiß, daß ich es nicht weiß, so daß es höchst wahrscheinlich ist, daß man mich nur so reden läßt, und es eigentlich nichts als Walzen und Windschläuche sind, die das Alles sagen. Mit schnarrendem Ton Sehen Sie hier meine Herren und Damen, zwei Personen beiderlei Geschlechts, ein Männchen und ein Weibchen, einen Herrn und eine Dame. Nichts als Kunst und Mechanismus, nichts als Pappendeckel und Uhrfedern ... Geben Sie Acht, meine Herren und Damen, sie sind jetzt in einem interessantem Stadium, der Mechanismus der Liebe fängt an sich zu äußern, ... "


(cc) Klaus Dautel, 2001-13


Ohne ein bisschen Werbung geht es nicht. Ich bitte um Nachsicht, falls diese nicht immer ganz themengerecht sein sollte.
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