Georg Büchner  DANTONS TOD

Volker Klotz: Geschlossene und Offene Form im Drama

München 1970 (Exzerpt)

Jedes Drama lässt sich auf eine der beiden Grundtypen zurückführen: Geschlossenes oder tektonisches Drama einerseits und offenes oder atektonisches Drama andererseits. Die Gestaltung des dramatischen Gehalts, ist ein Indiz des Gehalts und entspricht einer ganz bestimmten Weltsicht und Wirklichkeitsrezeption.

A. DAS GESCHLOSSENE DRAMA

  1. Handlung:
    Nach Aristoteles wird die Handlung (Zusammenhang von Begebenheiten) im geschlossenen Drama durch Einheit und Ganzheit charakterisiert, d.h.
    • Vollständigkeit
    • Unersetzlichkeit der Teile
    • Unersetzbarkeit der Teile
    lm geschlossenen Drama (GD) gibt es eine eindeutige Haupthandlung, Nebenhandlungen sind dieser stets untergeordnet und gewinnen niemals Autonomie. Die Handlung im GD ist der Endpunkt einer schon vorher einsetzenden Entwicklung, doch in der begrenzten Spanne von Raum und Zeit wird Vorgeschichte und Zukunft integriert und der Teilcharakter verschwindet. Die Handlung ist einer übergreifenden Idee untergeordnet, sie ist in sich geschlossen und entwickelt sich zielstrebig und kontinuierlich. Die einzelnen Schritte bauen logisch aufeinander auf, Brüche oder Überraschungen gibt es nicht. Die Verbindung zwischen der Vorgeschichte und der eigentlichen Handlung wird durch die Exposition geleistet, die meistens in Monologform in konzentrierter Form mit der Situation vertraut macht. Indem sie vergangenheits-, gegenwarts- und zukunftsbezogen ist, gibt sie den Ausgangspunkt für den Fortlauf des Stückes und nimmt die Spannung.
    Die wesentliche Grundfigur des GD ist das Duell. Dem Kampf zweier Gegner entspricht der innere Kampf des Gewissens, wobei der Handlungsspielraum durch von vornherein festgelegte Regeln festgelegt und eingeschränkt ist.
    Die Übermacht der Idee über die Handlung wirkt entstofflichend. Alles brutale exzessive Geschehen (Mord, Totschlag, Auftreten von Volksmassen) wird als verdeckte Handlung hinter die Bühne verbannt, von wo es räumlich und zeitlich distanziert durch Botenbericht in die Haupthandlung einfließt.
    Das eigentliche Geschehen spielt sich im Inneren ab. Die äußere Handlung ist nur Ausgangspunkt, Rahmen für die komplexen Vorgänge im Innenleben der Personen. Dies ist darum auch viel reicher gestaltet als die äußere Handlung.

  2. Zeit:
    Die Zeit im GD wird nicht als Qualität, sondern rein quantitativ, sukzessiv erlebt, d.h. nicht als dramatischer Augenblick, als reine Geg enwart, sondern durch die fortlaufende Kontinuität ohne Wechsel des Ortes geht der Augenblick in der dargestellten Zeitspanne auf, in der jeder Moment seinen festgefügten Platz hat.

  3. Raum
    Die Handlung im GD vollzieht sich an einem einzigen Ort. Die Einheit des Raums dient als Funktion der Einheit der Zeit. Der Raum sowie die die Personen umgebenden Dinge (Natur etc.) sind neutraler, qualitätsloser Hintergrund ohne eigenständige Bedeutung für das Handlungsgeschehen. Es lassen sich drei Aspekte unterscheiden:
    1. Der Raum als Lebensumkreis, als gesellschaftliche Zone. Diese ist im GD die höfisch-aristokratische Welt, ein übersichtliches gesellschaftliches Ordnungsgefüge in wohlgegliederter hierarchischer Abstufung, das den Handlungsspielraum der Personen determiniert.
    2. Der äußere Ort der Handlung ist demzufolge meist der Palast des Fürsten, ein von der Außenwelt abgeschirmter und isolierter Raum.
    3. Bewusstseinsspielraum. Das Geschehen im GD verlagert sich von außen nach innen. Spiel und Gegenspiel, Intrigen und Zwistigkeiten werden auf dem inneren Schauplatz ausgetragen, in den die Personen mittels Monologen und Dialogen rückhaltlos einblick gewähren. Jede Gefühlsregung ist sprachlich artikulierbar.

  4. Personen
    Die Personen im GD gehören durchweg dem hohen Stand an (im Gegensatz zur Komödie). Sie stehen auf überragenden sozialen Gipfeln, ihr zeitlicher Standort ist entweder die Historie oder der Mythos,sie sind somit dem Alltagsleben enthoben. Diese Höhe macht sie würdig für Schicksal und Tragik, ist Voraussetzung für Pathos und sorgt für die nötige Fallhöhe nach der Katastrophe. Die Gestaltung der Personen ist einseitig, d.h. nur soviel wird von ihnen sichtbar, als für ihre Stellung im Ganzen notwendig ist, sie können nicht aus dem dramatischen Kontext herausgelöst werden.
    Die Personen sind immer zugleich Individuum und Funktion. Sie handeln als Menschen, sind sich aber ihrer Rolle innerhalb eines klar umrissenen Ordnungsgefüges bewusst, ob sie dessen Regeln befolgen oder aber gegen sie verstoßen. Dieses Bewusstsein äußert sich im Abstand zur Aktion und zu sich selbst, in geringer Spontaneität als auch in einer Besonderheit der Rede. Die Personen verbergen sich (oder werden verborgen) hinter zur Rolle erhobenen substantivierten Adjektiven oder Eigenschaften:
    "Ihr habt die Unversöhnliche verwundet“ (Reduzierung der Person auf ihre Eigenschaft),
    Des Hasses Opfer und der Eifersucht / wird er in der Bejammerten erblicken" (Nicht Elisabeth opfert Maria sondern Elisabeths Hass macht Maria zur Rolle des Opfers.)
    Begriffe werden zur handelnden Macht. Die Personen handeln nicht selbst sondern sie werden geschoben von "Mächten" (Schicksal). Emotion im GD ist nie direkt, sie ist entweder gebändigt in der gebundenen Rede oder aber durch botenbericht abgeschwächt. Als Katalysator um das Innenleben des Helden nach außen zu kehren fungiert der Vertraute, der keine eigenständige Person, sondern nur Teil seines Herrn ist.

  5. Komposition
    Entsprechend der hinter dem GD stehenden Denk-und Gesellschaftsstruktur (archaisch-aristokratisch), entsprechend der Unterordnung der Handlung unter die "Idee“ geschieht auch die Gliederung der Handlung von oben nach unten. Das Ganze weist jedem Einzelteil seine Stelle im Gesamtgefüge zu, in dem es eine ganz bestimmte Funktion hat. Deshalb hat der Akt (relativ geschlossene inhaltliche Einheit) gegenüber der Szene (Auftritt - quantitative Umschichtung der Personen) mehr Gewicht. Akt- und Szeneneinteilung richten sich weniger nach der Handlung als nach übergeordneten Kunstprinzipien. Symmetrie, Proportionalität,Parallelität in der Komposition der Personen, der Akte und der Monologe.

  6. Sprache
    Die Sprache im GD ist die einheitlich normative Sprache des gehobenen Standes. Umgangssprache oder Mundart gibt es nicht, da Volk und Masse nicht in Erscheinung treten. Negieren von Standesunterschieden und daraus resultierenden Konflikte in der Alltagsrealität.
    Distanz in der Sprache äußert sich darin, dass für das GD Realität vollständig sprachlich artikulierbar ist. Alles was sich dem Zugriff des Regelhaften verweigert (das Dunkle, Unkontrollierbare) existiert einfach nicht.
    Dialog: Beide Personen errichten kunstvolle Gedankengebäude, indem sie aus dem gesicherten Bereich der Reflexion ihre Argumentation entwickeln. Auch hier ist das Spontane verbannt. Da sich beide im gleichen Denkraum befinden, kommt es nicht zum Aneinandervorbeireden. Vielmehr werden Stichworte aus der Rede des Partners aufgenommen und in die eigene Rede eingebaut, wodurch der Dialog vorangetrieben wird.
    Stichomythie: Aufnehmen von Stichworten und Abwandlung in der eigenen Rede (Infragestellung, eigene Interpretation.
    Sentenz: Rückzug aus dem Persönlichen ins Normative allgemeingültiger Sätze, überindividuelle Erfahrungen.
    "Das Wunder ist des Augenblicks Geschöpf. / Und Irrtum auch der Übereilung Sohn'' etc.
    Genitivus Explicativus:
    "Dieser Bäume hochgewölbtes Dach“, Dieser Düfte liebliches Geweb".
    Diese Konstruktion lässt die sinnliche Erscheinung der Dinge hinter ihrem Zweck und ihrer Bestimmung innerhalb des Ordnungsgefüges zurücktreten. Die Dinge sind nur Material, das verwertet wird.
    Metaphorik:
    Das GD verfügt über einen beschränkten Vorrat an Bildern, die durch Tradition von vornherein festgelegten metaphorischen Gehalt haben (Feuer, Schwert, Sonne, Kampf). Auch hier wieder Unterordnung des Besonderen unter das Allgemeine, des einzelnen Dinges unter das Ordnungsgefüge.

B. DAS OFFENE DRAMA

  1. Handlung
    Im offenen Drama werden die Prinzipien: Einheit, Ganzheit, Unersetzbarkeit der Teile durchbrochen (Shakespeare war einer der ersten). Nicht mehr eine Haupthandlung dominiert, sondern mehrere Handlungsstränge laufen gleichberechtigt nebeneinanderher. Um dennoch einen Zusammenhalt des Geschehens zu gewährleisten werden verschiedenen Mittel angewandt:
    Komplementärstränge:
    Zwei Handlungsstränge bedingen und ergänzen einander. Das Verhältnis zwischen Kollektivstrang und Privatstrang ist das zwischen Zustand (Darlegung des Sachverhalts; mehr statisch) und Vorgang (erklärender Einzelfall).
    Metaphorische Verklammerung:
    Die von Szene zu Szene sich wiederholenden Wortmotive und Bildketten, die alle aus einem einzigen übergreifenden Bildfeld stammen, ziehen eine innere Verbindung , ein eng verschlungenes latentes Bezugssystem von Punkt zu Punkt ihres Erscheinens (siehe Woyzeck).
    Das dezentrale Ich:
    Ein weiteres Mittel die dispergierenden Tendenzen der Handlung zu koordinieren. Der Gegenspieler des Helden ist nicht eine einzige gleichrangige Person, sondern der Rest der Welt, d.h. seine Umgebung in allen ihren Einzelerscheinungen.
    Die äußere Handlung setzt expositionslos ein und entwickelt sich nicht linear; sondern eher assoziativ von Szene zu Szene.
    Die Vielfalt der Handlungsaspekte läuft in einem Fluchtpunkt (Integrationspunkt) zusammen, in dem ein Art Bedeutungsfazit enthalten ist.

  2. Die Zeit:
    Die Zeit im offenen Drama hat keine Grenzen. Es gibt keine qualitative Sonderung von Vorgeschichte und Gegenwart, die Handlung setzt expositionslos ein und erhebt keinen Anspruch auf Geschlossenheit. Die Zeit im offenen Drama wird zur autonomen Wirkungsmacht, die aktiv in das Geschehen einwirkt. Sie wird nicht als entwicklungsschaffende Zielbewegung empfunden, sondern in jeder einzelnen Szene als totale Gegenwart, die die handelnden Personen vollständig in ihren Bann zieht und ihnen die Distanz zum Geschehen verunmöglicht. Die Entwicklung ist zwar vorhanden, sie wird jedoch nicht bewusst erlebt. In der bewegungslosen Gegenwart der statisch bildhaften Szene scheint der Zeitfluss aufgehoben. Die Personen sprechen nicht resümierend oder vorausblickend, sondern spontan aus der Gegenwartssituation heraus.

  3. Raum
    Nicht mehr der abgeschlossene isolierte Raum des hohen Standes, sondern die Welt als Fülle von Erscheinungen tritt dem Helden gegenüber und wirkt auf ihn ein. Kein Ort ist, in dem sich das Tragische nicht ereignen könnte. Der Raum ist ein aktives konstituierendes Element und bedingt das, was sich in ihm ereignet. So wird das Zimmer zum Kerker des Ich, die räumliche Trennung von den anderen Personen zum Symptom menschlicher Vereinzelung.


(cc) Klaus Dautel, 2001-13

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