Naturlyrik Überlegungen und Arbeitsvorschläge

Natur & Lyrik

in der Kursstufe - mit Unterrichtsvorschlägen

Naturlyrik ist ein weites Feld und wurde von mir bisher nur einmal unterrichtet. Darum sind diese Seiten auch zuerst eine nach Themen geordnete Sammlung von Gedichten, Zusatzinformationen und Ideen. Sie sind als Werkzeugkasten voller Material und Werkzeuge zu verstehen, nicht als Bauplan. Letzteres kann aber daraus entstehen. Das wäre dann Ihr persönliches Projekt „Natur & Lyrik”! Viel Erfolg damit!

Anziehung

    Der Nebel zieht auf, das Wetter schlägt um. Der Mond versammelt Wolken im Kreis. Das Eis auf dem See hat Risse und reibt sich. Komm über den See.

Sarah Kirsch. Zaubersprüche, Ebenhausen bei München, 1974, S. 5

Aufgabe:
Bringe diesen Text in die Gestalt eines Gedichtes. Verwende dazu ein DIN A3 Papier.
Alles ist möglich, nur nicht das Weglassen oder Hinzufügen von Wörtern.
Gib anschließend über Deine Überlegungen Auskunft.

vier mal anziehung

Kurzinterpretation:
In diesem formlosen - ungestalteten - Gedicht von Sarah Kirsch wird in drei einfachen Aussagesätzen ein Landschafts- bzw. Naturszenario skizziert. Dessen Inventar: Nebel - Mond - See ist unoriginell, eher kulissenhaft. Hinzu kommt das Wort 'Wetter', welches mehr an Bericht als an Gedicht erinnert; das Verb 'umschlagen' tut das seinige dazu.
In Satz 2 und Satz 3 jedoch entstehen Bilder, die einmal nach oben und das andere Mal nach unten weisen: Auf ein Mond-Schauspiel oben und ein See-Spiel unten. Dort reiben sich Risse. Das ist zwar schon etwas dynamischer, aber nicht bedrohlich: Was geht es uns an?
Dann jedoch erhält das Wetter- und Landschafts-Szenario erst seinen Sinn und zwar in dem Imperativ "Komm". Ein lyrisches Ich lockt ein lyrisches Du in Lebensgefahr. Was haben die beiden miteinander zu tun?
Wer, außer einem bedingungslos Verliebten, ist bereit, dieser Gefahr zu trotzen? Wer bringt seinen Liebsten in eine solche Situation? Warum sind wir geneigt, das lyrische Ich für weiblich und das lyrische Du für männlich zu halten. (*)
Oder ist es eine Mutprobe, eine Initiation zur Aufnahme in die Peer-group, die Jungmänner-Clique?
Das wäre möglich, aber irgendwie trivial. Diese Vorstellung entzieht der Situation ihren Zauber, ihre geheimnisvolle Atmosphäre.
Es lässt sich also festhalten:
• Die Aufforderung zum Übertritt geht sehr wahrscheinlich von einer Frau aus.
• Diese Frau spielt mit dem Leben eines anderen. Von ihr muss ein Zauber, eine bezaubernde Anziehungskraft ausgehen.
• Das Naturszenario ist dann Kulisse für einen todbringenden Liebesbeweis.
• Oder es ist der Bewährungsraum für wahre Liebe?
• Oder eine Todesfalle?

*) Dieser Text ist das Eröffnungsgedicht in dem Band "Zaubersprüche".
Mit diesem Wissen bzw. in diesem Kontext liegt die Deutung eines verlockenden, aber tödlichen Liebeszaubers sehr nahe:
Ist das lyrische Ich eine Hexe? Ähnlich der Loreley oder den Sirenen, nur eben in winterlich-nördlichen Gefilden?

 

Einige Schlussfolgerungen

I. Auch im Kosmos der Natur-Lyrik ist Natur nicht für sich, sie ist immer nur "für uns" da. Sie ist nicht das Vorgefundene, sondern das aus einem bestimmten Bedürfnis heraus Erfundene.
Man findet kein Naturgedicht, in dem Natur sich selbst genug ist, man findet immer Gedichte, in denen 'Natur' irgendeine Funktion für ein lyrisches Ich hat: Einen Trost, ein Erlebnis, eine Botschaft, einen Gottesbeweis, einen Liebesbeweis, eine Allmachts- oder eine Ohnmachtserfahrung, eine Bedrohung, eine Selbsterkenntnis, ein Staunen, ein Erzittern, ein Rätselraten. Selbst die Versuche, eine sich selbst genügende Natur (Baum, Blume, Biene) darzustellen, offenbaren ein Bedürfnis, nämlich das nach Ausstieg.

II. Ein Naturgedicht ist immer mehr als ein Gedicht über die 'Natur' (oder das, was wir jeweils dafür halten). "Anziehung" z.B. ist auch ein Gedicht über Liebe, ein Liebesgedicht. Gedichte über Natur sind auch Weltanschauungsgedichte, wenn es z.B. um die Frage geht, ob angesichts von erdrückendem Leiden und Tod noch über Bäume gedichtet werden darf (B. Brecht, P.Celan, G. Eich). Oder wenn in 'blumigen' Bildern das verlorene Idyll, das nicht mehr zurückholbare Eins-Sein, das nur noch flüchtig Anmutige imaginiert wird. Dann ist das auch (oder immer) eine Aussage darüber, wie das Hier und Jetzt vom lyrischen Ich (und/oder Autor) empfunden wird.

III. In Naturlyrik "spricht sich das Naturgefühl des Dichters aus, der als Angehöriger einer Epoche, auch als Vertreter einer literarischen Richtung als Zeitzeuge Naturerfahrungen und Naturbeziehungen im historischen Wandel sichtbar macht." (Doris Marquardt: Naturlyrik, in: Günter Lange u.a.: Textarten didaktisch, 1998 S.106)

Ein wunderbares Beispiel hierfür ist Friedrich Hölderlins „Hälfte des Lebens"
    Mit gelben Birnen hänget
    Und voll mit wilden Rosen
    Das Land in den See.
    Ihr holden Schwäne,
    Und trunken mit Küssen
    Tunkt ihr das Haupt
    Ins heilignüchterne Wasser.
    
Weh mir, wo nehm ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein,
Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.

Charakteristisch für das Gedicht ist der unvermittelt bleibende Gegensatz, sowohl sprachlich als auch inhaltlich. Der harmonischen geschlossenen Form und Bilderwelt der ersten Strophe steht die Zerrissenheit der zweiten Strophe gegenüber, die Zeilenlängen sind unregelmäßig, die Zeilen stehen mit der Satzgrammatik im Konflikt. Gegenüber der sich selbst genügenden Natur in der ersten Strophe ist das lyrische Ich in der zweiten Strophe rein beobachtend. Es hat an dieser Harmonie keinen Anteil außer dem des Anschauens. Die elegische Selbstreflexion in der zweiten Hälfte des Gedichtes drückt das Gefühl äußerster Vereinsamung aus, die Dinge sind zu Zeichen erstarrt, die nichts bedeuten, nur Kälte und Starre ausstrahlen. Das lyrische Ich weiß nicht, wie es zur Welt steht, es ist auf sich selbst zurückgeworfen und verloren in seiner grundlosen Subjektivität.

Mehr zu diesem Gedicht: Aus der Finsternis ins Rampenlicht - der lange Weg eines Hölderlin-Gedichtes (K.D.)
Unterrichtsideen dazu HIER.

III. Ein Fragen-Katalog für die Interpretation eines Naturgedichtes könnte dann so aussehen:

  1. Wer spricht in welcher Situation? (Das lyrisches Ich und seine Welt)
  2. Worüber spricht er/es und in welcher Stimmungslage ? (Thema / Ereignisse / Gefühle)
  3. Wie ist das Gedicht strukturiert? (äußere Form / Strophen und Sinneinheiten, Wendestellen, Gegensätze)
  4. Welcher sprachlicher Mittel bedient er/es sich dabei? (klangliche Wiederholungen, Bilder und Motive)
  5. Auf welche Weise nimmt das lyrische Ich Natur wahr?
  6. Welche Erwartung, welche Hoffnung, welche Befürchtung, welche Bestätigung ist mit dem Naturerleben verknüpft?
  7. Lässt sich darin ein zeittypisches Naturkonzept erkennen?
  8. Ist diese Form des Naturbezugs heute noch nachvollziehbar, antiquiert oder vielleicht auch hilfreich?

Dimensionen des Themenfeldes Naturlyrik: Überblick


Ohne ein bisschen Werbung geht es nicht. Ich bitte um Nachsicht, falls diese nicht immer ganz themengerecht sein sollte.
Dautels ZUM-Materialien: Google-Fuss