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Zwei Grad mehr in Deutschland

Wie der Klimawandel unseren Alltag verändern wird (Szenario 2040)

Friedrich-Wilhelm Gerstengarbe, Harald Welzer (Hg), Fischer (2013), 320 Seiten, ISBN: 9783596189106

Zwei Grad mehr in Deutschland - Cover
Klimawandel ist ein großes Wort. Es klingt abstrakt und gewaltig. Was könnte man als Einzelner gegen ein globales Phänomen ausrichten? Wie sich dagegen wappnen? Muss man das überhaupt? Was Klimawandel bedeutet, ist meiner Erfahrung nach für viele Menschen, vor allem auch für Schülerinnen und Schüler, nur schwer vorstellbar. Das Klima ist komplex und was seine anthropogene Veränderung bewirken wird, bleibt oft nur eine vage und stark simplifizierte Ahnung. Das Buch »Zwei Grad mehr in Deutschland – Wie der Klimawandel unseren Alltag verändern wird (Szenario 2040)« macht die Konsequenzen greifbarer. Es wählt dabei einen sehr zugänglichen Ansatz indem es die mögliche Zukunft hauptsächlich in beschreibender Form darstellt und dabei kaum auf mathematische Beschreibungen zurückgreift. Es ist damit auch Lesern ohne fachliche Vorkenntnisse gut verständlich.

Man erfärt zunächst (Kapitel 2), was man im wissenschaftlichen Sinn unter »Szenarios« versteht und wie diese erstellt werden. Dabei wird der wichtige Aspekt betont, dass ein Szenario keine Vorhersage ist, sondern vielmehr eine mögliche Zukunft, die sich einstellen kann, wenn die angenommenen Bedingungen eintreten. Der Wert eines Szenarios liegt also nicht darin vorherzusagen, wie die Zukunft sein wird, sondern was dabei heraus kommen würde, wenn man z.B. die CO2-Emissionen nicht vermindert oder wenn man den Hochwasserschutz an den großen deutschen Flüssen nicht verbessert. Somit gewinnt man Einsichten in die vorhandenen ökologischen und politischen »Stellschrauben«, an denen man »drehen« kann.


Das Buch stellt dann im Kapitel 3 dar, welche konkreten Veränderungen des Klimas in Deutschland für das Jahr 2040 zu erwarten sind (Genauer gesagt wird immer der Zeitraum von 2031 – 2050 betrachtet, weil das Klima im Gegesatz zum Wetter nur durch Mittlung über einen längeren Zeitraum dargestelt werden kann). In diesem Kapitel erfährt man mit vielen Karten, Diagrammen, aber auch gut formulierten Texten Näheres über Temperatur, Niederschlag und Großwetterlagen. Den Autoren gelingt es, das für Deutschland differenzierte Bild anschaulich und nicht zu technisch zu erläutern. So muss z.B. die Oberrheinebene mit insgesamt höheren Sommertemperaturen rechnen, mit längeren Hitze- und Trockenperioden sowie höheren Winterniederschlägen. Während die östlichen Mittelgebirgen im Winter mehr Schnee erhalten könnten als heute, wird die Schneemenge im Schwarzwald eher abnehmen. Das sind u.a. Konsequenzen von veränderten Großwetterlagen. Der Wasserhaushalt und der Wald werden in einem eigenen Kapitel (Kap. 4) besprochen.


Die Kapitel 5 – 7 gehen ausführlich auf die zu erwartenden Konsequenzen ein und welche Maßnahmen als Reaktion darauf möglich sind. Diese Kapitel enthalten eine Fülle von Einsichten in die Abhängigkeit einer Gesellschaft von den Klimabedingungen. Das Bewusstsein für diese Abhängigkeit ist bei Menschen in westlichen Industrieländern in den letzten Jahrzehnten schwächer geworden. Für alle Wiedrigkeiten von Wetter und Klima scheint es technischen Abilfe zu geben. Allerdings zeigt sich, dass das Zusammenspiel von Wirschaft und Gesellschaft in hohem Maß an die herrschenden mittleren Klimabedingungen gekoppelt ist: Man ist z.B. darauf angewiesen, dass Infrastruktur wie Schifffahrtsstraßen oder Bahngleise immer verfügbar sind. Wenn nun aber im Sommer die großen Flüsse häufiger Niedrigwasser führen und damit u.U. tage- oder wochenlang keine Schiffe mehr fahren können, bringt das die Industrie ins Stocken. Wenn die zu erwartenden heftigeren Stürme Bahnanlagen beschädigen, werden auch hier Ausfälle häufiger, was sich auf den Personen- und Gütertransport auswirkt.


Auch für Menschen ist sommerliche Hitze, vor allem in Ballungszentren, belastend. Das Buch zeigt klar auf, dass die Folgen für verschiedene soziale Schichten sehr unterschiedlich sein können und dass hier z.B. eine gesellschaftliche Aufgabe darin besteht, unter anderem sozial schwachen Gruppen bei der Anpassung an die klimatischen Bedingungen zu unterstützen. Das Buch führt dabei zentrale Begriffe ein, die auch in vielen anderen Kontexten verständnisfördernd sind: Verschiedene Länder oder auch Gruppen von Menschen unterscheiden sich in der Vulnerabilität gegenüber dem Klimawandel. Sie sind also nicht gleich »verletzlich«. Wer Geld hat, kann sich z.B. sein Haus dämmen lassen und eine Klimaanlage einbauen und ist so von sommerlicher Hitze weit weniger betroffen als arme Menschen. Damit hängt auch die Resilienz zusammen. Darunter versteht man die Fähigkeit (hier von Gesellschaften), »auf Störungen bzw. Schocks zu reagieren und entscheidende Systemfunktionen aufrechtzuerhalten.« (S. 49).


Im Umgang mit dem Klimawandel erläutert das Buch auch den Unterschied zwischen Maßnahmen, welche die Veränderung des Klimas begrenzen sollen (Mitigation) und Anpassungsmaßnahmen an das veränderte Klima (Adaptation). Eine zentrale Einsicht ist, dass Mitigation nur auf globaler Ebene funktionieren kann, weil das Klima nicht von einzelnen Staaten allein beeinflusst werden kann, dass aber alle organisatorischen Ebenen (von der UNO bis hin zu einer einzelnen Gemeinde) bei der Adaptation aktiv werden können und sollten. Solche Adaptationsmaßnahmen können sehr verschieden sein: Von der Berücksichtigung möglicher Hochwassergebiete bei der Ausweisung von Baugebieten bis hin zur Förderung von Bürgerengagement bei der Versorgung von besonders »vulnerablen« Menschen (z.B. Ältere) während einer Hitzeperiode.


Das letzte Kapitel (Kap. 8) war für mich der Höhepunkt des Buches. Hier werden in Erzählform zwei mögliche Zukünfte dargestellt. Die theoretischen Informationen der vorausgehenden Kapitel werden dabei konkret umgesetzt, so dass klare und nachvollziehbare Beschreibungen entstehen: Ein Szenario geht davon aus, dass in Deutschland die Adaptation schlecht verlief, dass daher die Vulnerabilität hoch und die Resilienz niedrig ist. Das zweite Szenario beschreibt den Gegenentwurf: Eine Gesellschaft, die sich vorbereitend auf die Änderungen eingestellt hat und die es daher schafft, von den (trotzdem vorhandenen) Problemen nicht erdrückt zu werden, sondern sie bewältigen kann.


Ich wünsche diesem Buch eine große, große Leserschaft. Es macht deutlich, womit wir rechnen müssen und – besonders wichtig – zeigt auch viele Möglichkeiten auf, wie wir uns angemessen darauf vorbereiten können.


verfasst von Andreas Kalt am 25.03.2015 | 2430-mal gelesen

Fachrichtungen: evangelische Religion katholische Religion Ethik Gemeinschaftskunde Erdkunde fächerübergreifend Biologie Wirtschaft


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