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Lasst Kinder wieder Kinder sein!

Oder: Die Rückkehr zur Intuition

Michael Winterhoff, Carsten Tergast, Gütersloher Verlagshaus (2011), 205 Seiten

Lasst Kinder wieder Kinder sein! - Cover
Als erstes: Meine Kinder sind keine Kinder mehr und dennoch spricht mich das Thema an. Denn Winterhoff hat in seinen drei bisherigen Büchern auf ein Phänomen hingewiesen, das mir vertraut ist, und deutet Lösungswege an, die für jeden Erwachsenen interessant sind. Um welches Phänomen handelt es sich? Immer mehr Kinder finden nicht zu Ruhe und Konzentration, und pädagogische Mittel bleiben oft erfolglos. Immer häufiger scheint eine Behandlung mit Drogen wie Ritalin die notwendige Voraussetzung dafür, dass pädagogische Maßnahmen überhaupt erst ansetzen können. Winterhoffs Erklärung für das Phänomen ist, dass die Kinder auf dem seelischen Niveau von Zweijährigen stehen geblieben seien und deshalb erst noch Entwicklungsschritte nachgeholt werden müssten, bevor Erziehung wirksam werden kann.
Doch die neuen Überlegungen, die Winterhoff in seinem vierten Buch vorträgt, haben Erklärungswert auch unabhängig von der Gültigkeit seiner ersten These.
Trotz des Titels wendet er sich nämlich primär dem Verhalten der Erwachsenen zu und versucht zu erklären, weshalb sich viele so verhalten, dass die Kinder im Reifeprozess gestört werden.
Dabei argumentiert er, wie folgt: Die Erwachsenen werden von Katastrophenmeldungen überflutet und geraten dadurch in einen andauernden "Katastrophenmodus". Außerdem setzt die neue Wahlfreiheit (beim Konsum, bei der Parnerwahl und bei der Arbeitsplatzwahl) sie fortwährend unter Entscheidungsdruck. Überdies hat das elektronische "Netz der Verfügbarkeit" (S.65) die Grenze zwischen Arbeitszeit und Freizeit weitgehend aufgehoben (E-Mails, Handys etc.).
So kommt der Einzelne nicht mehr aus dem "Hamsterrad" heraus. Und wenn die Psyche erst einmal in Dauerstress versetzt ist, entwicklt sie Beharrungskräfte, die diesen Zustand beizubehalten streben und jede Veränderung erschweren.
Aus dieser Situation hilft nach Winterhoff keine Abarbeitung von gut gemeinten Ratgeber-Checklisten heraus, sondern nur die Erkenntnis über die Zusammenhänge und das bewusste Umlegen des Hebels, der in den Katastrophenmodus geführt hat. Der einzelne müsse wieder zu sich selbst kommen, damit er in sich ruhend aus Intuition heraus handeln könne.
Doch, merkt Winterhoff an: "Gerade die Aktionen, von denen man sich eine Rückkehr zur Ruhe erhofft, werden am Anfang vielleicht die größte Unruhe auslösen." (S.174)
Dadurch dürfe man sich aber nicht irre machen lassen und solle seinen eigenen Weg aus dem Katastrophenmodus verfolgen.
Ob seine Ratschläge dafür helfen, kann man an sich selbst erproben. Er empfiehlt Waldspaziergänge und langsam sich steigernde Phasen der Muße (z.B. ruhiges Sitzen in einer Kirche mit bewusstem Ausschluss jeder Absicht außer der, zur Ruhe, zu sich selbst zu kommen).
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Vermutlich gibt es allerdings noch andere Gründe als Reizüberflutung und Katastrophenmeldungen, die einen ins Hamsterrad treiben. Meiner Meinung nach sind auch die gesellschaftlichen Arbeitsbedingungen von wesentlicher Bedeutung, die den einzelnen unter den Druck setzen, in ständigem Leistungswettbewerb jederzeit seine Unersetzbarkeit zu beweisen.
Winterhoffs Vorschläge, wie der einzelne dem Hamsterrad entkommen und so seinen Kindern die notwendigen Reifungsschritte ermöglichen kann, sind sinnvoll. Sie entheben uns aber nicht der gsellschaftlichen Aufgabe, unsere Kinder vor ruinösem Leistungsdruck in Kindergarten und Grundschule zu schützen. Und das kann nur erreicht werden, wenn in der Erwachsenengesellschaft ein Mindestmaß an Arbeitsplatzsicherheit herrscht.

verfasst von Walter Boehme am 28.01.2012 | 2333-mal gelesen

Fachrichtungen: Gemeinschaftskunde Pädagogik


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