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Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken

Roman

John Green, Hanser Verlag (2017), 285 Seiten, ISBN: 978-3-446-25903-4

Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken - Cover
John Green, geboren 1977, ist ein international sehr angesagter Jugendbuchautor und Videoblogger. Seine Romane „Margos Spuren“ und „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ sind weltweite Erfolge und wurden auch erfolgreich verfilmt. John Green lebt mit seiner Familie in Indianapolis, USA, und dort spielt auch sein neuer Roman „Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“.
Die Hauptperson ist die sechzehnjährige Aza Holmes, sie besucht die Highschool, an der ihre Mutter Mathematik unterrichtet, zur Schule fährt sie mit Harold, dem Auto ihres verstorbenen Vaters. Aza leidet unter Angststörungen, ihre Furcht vor allerlei ansteckenden Bakterien führt zu Panikattacken, Berührungsängsten und zwanghaften Handlungen, sie öffnet z.B. immer aufs Neue die Wunde an ihrer Fingerspitze, um sie zu spüren, zu desinfizieren und mit einem Pflaster zu verschließen. Aza ist seit Jahren in therapeutischer Behandlung und nimmt mehr oder weniger regelmäßig die verschriebenen Medikamente.
Wir erfahren das von Aza selbst, sie ist die Ich-Erzählerin! Eine Außenperspektive, eine alles einordnende Erzähldistanz gibt es nicht, Leser/Leserin hat an den Ängsten, den inneren Kämpfen und Gedankenspiralen in Azas Kopf ungefiltert teil, ist ihnen geradezu ausgeliefert und leidet.

Zum Glück gibt es Daisy. Azas Freundin Daisy könnte als Gegenstück beschrieben werden, sie ist lebenslustig, witzig, schlagfertig und plaudert gern und viel. Ihr Hobby ist das Verfassen von Fanfiction im Internet, d.h. sie erfindet Geschichten zu ihren StarWars-Lieblingsfiguren und hat sich so eine rege Leserschaft erarbeitet. Aza gehört jedoch nicht dazu. Aza ist mit sich und ihren Phobien beschäftigt und es ist abzusehen, dass diese Beziehung eine große Bewährungsprobe wird überstehen müssen.

Zuvor jedoch muss noch sich eine andere Geschichte entfalten: Aza verliebt sich in Davis Picket, den Sohn eines unermesslich reichen Baulöwen, der allerdings wegen Betrugs in Millionenhöhe auf der Flucht ist, sachdienliche Hinweise zu seiner Ergreifung werden mit bis zu 100 000 Dollar belohnt. Davis ist ein nachdenklicher Junge, der nach dem Tod seiner Mutter und jetzt auch nach dem Verschwinden seines Vaters zwar nicht arm, aber arm dran ist, allein wegen der Ungewissheit um den Aufenthalt seines Vaters, aber auch weil er mit der Rolle des großen Bruders für den 13-jährigen Noah sich überfordert fühlt.

Diese beiden mit ihrem Leben und ihrer Identitätsfindung überforderten Halbwaisen kommen sich also näher und die zarte Liebe könnte gelingen, wenn man sich dazu nicht auch küssen und berühren müsste. Aza scheitert mehrmals an dieser Herausforderung, sie kann von den Bakterienströmen, die sie hier durchfließen werden, nicht absehen: Invasive Bakterien, invasive Gedanken! Die Beziehung rettet sich zwischenzeitlich in die berührungslosen Zonen von Internet-Messengers und Smartphone-Displays, aber das Defizitäre darin lässt sich so nicht aus der Welt räumen.

So viel also zum Personal und zur Problemlage des Romans. Das sieht nicht heiter aus. Warum sollte man das lesen wollen?

* Weil Aza und Davis kluge und reflektierte junge Menschen sind, ihre Gespräche, ihre Chats, ihre Internet-Spuren sind tiefgründig, zuweilen rätselhaft, oft wird Zuflucht in literarischen Zitaten gesucht (vorzüglich aus Shakespeares „Sturm“); die Themen, um welche diese Gedanken kreisen, sind nicht nur für Jugendliche von existenzieller Bedeutung, allen voran die Erfahrung von Fremdbestimmtheit. "Der Mensch ... kann nicht wollen, was er will." Dieses dem Roman vorangestellte Motto stammt von Arthur Schopenhauer, und genau so bewegen sich Azas Gedanken und ihr Selbsterleben im Banne "von fremden Kräften", seien es die Bakterienströme, die Schulordnung oder die innere Gegen-Stimme.

* Die Hoffnung, dass Aza aus dem Labyrinth ihrer Gedanken herausfinden möge, dass ihre Liebe zu Davis sich frei entwickeln wird, dass auch Davis sich aus dem Netz seiner kaputten Familie befreien kann - diese Hoffnung schwingt immer mit. Aber Leser/Leserin weiß auch, dass das große HappyEnd nicht sein kann, dafür wächst umso mehr die Dankbarkeit für Lichtblicke, an denen sich weiterdenken lässt.

* Es gibt auch noch ein eher klassisches Spannungselement: Davis' verschwundener Vater, nach dem alle suchen: Die Polizei, um ihn zur Rechenschaft zu ziehen, Davis und Noah, um überhaupt noch eine Familie zu haben und Aza und Daisy wegen der Belohnung.

* Schließlich die Sprache: John Green ist kein literarischer Experimentator, die Erzählweise ist ohne Zeitsprünge oder Perspektivwechsel, immer ist es Aza, die die Chronologie der Ereignisse aufrechterhält. Aber eben auf ihre Weise: "Die Leute tun immer so, als gäbe es eine klare Grenze zwischen der Erinnerung und der Fantasie, aber die gibt es nicht, jedenfalls nicht bei mir." (267) Azas Sprache ist voll überraschender Metaphern, die ihre etwas querliegende Wahrnehmung der Dinge erkennbar machen: "In der Cafeteria riefen Hunderte von Stimmen durcheinander, Sprache zu reinem Klang vermischt wie Wasser, das über Felsen rauscht. Und als ich unter den Leuchtstoffröhren saß, die ihr aggressives künstliches Licht über uns auskippten, dachte ich darüber nach, wie wir uns alle für die Hauptfiguren in unserer eigenen Heldensaga hielten, obwohl wir im Grunde identische Organismen waren, die einen fensterlosen, nach Schmalz und Desinektionsmitteln riechenden Raum besiedelten." (7/8)

* Hier haben wir auf der ersten Seite schon jene Spirale, die Aza im weiteren Verlauf immer wieder heimsuchen wird: Der fiktive Charakter des eigenen Lebens, die Selbsttäuschung über die eigene Handlungsfähigkeit, die Distanzerfahrung den anderen gegenüber, die Bakterien ...

Mein Fazit: John Greens neuer Roman ist gute, sehr gute Adoleszenzliteratur, aber das Prädikat „Weltliteratur“, wie es in der "Welt" vom 18.11.2017 vergeben wurde, greift zu hoch. Die Welt dieser Teenager ist sicher reich an Innenleben und großen Fragen, aber nicht weit, es ist eine kleine Welt in in einem kleinen Bundesstaat im Nordosten der USA. Natürlich ist auch dort das Internet, es ist Alltag, allgegenwärtig im Leben dieser jungen Menschen, aber es ist nicht das Tor zur Welt, sondern ein Kommunikationskanal zum Leidensgenossen, zur Peer-group, ein Medium für Sinnsucher und Zitatensammler. Die große, weite Welt ist außerhalb von Indiana, wo man vielleicht einmal studieren wird, wenn man das nötige Geld dazu aufbringen kann. Aber wie sagt Azas Mutter so nebenbei: „Unser Bildungssystem ist von vorne bis hinten faul.“ (S.168) Eine der offenen Fragen am Ende wird sein, ob Aza es schafft, den Schritt über sich hinaus und damit auch aus Indianapolis heraus zu schaffen. Das Geld dazu hätte sie ja, dank der Belohnung.

Noch ein Nachsatz: Wie schon beim Vorgänger finde ich bei diesem Roman den englischen Titel um einiges besser als den deutschen: „Turtles all the way down“! Dahinter steckt der indische Mythos von der Schildkröte, die auf ihrem Rücken die Welt trägt, damit sie im kosmischen Ozean nicht versinkt. Wer aber trägt die Schildkröte und was wiederum den Träger der Schildkröte? Es gibt keine unterste Schildkröte und also keinen letzten Grund für alles. Wenn Aza nicht einschlafen kann, dann singt ihre Mutter „das alte Lied, das sie immer sang, wenn ich nicht einschlafen konnte … Es geht so: We’re here because we’re here because we’re here because we’re here.“ (160) Und endlich schlafen Azas fiese Gedanken.

verfasst von Klaus Dautel am 25.01.2018 | 1090-mal gelesen

Fachrichtungen: Ethik Englisch Deutsch


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