Georg Büchner  LEONCE & LENA

Affenkomödie - Komik - Lustspiel

Vom Umgang mit literarischen Mustern
Der Begriff der I. Komödie in zwei Büchner-Briefen
An die Familie
Straßburg, im Dezember 1832

(...) Ich hätte beinahe vergessen zu erzählen, daß der Platz in Belagerungszustand gesetzt wird (...). Unter meinem Fenster rasseln beständig die Kanonen vorbei, auf den öffentlichen Plätzen exerzieren die Truppen, und das Geschütz wird auf den Wällen aufgefahren. Für eine politische Abhandlung habe ich keine Zeit mehr, es wäre auch nicht der Mühe wert, das Ganze ist doch nur eine Komödie. Der König und die Kammern regieren, und das Volk klatscht.

Darmstadt: d. 9.Dez. 33.
Lieber August!

(...) Ich werfe mich mit aller Gewalt in die Philosophie, die Kunstsprache ist abscheulich, ich meine für menschliche Dinge müsse man auch menschliche Ausdrücke finden; doch das stört mich nicht, ich lache über meine Narrheit und meine, es gäbe im Grund genommen doch nichts als taube Nüsse zu knacken. Man muß aber unter der Sonne doch auf irgend einem Esel reiten, und so sattle ich in Gottes Namen den meinigen ... Die politischen Verhältnisse könnten mich rasend machen. Das arme Volk schleppt geduldig den Karren, worauf die Fürsten und Liberalen ihre Affenkomödie spielen. Ich bete jeden Abend zum Hanf und zu d. Laternen.

II. Was ist KOMIK? -> komos gr. Festzug
  • Form des übertreibenden Kontrastierens
  • belustigende, aber auch befremdende Erfahrung einer Dissonanz zwischen Sein und Schein, zwischen Anspruch und Wirklichkeit
  • die dadurch hervorgerufene Spannung löst sich im Lachen auf (Der Brockhaus in 5 Bänden 1993)
1. Während in der Tragödie die Kontrahenten relativ ebenbürtig sind, beruht der komische Konflikt auf der Unebenbürtigkeit der Gegenspieler (z.B. der Gebildete und der Ungebildete, der Reiche und der Arme, der vermeintliche Kluge und der vermeintlich Dumme, die scheinbar Schöne und die schöne Unscheinbare ...)

2. Komisch finden wir die unfreiwillige Abweichung von einem erwarteten Verhalten:
"Ein Mann läuft auf der Straße, stolpert und fällt. Die Passanten lachen. Ich glaube, man würde nicht lachen, wenn man annehmen könnte, er habe sich plötzlich entschlossen, sich hinzusetzen. Man lacht, weil er sich unfreiwillig hingesetzt hat ... es ist das Unfreiwillige an diesem Wechsel, es ist die Ungeschicklichkeit, die uns lachen macht." (Henri Bergson 1859 -1941: Das Lachen)

3. Drei Mittel eignen sich vor allem zur Erzeugung des Komischen:

  • Die Repetition (die Wiederkehr des Gleichen), wobei mit jeder Wiederkehr die Situation für den Zuschauer durchschaubarer wird)
  • Die Inversion (Umkehr der Verhältnisse, die "verkehrte Welt"): Aus oben wird unten usw., die Schüler sind klüger als die Lehrer, der Igel ist schneller als der Hase, der Hobby-Detektiv ist schlauer als die Polizei, ...
  • Confusion (Verwechslungen, vertauschte Identitäten): Die Personen auf der Bühne halten jemanden für jemanden anderen, als er wirklich ist, jeden Augenblick muß alles auffliegen, aber immer wieder wird die Auflösung hinausgeschoben, die Verwirrung noch tiefer ...
4) Weitere komische Motive:
Sprachliche Missverständnisse, Aneinandervorbeireden, Wortspiele
Verletzung der Normen des guten Geschmacks: Draufhauen, Fluchen, Rülpsen ...(-> stellvertretend für den gesitteten Zuschauer, der das nicht darf)
Schwindeln und Betrügen (-> aber für den Zuschauer durchschaubar)
Dummheit und Ahnungslosigkeit (-> bestätigt die Überlegenheit des Zuschauers)
Wie und wo findet man in 'Leonce und Lena' diese Elemente des Komischen wieder?

III. Kleine KOMÖDIEN-Typologie

Komödie (gr. komodia von komos lustiger, ritueller Umzug als Bestandteil des Dionysos-Kults, und ode Gesang; lat. comoedia, ital. commedia, Ez. comedie) ist Gegenstück zur Tragödie. Erwächst aus der Haltung der Komik (im Ggs. zu dem aus dem Humor entstandenen Lustspiel). An die Stelle tragischer Erschütterung tritt komische Befreiung; an die Stelle des pathetischen Heroismus realistische Entlarvung menschlicher Schwächen. Die Komödie hat desillusionistischen Grundcharakter: in Verfall begriffene oder überholte geschichtliche bzw. soziale Erscheinungen bilden den Hintergrund; sie sieht aus der Nähe, ist mit der alltäglich erfahrbaren Realität verbunden. Das Komische beruht dabei auf dem Kontrast zum allgemein Gewohnten: diese Aufdeckung des Risses durch die Welt" führt die Komödie auf ihrem Höhepunkt in die Nähe des Tragischen (Möglichkeit des Kippens"), doch folgt in Erkenntnis der Unlösbarkeit des Widerspruchs die befreiende Lösung im reinigenden Dennoch" des Lachens.
Im Ggs. zur Tragödie lebt die Komödie aus dem Bezug auf die gesellschaftliche Situation der jeweiligen Zeit. Mit dem Verfall einer Gesellschaft schwindet auch die darauf zugeschnittene Komödie. Voraussetzung für ihre Entstehung und Wirkung ist daher eine in (Vor-)Urteilen und Wertungen gleichgesinnte Gesellschaft. Ein zu großer Anteil zeitgebundener Anspielungen kann Verständnis und Wirkung in späterer Zeit beeinträchtigen.

1. Antike Komödie

Entstanden aus gleichem Ursprung wie die gr. Tragödie. Übergang bildete das Satyrspiel (Satyrn= Fruchtbarkeitsdämonen aus dem Gefolge des Dionysos). Künstlerisch auf die Höhe geführt (z.Z. der Aufführung während der Dionysien = Festspieltage zu Ehren des Dionysos) durch ARISTOPHANES. Von 44, zwischen 425 und 388 v. Chr. geschriebenen Komödien sind 11 erhalten (z.B.: Der Frieden, Die Frösche Lysistrata, Die Wolken, Die Vögel); die meisten gehören noch dem 5.Jh. an.

(Er) verspottete die neuen, aufklärerischen Gedanken, die Naturphilosophie und die künstlerischen Entwicklungen seiner Zeit. Demgemäß galt seine Liebe dem Aischylos, sein Hohn dem Euripides. Als einem Verächter des damals Modernen, der Avantgarde seiner Zeit, war ihm der Beifall der Menge sicher. Doch fühlte er sich als frommer Patriot, der bewährte Ideale zu verteidigen hat. Ob seine Satiren dazu beigetragen haben, das Vertrauen des Volkos in die Demokratie zu untergraben, oder ob die Demokratie zu ihrer Selbstreinigung solcher Satiren bedarf - das war schon damals eine Streitfrage." (Georg Hensel, 124)

Da Witz und Komik oft sehr zeitgebunden, kein eigentliches Weiterleben der antiken Komödie als Ganzes, wohl aber Weitergeben komödiantischer Formen.(...)

2. Charakterkomödie

Im Mittelpunkt steht eine Figur, die auf Grund ihrer Eigenart den Zuschauer zunächst verblüfft und in ihrer scheinbaren Mächtigkeit täuscht. Indem sich diese Mächtigkeit schrittweise von Szene zu Szene in nichts auflöst, löst sich auch die Dissonanz. Dies anzuschauen, erheitert.
Geschichtliche Entwicklung führte von der Typenkomödie zur Charakterkomödie; so auch im Schaffen des Meisters der Charakterkomödie: MOLIERE (von z. B. Les precieuses ridicules [Die lächerlichen Preziösen] 1659, zu z.B. Le Tartuffe, 1669, L'Avare [Der Geizige], 1668). (...) ln Deutschland seit LESSINGS Minna von Barnhelm" 1767, Charakterschilderungen in der Art MOLIERES ... Erst bei KLEIST (Der zerbrochene Krug, 1811; Figur des Dorfrichters Adam) und bei GERHART HAUPTMANN (Biberpelz, 1893; Figur der grundehrlichen" Wäscherin Mutter Wolffen) reine Charakterkomik.

3. Intrigenkomödie

Nach der oft listig angelegten Verwicklung bezeichnet (frz. intrigue Ränkespiel). Im Ggs. zur Charakterkomödie hat die Handlung Vorrang. Bspe der Weltliteratur: SHAKESPEARE, Kaufmann von Venedig, Die lustigen Weiber von Windsor, Viel Lärm um nichts, Wie es euch gefällt, Was ihr wollt (alle vermutlich zwischen 1595 und 1600); CALDERON, Die Dame Kobold,1636; BEAUMARCHAIS, Figaros Hochzeit,1784. - In dt. Dichtung auch LESSINGS Minna von Barnhelm, 1767, hierher zu rechnen.

4. Situationskomödie

Akzentuierung durch Komik der Situationen, die dadurch entsteht, daB nur der Zuschauer von ihrem Unwert weiß. Situationskomik ist im Volksstück beliebtestes Strukturelement; von KLEIST aber auch mit Wendung bis an die Grenze des Tragischen benutzt in Amphitryon, 1807.

5. Dramatische Satire

Entstanden aus moralischer Haltung der Anklage und nicht aus der Haltung des befreienden Humors, daher in der Regel lustspielfeindlich; kann sich in den besten Beispielen bis zur tragikomischen Groteske steigern.
Bspe: WEDEKIND, Der Marquis von Keith, 1901, STERNHEIM, Die Hose, 1911; Der Snob, 1914; ZUCKMAYER, Der Hauptmann von Köpenick, 1930, DÜRRENMATT, Die Ehe des Herrn Mississippi, 1952; Romulus der Große, 1958 (hier Mischung mit tragikomischen Zügen).

aus Ivo Braak: Poetik in Stichworten - Hirts Stichwortbücher Verlag Ferdinand Hirt 1972, S. 239-41


© Klaus Dautel, 2001

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Ohne ein bisschen Werbung geht es nicht. Ich bitte um Nachsicht, falls diese nicht immer ganz Themen-gerecht sein sollte.
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