Naturlyrik Überlegungen und Arbeitsvorschläge


Joseph von Eichendorffs Gedicht „Im Walde“ aus dem Jahre 1836 besteht lediglich aus zwei Strophen zu je vier Zeilen, die streng im Kreuzreim gedichtet und im einfachen Volksliedton gehalten sind. Das Metrum ist jambisch, jedoch nicht sehr regelmäßig, und passt sich durch die zusätzlichen Senkungen dem normalen Sprachfluss an.

Das Gedicht hinterlässt so zunächst den Eindruck von Schlichtheit und Einfachheit, zumal die Motivik keineswegs originell ist, gehören doch "Wald", "Waldhorn", "Jagen", "Nacht" usw. quasi zur Grundausstattung romantischer Lyrik. Dennoch irritiert die etwas unerwartete Wendung ins Ungemütliche, welche sich in der letzten Zeile des Gedichtes ereignet und den aufmerksamen Leser aufhorchen und nachfragen lässt: Was soll das für ein Schauern sein? Woher rührt es und wovon handelt das Gedicht eigentlich?

Betrachten wir zunächst das lyrische Ich und seine Perspektive. Bei diesem handelt es sich um einen außenstehenden, fernen, zur Melancholie oder auch Nostalgie neigenden Beobachter, dessen Wahrnehmungen eher schemenhaft und undeutlich sind. Was er vernimmt und sieht, ist wenig konkret und anschaulich, eher geahnt oder noch besser: "gedacht", so wie es in Zeile 5 benannt wird. Gesehenes und Gehörtes fügen sich nicht zu einem in sich geschlossenen Szenarium zusammen, sondern es werden Bruchstücke aneinandergereiht, die nicht weiter ausgedeutet, nicht weiter konkretisiert sind. Es handelt sich eher um eine Art Kaleidoskop von bekannten Motiven, die Reihenfolge scheint beliebig zu sein und keinem logischen Zwang zu folgen: Hochzeit, Vogelgesang, Jagd und Waldhorn ... hinzuzudenken wären Berg und Tal und Wald und Bäume usw. Es herrscht also eine gewisse Beliebigkeit im Aufbau dieser eher flüchtig empfundenen Welt.
Auf innere Bildlogik - so kann man schließen - kommt es bei der Wirkung des Gedichtes auch gar nicht an, was wirken soll, das ist die Gemüts- oder Stimmungslage des lyrische Ich: Die Motivreihe evoziert eine andere Welt, eine Gegenwelt, die es nicht gibt und vielleicht nie gab, und die darum umso mehr das Gefühl von Verlust zurücklassen muss.

Die zweite Strophe macht dies in ihrer übergangslosen Gegensätzlichkeit deutlich: Diese "gedacht(e)" Welt "verhallt" (Z.5) oder versinkt in der Dunkelheit der Nacht und hinterlässt ein Rauschen und ein Schauern, zwei Wahrnehmungen, die durch eine Assonanz hörbar miteinander verklammert werden. Auch diese Empfindung ist nicht nur als reale, körperlich spürbare Kälte der Nacht zu verstehen, sondern auch als Seelenempfindung: Das lyrische Ich wird sich seiner existenziellen Unsicherheit bewusst, seiner Verlorenheit und Einsamkeit. Vielleicht ist dieses Bewusstwerden mehr ein Ahnen und ein Fühlen als ein Erkennen, darum wird es auch in dieser kulissenhaften Waldeinsamkeitsmetaphorik ausgedrückt.

Die in diesen wenigen Zeilen zusammengedrängten Wald- und Nachtmotive beabsichtigen nicht, ein Landschaftspanorama oder ein Naturschauspiel zu bieten, vielmehr geht es um die Gestaltung eines Lebensgefühls. Das lyrische Ich sieht sich ausgesetzt, alleingelassen in Dunkelheit und Kälte, auf sich gestellt und undurchschaubaren, geheimnisvollen Kräften ausgeliefert. Was diese bringen mögen und welcher Gestalt sie sind, bleibt dahingestellt. Offen bleibt auch, ob es die inneren oder die äußeren Mächte sind, die Abgründe der eigenen Seele oder die Unberechenbarkeit der Natur, welche dieses Schauern hervorrufen. Sicher ist eines: Das Gefühl des Gefährdetseins, der existenziellen Unsicherheit.

Wie das lyrische Ich damit umgeht, ist eine Frage, die das Gedicht offen lässt. In anderen Gedichten hat Eichendorff mögliche Antworten gegeben: "Ach Gott, führ uns liebreich zu dir" heißt es in den "Zwei Gesellen" und das Gedicht "Zwielicht" endet mit der Warnung: "Hüte dich, bleib wach und munter!".
Wachsamkeit und Gottergebenheit angesichts einer rätselhaften Wirklichkeit - das kleine Spätwerk mit dem schlichten Titel "Im Walde" dagegen überlässt den Leser trostlos und ratlos sich selbst.

(cc) Klaus Dautel, 2015

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