Bertolt Brecht  Leben des Galilei 

12. Bild: Die Stunde des Inquisitors

Der Papst

Im Gemach des Vatikans hat Papst Urban VIII. (vormals Kardinal Barberini) den Inquisitor empfangen. Urban wird gerade in sein päpstliches Präsentations-Gewand gekleidet, vor der Türe hasten Kirchenmänner aller Ränge und Orden geschäftig durch die Gänge, eine Versammlung höchster kirchlicher Würdenträger steht bevor. Den Papst stören die von außen eindringenden Geräusche zunehmend, gleichzeitig redet der Inquisitor immer eindringlicher auf ihn ein, so dass Urban gleichsam von zwei Seiten in die Enge getrieben wird: Von der Argumentation des Inquisitors und dem Erwartungsdruck der sich versammelnden Kirchenvertreter. In Verlaufe dieser Szene verwandelt sich der Papst vom wissenschaftlich differenzierenden Individuum zum Vertreter der kirchlichen Macht. Seine persönlichen Überzeugungen treten hinter das politische Kalkül zurück. Der Prozess der Einkleidung begleitet diesen Vorgang symbolisch: Die Einkleidung ist zugleich auch eine Verkleidung, eine Maskierung des Menschen Barberini.

Der Inquisitor verlangt sofortiges und deutliches Einschreiten gegen Galilei und seinesgleichen:

Die Argumentation des Inquisitors zielt direkt auf die Person Galileis. Während Papst Urban in Galilei den genialen Wissenschaftler sieht und diesem die Rechte und Privilegien zugesteht, die ein hervorragender Geist benötigt, so lässt der Inquisitor sich auf diese Argumentationsebene erst gar nicht ein, sondern stellt Galilei als moralisch gefährliches Individuum, als berechnenden Aufrührer und "schlechten Menschen" dar, der "weiß, was er tut" (107).
Dem Zweifel an Galileis menschlicher Redlichkeit kann Urban in der Tat nicht viel entgegensetzen, hat doch Galilei mit der Figur des Simplicio in dem "Dialog" wirklich die geistlichen Autoritäten der Lächerlichkeit preisgegeben. Urban versucht zwar die vorgetragenen Anwürfe als eine Charakterschwäche zu verharmlosen: "Das zeugt von schlechtem Geschmack" (107), muss aber letztlich anerkennen, dass Galilei ihn hintergangen und sich somit - aus seiner Sicht - des Ungehorsams schuldig gemacht hat. Galilei hat sich als Mensch, als Ehrenmann, fragwürdig gemacht und steht folglich nicht mehr als "Licht Italiens" (107) unter seinem Schutz.

Papst Urban VIII. - nun in vollem Papst-Gewand - gibt seinen Widerstand auf: Man zeige Galilei die Folterinstrumente, was bei diesem "Mann des Fleisches" schon genügen werde.



Arbeitsauftrag:
Im Verlaufe seiner Ankleidung wird Papst Urban gleich von zwei Seiten bedrängt:
Von den Argumenten des Inquisitors und dem Geschlurfe der sich versammelnden Kirchenwelt.

             Barberinis Verwandlung: Vom Individuum zur Obrigkeit
       
              Barberini (nackt): "Nein! Nein! Nein!"                     
                 ______________________________
    Der         /\                            /\  Die sich 
  Inquisitor   /  \                          /  \  versammelnden 
              /    \                        /    \  Kirchenvertreter
             /      \                      /      \
            /        \                    /        \
           /          \                  /          \
          /            \                /            \
         /              \              /              \
        /                \            /                \
       /                  \          /                  \
      /                    \        /                    \  
     /                      \      /                      \    
    /                        \    /                        \
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                               \/
                   Der Papst in vollem Ornat
                 "Das Äußerste ist, daß ..." 
 
Mein Vorschlag:
       
             Barberinis Verwandlung: Vom Individuum zur Obrigkeit
                                Barberini:                               
                 _____________"Nein! Nein! Nein!"____________
     Der        /\                                          /\  Die Versammlung
Inquisitor:    /  \   "Ich lasse nicht die Rechentafeln    /  \   der Kirchen-
Argumente     /    \               zerbrechen!"           /    \    Vertreter:
und          /der   \                                    /      \   Erwartungs-
Rhetorik    /Geist der                                  /        \     druck
           /Unruhe und "Man kann nicht die Lehre ver   /          \
          /des Zweifels\  dammen und die Sternkarte   / "Das       \
         / im Inland    \       nehmen."             / Geschlurfe   \
        /                \                          /  macht mich    \
       / der Religions-   \                        /     nervös."     \
      / krieg im Ausland   \ "das Licht Italiens, /                    \
     /                      \ ...er hat Freunde" /                      \
    /                        \                  /                        \  
   /  Verlust von Ordnung     \                /                          \
  /   und Sinn in der Welt     \ "ich habe ihm/                            \ 
 /                              \ sein Buch  /                              \
/                                \ erlaubt" /   "Dieses Getrampel ... ist    \  
                                  \        /     unerträglich. Kommt denn     \
 Galilei hat sich nicht an das     \      /       die ganze Welt?"             \
  Versprechen von 1616 gehalten     \    /                                      \
------------------------------------ \  /----------------------------------------\
                                      \/
                          Der Papst in vollem Ornat:
                        "Das Äußerste ist, daß ..." 
                        "Das wird genügen, Eure Heiligkeit."

© Klaus Dautel, 1998



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