Bertolt Brecht  Leben des Galilei 

4. Bild: Unerwartete Widerstände

Galilei hat die Republik Venedig mit dem Florentiner Hof vertauscht. Seine Entdeckungen durch das Fernrohr stoßen in der dortigen Gelehrtenwelt auf Unglauben.

Im Haus des Galilei in Florenz bereitet Frau Sarti alles für den Empfang des Großherzogs von Florenz, Cosmo, vor, der durch das Fernrohr schauen soll, um die ihm gewidmeten Mediceischen Gestirne zu sehen. Der Großherzog kommt mit dem Großmarschall und zwei Hofdamen, allerdings ohne seinen Erzieher, der erkältet sein soll. Kurze Andeutungen im Verlaufe der Szene (S.42/43) legen den Schluss nahe, dass dessen Erkrankung etwas mit den Gerüchten von einem möglichen Pestausbruch in Florenz zu tun haben könnte.
Der Großherzog geht zunächst allein in Galileis Arbeitszimmer hoch, wo Andrea das Zimmer aufräumt. Andrea behandelt den Gast sehr herablassend, offensichtlich hat er von seinem Meister Galilei auch dessen intellektuelle Überheblichkeit übernommen.
Bild 3: Galilei zu seiner Tochter: "Es ist kein Spielzeug." (S.36);
Bild 4: Andrea zu Cosmo: "Das ist kein Spielzeug für Jungens." ( S. 44)
Als Cosmo das Holzmodell des Ptolemäischen Weltsystems auf den Schoß nimmt, kann es Andrea nicht lassen, auch noch das andere, kopernikanische, hinter Karten hervorzukramen und zu zeigen. Cosmo möchte das Ptolemäische Modell nicht mehr hergeben, darüber kommt es zu Rangelei, wobei das alte Modell zu Bruch geht.

In der Zwischenzeit ist Galilei mit Gelehrten der Universität Florenz eingetroffen, man geht ins Arbeitszimmer, wo das Rohr steht, und Galilei versucht seinen Gästen die Ungereimtheiten des ptolemäischen Weltbildes zu verdeutlichen und weist demgegenüber auf seine Entdeckung der Jupitermonde hin, welche nun besichtigt werden sollen. Die Herren aber weigern sich durch das Fernrohr zu schauen und zwingen Galilei stattdessen einen Disput über die Unmöglichkeit und Unnötigkeit der Existenz dessen auf, was das Rohr zeigt. Begründung: Das vom "göttlichen Aristoteles" entworfe Weltbild sei von solch vollkommener "Ordnung und Schönheit", dass ein anderes Modell dem nicht nachkommen könne. Diesem philosophischen Argument versucht Galilei die Überzeugungskraft des Augenfälligen gegenüberzustellen und fordert erneut zu einem Blick durch das Fernrohr auf. Die Gelehrten aber wollen "Gründe" erfahren, die Galilei zu der Annahme bewegen, dass Sterne im Himmel sich frei bewegen sollen. Statt Begründungen zu geben, weist Galilei auf die Existenz des Phänomens Jupitermonde hin, deren Existenz wiederum von den Gelehrten für unmöglich erachtet wird. Selbst wenn das Fernrohr diese zeige, so könne das kein Beweis für deren Wirklichkeit sein. Andrea wendet sich ab und sagt laut: "Sie sind dumm." (47)
Galileis letzter, demütiger Versuch, die Gelehrten zu einem Blick durch das Rohr zu bewegen, kann folglich nichts bewirken, führt aber auf eine neue Konfrontations-Ebene: Die der Autorität! Was wäre, so fragen sich die Philosophen völlig korrekt, wenn die Autorität des Aristoteles in Frage gestellt wird? Galilei gibt die Antwort: Die Wissenschaft stünde vor dem Nichts und müsse in allem von vorne anfangen. Was aber für die Vertreter der herrschenden Weltbildes ein indiskutabler Gedanke ist ("so scheint ... mir eine Fortsetzung überflüssig", S.48), dies ist für Galilei eine unwiderstehliche Herausforderung, ein "Glück".

Während es den Gelehrten - hier erst andeutungsweise - um die Folgen dieser neuen Gedanken geht, nämlich die Gefahr von "celestialer" Unordnung und Disharmonie, so behauptet Galilei zunächst kategorisch: "... als Wissenschaftler haben wir uns nicht zu fragen, wohin die Wahrheit uns führen mag." (S.49). Im nachfolgenden Gedankengang geht es jedoch genau um diese Folgen. Denn sobald der "Mann auf der Straße" seine Augen aufmache und der neuen Fakten gewahr werde, so entstehe die Gefahr, dass nicht nur die Autorität des Aristoteles in Frage gestellt würde, sondern nach und nach immer weitere Zweifel an bisher "für unerschütterlich angesehene(n) Lehren"(49) aufkommen könnten. Implizite und unausgesprochene Folgerung: Es ist folglich im Interesse der Herrschenden selbst, Ungereimtheiten aus dem Weg zu räumen und an "erschütterten Lehren" nicht weiter festzuhalten. Und schließlich muss die neue Wissenschaft den Mut und die "hohe Neugierde" aufbringen, sich in unbekannte, bisher ungedachte Gebiete vorzuwagen, so wie es die venezianischen Seeleute seit hundert Jahren getan haben.
Die Auseinandersetzung wird abgebrochen, der Hofmarschall drängt zum Aufbruch, damit der Großherzog vor dem Hofball noch etwas Ruhe finde. Galilei wird allerdings in Aussicht gestellt, dass man noch die Meinung des päpstlichen Hauptastronomen, Pater Christopher Clavius, einholen werde.


Zur Wissenschaftsthematik in den Bildern 1 bis 4: Zusammenfassung

WISSENSCHAFT und WELTBILD
oder
Warum die florentinischen Gelehrten nicht durchs Rohr sehen wollen
Alte ARISTOTELISCHE WissenschaftGALILEIS neue Wissenschaft
Für wen?
Wissenschaft ist dem gemeinen Mann (z.B. Federzoni) nicht zugänglich
ihre Sprache ist Latein
verlangt formale Bildung, wie sie die Hochschulen vermitteln
ist ein Privileg für wenige
(z.B. den unbegabten Ludovico)
Wissenschaft muss die Fischmärkte und
die Arsenale erreichen,
muss die Sprache des Volkes sprechen
verlangt Neugier und Mut zum Aufbruch
ins Unbekannte, wie z.B. die Seefahrt
ist jedem vernünftigen Menschen einleuchtend (auch einem Kind wie Andrea)
Die Welt
ist als Gottes Schöpfung im
Wesentlichen erkannt und bekannt
ist uns ein großes Rätsel
("Unsere Unwissenheit ist unendlich", S.49)
Das Buch der Natur
liegt aufgeschlagen vor uns und
spricht die göttliche Sprache
von Symmetrie und Harmonie
muss noch entziffert werden und ist
geschrieben in der Sprache der Mathematik (S.46)
Erkenntnismethoden
Deduktion und Analogiebildung:
die Wahrheit einer Aussage
ist von der Autorität der Quelle
abhängig, z.B. Bibel, Aristoteles;
Geräte überflüssig, ja störend
alles Messbare messen: d.h.
ständiges Experimentieren und
Revidieren von Hypothesen;
hierbei wird der Einsatz von technischen
Apparaturen immer bedeutsamer
z.B. das Fernrohr
fügt dem Wissen nichts Neues hinzu,
könnte sogar eine Quelle der
Täuschung und Verwirrung sein
ist eine unschätzbare Quelle
neuen Wissens
und muss als Hilfsmittel ständig
weiterentwickelt werden (Technik)
Zusammenfassung
die Welt ist, so wie sie ist,
in Ordnung, weil in gottgewollter
Harmonie, ihre Erkenntnis ist damit prinzipiell abgeschlossen

die Stellung des Menschen im Kosmos und die Harmonie desselben sind unbezweifelbare Wahrheiten

Prinzipielle Unabgeschlossenheit der Erkenntnis
Abhängigkeit der Erkenntnis von den technischen
Hilfsmitteln und deren Weiterentwicklung
Neues Wissenschaftsparadigma: Experimentalphysik

Das Bild der Welt ist einem ständigen Wandel
unterworfen, so auch muss die Stellung des
Menschen im Kosmos immer neu definiert werden

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GESCHLOSSENES WELTBILD
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OFFENES WELTBILD

© Dautel 1998

Anmerkung:
Sind die aristotelischen Gelehrten, so wie Andrea es ausdrückt, "dumm" (S.47)?
Es sollte meines Erachtens nicht der Eindruck zurückbleiben, als seien die Gelehrten, welche sich Galileis Ansinnen verschließen, einfach nur dumm oder dogmatisch. Deren Ansichten und Vorgehensweisen haben ihre eigene, im Rahmen der herrschenden Denkweise durchaus nachvollziehbare Logik, der schließlich auch Galilei entstammt.
Der kleine Sarti dagegen ist einzig durch die Schule des Galilei gegangen, kennt also nur die neue Denk- und Herangehensweise. Für ihn können die Einwände der Gelehrten in Bild 4 einfach nur dumm sein, wie auch alle anderen, welche nicht zum wissenden Kreis der Galilei-Jünger gehören, einfach nur dumm sein müssen: Cosmo, Virginia, der Papst, vielleicht sogar Galilei nach seinem Widerruf. Andrea zeigt in seinem Verhalten die Intoleranz des Neubekehrten, der nur die eine Wahrheit, die neue, kennt. Sofern diese auch noch mit der absoluten Vater-Figur Galilei verknüpft ist, also auch auf eine Autoritätsperson gründet, muss es für ihn eine umso niederschmetterndere Erfahrung sein, als Galilei widerruft. Er reagiert darauf spontan körperlich: Er findet das zum Kotzen. Sarti verliert in dieser Situation sowohl seinen Vater als auch den Verstand, von nun an ist er mit seinem wertlosen Wissen und seinen gefährlichen Überzeugungen allein, er muss fliehen.
Für Galilei aber, der an die Macht der Vernunft glaubt, sind die widerspenstigen Gelehrten nicht dumm, sondern autoritätshörig. In mancher Hinsicht denken sie auch wieder ganzheitlicher, konsequenter als Galilei. Ihnen geht es nicht um die Existenz dieses oder jenes Gestirnes und seine Laufbahn, sondern um die Harmonie der Welt, oder vielleicht besser: um die innere Logik des herrschenden Weltbildes.
Andererseits jedoch sind sie in der Unerschütterlichkeit ihres Glaubens an den göttlichen Aristoteles intolerant und borniert. Sie verschließen sich konsequent jeglichem Zweifel an den bestehenden Verhältnissen. Dieser Typ Mensch wird leicht zum skrupellosen Helfershelfer der jeweils herrschenden Macht. Galilei spürt: Solche Gelehrten sind gefährlich!

© Klaus Dautel, 1998



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