Bertolt Brecht  Leben des Galilei 

Zur Entstehungsgeschichte des „Galilei“ - Drei Fassungen 1938 - 1955

1. Am 23. November 1938 schrieb Brecht in sein Arbeitsjournal: "DAS LEBEN DES GALILEI abgeschlossen. Brauchte dazu drei Wochen." Dies war wenige Wochen vor der Entdeckung der Kernspaltung durch das Forscherteam Otto Hahn, Lisa Meitner und Fritz Straßmann. Man könnte also sagen, dass die Geburt des Atomzeitalters mit der Fertigstellung der ersten Fassung des "Galilei" zusammenfällt. Das wäre aber, was den thematischen Schwerpunkt dieses ersten Entwurfes betrifft, noch nicht sehr zutreffend, denn es ging Brecht zu diesem Zeitpunkt um eine andere Frage: Wie kann die Wahrheit, genauer: der um die Wahrheit Wissende überleben in finsterer Zeit?

Brecht befand sich seit 1933 im Exil und lebte mit seiner Familie im dänischen Skovbo-strand. Von dort aus musste er beobachten, wie der Nationalsozialismus seine Macht ungehindert entfalten konnte. Im März wurde Österreich in das Reich heimgeholt", im Oktober kam das Sudetenland dazu, im November konnte die Reichskristallnacht ohne nennenswerte Gegenwehr der Bevölkerung durchgezogen werden. Gegen Hitler und seine Helfershelfer schien sich kein erkennbarer Widerstand mehr zu rühren. Für oppositionelle Intellektuelle wie Brecht stellte sich die Frage: Wie soll sich angesichts einer gewaltigen Propaganda-Maschinerie und der systematischen Ausschaltung aller Opposition der um die Wahrheit Wissende verhalten?

Der historische Fall Galilei erschien Brecht unter diesen Voraussetzungen sehr geeignet. Es handelte sich dabei um einen durch die historische Distanz entlegenen Stoff, der aber das Denken in Widersprüchen lehren und die Veränderbarkeit von scheinbar unumstößlichen Ordnungen demonstrieren konnte. Schließlich bot er ganz konkret die Möglichkeit, die Problematik des Widerstehens oder Nachgebens exemplarisch vorzuführen: Soll der Wissende sich um der Wahrheit willen in Gefahr bringen oder sich für günstigere Zeiten bedeckt halten?

Die erste Aufführung des "Galilei" fand im September 1943 im Schauspielhaus in Zürich statt. In den Augen der Theaterkritik geht Galilei durch die Überreichung der "Discorsi“ doch noch als Sieger aus dem Kampf mit der Kirche hervor, was Brecht zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr gefiel, denn in der Zwischenzeit tobte ein Weltkrieg und die ehemals freie Wissenschaft hatte sich zur Kriegswissenschaft gewandelt.


2. Brecht lebt seit 1941 in Santa Monica, Californien, in der Nähe von Hollywood, wo er mit mäßigem Erfolg versucht in der Filmindustrie einen Lebensunterhalt zu verdienen. Dort lernt er den englischen Schauspieler Charles Laughton kennen, mit dem er den Galilei" Satz für Satz ins Englische übersetzt. Laughton konnte kein Deutsch, Brecht nicht sehr gut Englisch, entscheidend war die szenische Gestaltung der Hauptfigur durch Laughton. Dieser war von der verbrecherischen Dimension in der Figur Galileis fasziniert. Die Folge:
"Häufig führte die aus ästhetischen Gründen vorgenommene Änderung zu einer politischen Verschärfung und Laughton war jedesmal zufrieden damit."(AJ 10.12.1945).
Die Intention der Autoren ist nun die Entlarvung der Galilei-Legende vor dem Hintergrund der jüngsten Ereignisse: Der Atombombenabwürfe in Japan am 6. und 8. August 1945:

Das "atomarische Zeitalter‘ machte sein Debüt in Hiroshima in der Mitte unserer Arbeit. Von heute auf morgen las sich die Biographie des Begründers der neuen Physik anders: Der infernalische Effekt der Großen Bombe stellte den Konflikt des Galilei mit der Obrigkeit seiner Zeit in ein neues, schärferes Licht. Wir hatten nur wenige Änderungen zu machen, keine einzige in der Struktur. Schon im Original war die Kirche als weltliche Obrigkeit dargestellt, ihre Ideologie als im Grund austauschbar mit mancher anderen." (aus Brechts Anmerkungen zur amerikanischen Fassung“)

Der Fall Galilei musste für Brecht nun als Sündenfall der Wissenschaft gelesen werden, der in letzter Konsequenz zur Atombombe führte. Die Wissenschaftler hatten zwar die Welt um neue Erkenntnisse bereichert, aber ihre soziale Verantwortung nicht wahrgenommen.

Die amerikanische Fassung wurde in einem Privattheater in Beverly Hills 17 mal aufgeführt und in New York sechsmal (Juli und Dez. 1947). Vor allem bei den Aufführungen in Hollywood, zu denen auch Gäste wie Charlie Chaplin, Ingrid Bergmann und Anthony Quinn erschienen, war die Resonanz durchaus beachtenswert und wohlwollend. Der bereits nach Deutschland zurückgekehrte Brecht ließ von einer der Aufführungen einen Zeitraffer-Film drehen, um die Inszenierungsideen für eventuelle spätere Aufführungen festzuhalten.


Zur amerikanischen Aufführung 1947 in Beverly Hills:

"Man muss wissen, unsere Aufführung fiel in die Zeit und das Land, wo eben die Atombombe hergestellt und militärisch verwertet worden war und nun die Atomphysik in ein dichtes Geheimnis gehüllt wurde. Der Tag des Abwurfs wird jedem, der ihn inden Staaten erlebt hat, schwer vergesslich sein. Der japanische Krieg war es, der die Staaten wirklich Opfer gekostet hatte. (...) Als die ersten Blättermeldungen Los Angeles erreichten, wusste man, dass dies das Ende des gefürchteten Krieges, die Rückkehr der Söhne und Brüder bedeutete. Aber die große Stadt erhob sich zu einer erstaunlichen Trauer. Der Stückeschreiber hörte Autobusschaffner und Verkäuferinnen in den Obstmärkten nur Schrecken äußern. Es war der Sieg, aber es war die Schmach einer Niederlage. Dann kam die Geheimhaltung der gigantischen Energiequelle durch die Militärs und Politiker, welche die Intellektuellen aufregte. Die Freiheit der Forschung, das Austauschen der Entdeckungen, die internationale Gemeinschaft der Forscher war stillgelegt von Behörden, denen stärkstens misstraut wurde. Große Physiker verließen fluchtartig den Dienst ihrer kriegerischen Regierung (...) Es war schimpflich geworden, etwas zu entdecken."
(Bertolt Brecht Stücke 1, Aufbau Verlag Berlin und Weimar 1973 S.687/8)


3. In den Jahren 1953/4 wandte sich Brecht als Leiter des Berliner Ensembles in Ost-Berlin wieder dem Stück zu und gab seinen Mitarbeitern Elisabeth Hauptmann und Benno Besson eine deutschsprachige Bühnenfassung in Auftrag, die dann von ihm noch überarbeitet wurde. Deren Veröffentlichung ist weitgehend identisch mit der heutigen Druckfassung. Das 15. Bild, auf welches die amerikanische Fassung verzichtet hatte, wurde wieder hinzugefügt

Inzwischen lebte man im "Kalten Krieg", die Angst vor dem Atomkrieg hatte durch das Ende des US-amerikanischen Atombomben-Monopols und die Entwicklung der Wasserstoff-Bombe erfüllte die Menschen mit sehr realen Ängsten vor einem dritten Weltkrieg. Gegen den Leiter des amerikanischen Atomprojektes in Los Alamos, Robert J. Oppenheimer, war eine Verfahren angestrengt worden, man warf ihm Sympathie mit dem Kommunismus vor und enthob ihn schließlich seiner Funktionen. Andere, durch und durch loyale und damit weniger skrupulöse Wissenschaftler übernahmen die Arbeit an diesen Programmen.
Die Frage der sozialen Verantwortung des Wissenschaftlers stand damit weiterhin im Zentrum des Galilei" und es gab keinen Grund entscheidende Veränderungen vorzunehmen. In Bild 14 wurde ein Passus eingefügt, der so etwas wie einen hippokratischen Eid für Wissenschaftler verlangt. Ohne einen solchen seien die Wissenschaftler nur ein "Geschlecht erfinderischer Zwerge, die für alles gemietet werden können." (S.126)

Eine erste Aufführung fand im Kölner Schauspielhaus im April 1955 statt, die von Brecht angestrebte Aufführung des Berliner Ensembles folgte erst im Januar 1957.


© Klaus Dautel, 1998



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