Bertolt Brecht  Leben des Galilei 

8. Bild: Die Campagna-Bauern

Ein Gespräch

Im Palast des Florentinischen Gesandten in Rom. Der "kleine Mönch" (siehe Bild 6) aus der päpstlichen Untersuchungskommission, versucht Galilei zu erklären, warum er - obwohl selbst Astronom und Mathematiker - das päpstliche Dekret gegen die "gewisse Lehre" für weise hält.

Er geht von seiner persönlichen Herkunft als Sohn von Bauern in der Campagna aus. Deren Leben ist schwer, sie leben ärmlich und arbeiten doch ihr Leben lang äußerst hart. Ihr Unglück zu ertragen ist ihnen nur möglich durch das Wissen um eine höhere Ordnung, sei es die des Naturkreislaufes von Säen und Ernten, von Zeugen und Gebären, oder die universelle Ordnung, innerhalb derer ihnen eine Rolle zugewiesen wurde, in der sie sich zu bewähren haben. Was wäre, wenn dieses tröstende, stärkende Bewusstsein einer höherer Ordnung wegfiele? Wenn die Heilige Schrift dieses Elend nicht mehr erklären und "als notwendig begründen" (76) könnte? Die Menschen wären ohne Lebenssinn! Galilei stimmt dieser Zuspitzung der Problemstellung zu: "Sie haben recht, es handelt sich nicht um die Planeten, sondern um die Campagnabauern."(77) Warum aber (diese Warum-Frage wird dreimal gestellt) müssen diese Bauern das Elend aushalten, warum brauchen sie diese überlebenssichernden Durchhalte-"Tugenden"? Damit "der Stuhl Petri im Mittelpunkt der Erde stehen kann!" (77) Tugenden, die aus der Not geboren sind, sind abzulehnen, wenn es die Möglichkeiten gibt, diese Not zu beseitigen. Und die neue Wissenschaft kann das.

Hier appelliert Galilei an den Physiker im kleinen Mönch, an dessen Vollständigkeits-Bedürfnis und Neugierde: Die ganze Wahrheit muss studiert werden, nicht nur die Bewegungsgesetze von arbeitserleichternden Wasserpumpen, sondern auch Bewegungsgesetze der Gestirne. Das fordert schon der "Schönheitssinn" (78) des Physikers. Und schließlich: Weil die jeweils herrschende Wahrheit die Wahrheit der Herrschenden ist, so stellt sich hier auch zwangsläufig die Machtfrage: "Es setzt sich nur soviel Wahrheit durch, als wir durchsetzen. (...) Zum Teufel. ich sehe die göttliche Geduld ihrer Leute, aber wo ist der göttliche Zorn?"

An dieser Stelle endet der Disput und Galilei wirft dem Mönch seine Abhandlung über die Gezeiten hin mit der paradoxen Aufforderung, diese nicht zu lesen. Der Köder wirkt, die Neugier des Physikers ist geweckt, der Mönch vertieft sich augenblicklich in die Lektüre. Galilei beobachtet und kommentiert dies mit Worten, die auch für ihn selber gelten: "Ein Apfel vom Baum der Erkenntnis! Er stopft ihn schon hinein. Er ist verdammt, aber er muss ... "(78)



    Arbeitsaufträge:
  1. Erörterung:
    Geben Sie die Argumentation des kleinen Mönchs in konzentrierter Fassung wieder.
    Nehmen Sie zu seiner These Stellung.
    Berücksichtigen Sie dabei Galileis Gegenposition.
  2. Beschreiben Sie:
    Wer oder was ist - nach Galileis hoher Meinung - ein "Physiker"?
    - Womit beschäftigt er sich?
    - Wie betrachtet er die Welt?
    - Welche Tugenden zeichnen ihn aus?
    - Was sind die Schattenseiten dieses Physiker-Bildes? (S.79)
    - Vergleichen Sie mit folgender Stelle in Bild 3:
    Sagredo: "Und wo ist also Gott?"
    Galilei: "Bin ich Theologe? Ich bin Mathematiker."
    Sagredo: "Vor allem bist du ein Mensch. Und ich frage dich, wo ist Gott in deinem Weltsystem?"
    Galilei: "In uns oder nirgends." (33)
Zusammenfassender Tafelanschrieb: Szenen 7-9
            Vom alten und vom neuen Sinn in der Welt  

    AUFGEKLÄRTE KIRCHE                         GALILEI
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                          Demonstrationsobjekt:
                          die Campagna-Bauern
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                              Grundfrage:
                        Wofür lebt der Mensch?
                  Was schafft Sinn und Ordnung in der Welt?
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      Gottes großer Plan                  die allgemeine Vernunft
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      Mensch als Mittelpunkt des          Zweifel an der bestehenden
            Universums                             Ordnung
              ||                                      ||
      Seelenfrieden der Unglücklichen     göttlicher Zorn des Volkes
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                           Zusammenfassung:
      Nicht Wahrheit, sondern der         Wahrheit allein zählt, auch
      status quo ist wesentlich            wenn sie Opfer verlangt
                 
      eine unveränderliche Welt <--------> eine veränderbare Welt

© Klaus Dautel, 1998



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